Nikos – Ankunft mit dem Insel-Lewis

Abreisetag.

Zürich liegt im Nebel. Die frohe Erwartung auf Weihnachten und einer Pause des Arbeitens ist allgegenwärtig.

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Der Nebel verschleppt denn auch etwas die Abflüge am Flughafen Kloten. Der Flieger zieht mit Verspätung hoch, und das Wetter reisst auf: strahlend blau der Himmel, gleissend weiss die Bergflanken der Alpen. Eine friedliche, fast festliche Stimmung kommt auf, in dieser fliegenden, vom Sonnenlicht durchflutenden „Röhre mit Flügeln“.

Während der Lektüre über den verwunderlichen Aufstieg des „Islamischen Staats IS“ erscheint das Signal „Anschnallen“. Und tatsächlich, der Flieger senkt sich nach vorne. Nur: Es sind erst eineinhalb Stunden Flugzeit verstrichen. 2:40 Stunden sollten es aber sein, bis Athen erreicht ist. Es folgt die Ansage des Flugkapitäns, dass es ein Problem mit verdächtigen „Liquids“ gebe. Entsprechend dem Grundsatz security first wird eine Zwischenlandung eingeleitet. BRINDISI, Italy! Ein etwas nervös wirkendes, knappes „Landing procedure“ des Piloten. Huch! Das ist ein ziemlich steiler Anflug durch die Wolken.

Happy landing in Brindisi Aeroporto. Die Türen öffnen sich, rot und schwarz Behelmte – es sieht nach Feuerwehr aus – stehen im Gang hinter dem Cockpit, während sich im Passagierraum ein nicht abbrechendes Gemurmel breit macht. „Terrorist stop?“ hör ich die eine der Flight Attendants sagen, mehr fragen. – So eng sind die Maschen geknüpft. So nah scheint das, wovor „die Anderen“ fliehen. – Ein Uniformierter, mit einem deeskalierenden Lächeln im Gesicht, stösst zur Cockpit-Crew. Doch  seit fünfzehn Minuten null Information.

Jetzt aber! Die security control scheint vorbei zu sein. Der Weiterflug nach Athen ist angekündigt.

Doch wir hängen immer noch fest. Bald eineinhalb Stunden. Nun soll es an den Formalien liegen: keine Überflugsrechte über Brindisi etc. Na dann bleiben wir hier: „Verbannt in Brindisi“.

Letztlich geht’s doch und gut weiter. Athen. Begleitet von einem Bass-Sound der alten Olympic-Maschine, am Boden noch mit einem Schifftankerhorn-Ton vermengt, geht’s weiter über die Ägäis. Den umgekehrten Weg, den die Flüchtlinge nehmen, und durch die Lüfte. Die Aviatik ist den Flüchtlingen verwehrt. Zu Fuss, mit Schlepperbooten, nachher der Fähre, mit Bussen und Zügen ist ihr Instrumentarium.

Ankunft in Mitillini auf Lesbos. Von MICHAEL Räber habe ich ein Foto geschickt bekommen, vom Chauffeur. Ein stattlicher Mann, mit einem sympathischen Lächeln erwartet mich: NIKOS alias Nikolas. Der 65-jährige Kretaner, der nun wegen seiner dritten Frau Lula aus Lesbos auch hier lebt – ich erfahre in kurzer Zeit sein halbes Leben – entpuppt sich als der „Lewis Hamilton von Lesbos“. In seinem leuchtgelben Sportwagen legt er los, als ob ein Notfall vorläge. In 48 Minutnen legt er die 70 kurvigen Kilometer bis nach Molivos zurück. Er fährt wie ein Jungspunt. Nichts für schwache Nerven. Doch irgendwie vermittelt er mir auch Sicherheit. Ich spüre: Er ist einer, der sein Leben lang auf der Strasse verbrachte. Zuerst als Fernfahrer quer durch Europa, nachher als Fahrer für ein griechisches Theater, das vier Monate von Land zu Land tourte. In gebrochenem Englisch lässt er mich wissen: „I don’t need a map. I always drive without map.“ Er erzählt und erzählt, stupft mich dabei mit dem Ellbogen, sagt lachend:

„My life was … pfff!“ und pfeifft durch die Zähne, „crazy life“.

Kampftaucher war er auch. Computerladeninhaber. Und mit dem Theater unterwegs zu sein, habe ihm ermöglicht, die ganze Welt zu sehen und kennenzulernen. „I know princesses“ – er lacht und reisst bei Nikos-Tempo die Arme hoch –, „I know kings“, lacht und wieder … die Arme hoch, „I know premier ministers. All.“ Ich frage, vor dem Hintergrund der Geschichte wie auch der aktuell zugespitzten Flüchtlingsproblematik, wie denn das Verhältnis mit den Türken sein. „Good. Very good.“ Die Türken kämen gerne nach Lesbos, wegen dem guten Essen. Wegen des Mussakàs. „Do you know Mussakà? Tomorrow night, you get Mussakà. Not in Restaurant. From my wife!“ Zurück zur nationalstaatlichen Nachbarschaft. Die einfachen Bürger aus Griechenland und jene der Türkei hätten keine Probleme miteinander. Probleme zu haben, das sei Sache der Regierungen:

„A political game.“

Unverzagt lächelt er. So rasen wir mit vollen Sachen durch die Nacht, die sich über die Insel gelegt hat, und ich denk: Allein diese 70 Kilometer mit Nikos sind die Reise wert.

In einem Appartment-Komplex vor Molyvos komme ich an, stosse zur Gruppe um Michael, und bekomme sofort ein Bohnengericht verabreicht. Ab jetzt stehe ich unter Betreuung eines tollen, äusserst herzlichen Teams aus NIKOS, dem Fahrer, Organisator für alle möglichen und unmöglichen Dinge und Türöffner bei manch einem Einheimischen, dann TAKIS, einem Freund der Familie und Koch, der früher in einer örtlichen Taverna arbeitete, und Nikos Frau LULA, die zusammen mit TAKIS für die üppig bemengten und guten Speisen besorgt sind. ALYNA vervollständigt das Supporter-Team: die aus der Ukraine Stammende, die vor sechs Monaten Mutter eines DIMITRIS geworden ist, ist ums Frühstück besorgt: Griechicher Kaffee und Omelettes werden rasch unverzichtbar.

Und rasch stellt sich auch das Gefühl ein, angekommen zu sein.

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Lula

 

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Takis
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Alyna
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