Bootsalarm – Happy (?) Landing

Für meinen ersten Einsatztag war vorgesehen: Mithelfen beim „Aufräumen“ in Akr Korakas, der nordöstlichen Spitze der Insel, an der ein kleiner Leuchtturm steht, umgeben von ein paar verfallenden Steinhäusern.

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Lighthouse Korakas
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Lighthouse Korakas

Die Steinküste um Korakas wurde seit Mai 2015, vor allem seit September  häufig von Flüchtlingsbooten angesteuert, teils tags, teils nachts. Der ganze, ziemlich unzugängliche Küstenbereich, nur über eine ruppige dirty road erreichbar, ist übersäht mit unzähligen Gummibooten und noch mehr Schwimmwesten.

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Mit Booten und Schwimmwesten „verschmutztes“ Ufer

In Korakas hat sich ein internationales Freiwilligenteam unter Führung vom MATT Llewellin aus Bristol, England, eingerichtet: Sie wohnen im benachbarten Dorf Kleio, oder direkt vor Ort in Zelten oder in improvisierten Sheltern innerhalb der Steinruinen. In der Nacht werden sie unterstützt durch die NGO „Lighthouse“. Immer einsatzbereit für „Bootsrettungen“, stets mit dem Ziel, ein medical team zu stellen, und über die restliche Zeit damit beschäftigt, die Küste vom Unrat der Flüchtlingsfluchten zu befreien: aus Sicherheitsgründen und um der lokalen Bevölkerung zu signalisieren, dass die internationale Solidarität nicht nur den Flüchtlingen gilt, sondern auch ihnen und ihrem Haupterwerbszweig, dem Tourismus.

Kaum angekommen, höre ich MICHAEL schimpfen: „Ich wollte doch nicht schon wieder nass werden.“ Ich dachte dabei, jemand hätte ihn unabsichtlich nass gespritzt. Nun ich seh ich aber, er zieht seine Neoprenhosen, die bis zur Brust reichen, hoch.

BOOTSALARM!

Alle auf Korakas Anwesenden machen sich kundig und bereit auf eine Anladung eines Fischerboots. Standard heute sind schwarze oder graue Zodiac-Gummiboote. Gehen diese aus, oder lässt sich ein Fischerboot mobilisieren, machen sich die Flüchtlinge mit solchen auf den Weg der sieben bis neun Kilometer zwischen der türkischen Küste und Lesbos.

Eine Anladung eines solch grossen Fischerboots an einer Steinküste ohne Steg oder andere Infrastruktur ist heikel, ja gefährlich. Vor allem auch, wenn man sich vor Augen stellt, dass die meisten Flüchtlinge noch nie das Meer sahen, geschweige denn erprobt sind, die Boote an eine wilde Küste zu manövrieren. Schwimmen können die wenigsten.

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Blicke hinaus aufs kommende Boot
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Bemerkbar machen
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Versuch, das Boot einzuweisen

Entschlossenes Handeln macht sich an Land breit. Kaum Hektik. Auch bei den Leuten, die das erste Mal vor Ort, das erste Mal an einer „Bootsrettung“ mit dabei sind. Ich greife instinktiv zur Kamera. Und MICHAEL weist mich kurzerhand an: „Du fotografierst!“

Dann geht’s schnell. Das Boot kommt an. Die Wellen schlagen es auf die Steine.

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Ankunft. Rechts im Wasser: MICHAEL (vorne) und GEORGIOS vom „Swisscross.help“-Team, links: die Amerikaner ALEX (vorne) und SAM
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Einer der Flüchtlinge springt ins Wasser und hilft ALEX am Seil. SAM, der US-Haudegen, gibt Anweisungen.

Dramatische Momente folgen. Die folgenden Fotos bezeugen einige davon. Zuerst wird den Kindern und Frauen an Land geholfen, dann den Männern.

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Die Kinder werden aufgenommen und weitergereicht, ausgehend von UELI (CH, mit der Mütze mit dem Schweizer Kreuz) zu GEORGIOS (CH, der Bärtige) zu SAM (USA, der Barfüssige) zu ADAM (USA) und zu JO ELLE (CH) …
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Weiter in der Reihe: SÄM (CH) und NATALIE (CH)
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Es folgt CILIA (ESP).

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Während vorne den Flüchtlingen aus dem Boot geholfen wird, sichert MICHAEL das Boot hinten ab.

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Hi! … UELI und das Mädchen
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Ebenso GEORGIOS
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Und nun kommt zusätzliche Hilfe: die Rettungsschwimmer aus Spanien – ebenfalls Freiwillige der Organisation „Proactiva Open Arms“ –, dank grosszügigen Spendengeldern seit wenigen Wochen mit allerneuestem Gerät.

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Je leerer das Heck des Boots, umso instabiler wird’s – eine Spanierin und ein Spanier zögern keinen Moment.

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Ein Kind, in CILIAS Armen, sucht und schreit verzweifelt nach ihrer Mutter.

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Dieses Bild illustriert, mit welcher Anspannung und Angst die Bootsüberfahrt erfolgte: Eine junge Syrerin bricht im Moment und angesichts der sicheren Anlandung und Hilfe in Ohnmacht. UELI, GEORGIOS und SAM werden aufs Äusserste gefordert.
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SAM und GEORGIOS wechseln sich ab.
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Geschafft!

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Die Momente der Erleichterung …

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SAM und der syrische Junge finden bereits wieder Raum zum Spielen.
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Blick zurück: SÄM und ein völlig verängstigter Junge bei der „Bootsrettung“, …
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… derselbe Knabe nach ein paar Minuten.
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Vater und Sohn

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Was mag im Kopf dieses Jungen vorgegangen sein? Er wurde beobachtet, wie er ganz alleine minutenlang aufs Meer zurückschaute, auf dem er sich gerade noch befand.

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Möglicherweise ist das Schlimmste überstanden. Doch es war nur eine Etappe. Weiter geht’s, zu Fuss den Berg hoch ins nächste Dorf, wo die Einheimischen für Verpflegung und Busservice sorgen. Von dort weiter zum Transitlager oberhalb Skala Sikamineas und zur einzig möglichen Registrierung auf der Inseln, im Camp Moria bei Mitillini.

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Kaum sich verabschiedet von den vor Dankbarkeit erfüllten Gesichtern, schon wieder … Bootsalarm! Doch nun geschieht’s nach Plan der sich vor Ort abgesprochenen freiwilligen Helfergruppen: Die „coolen“ Spanier von der nahe gelegenen Bucht werden angepeilt und schon preschen sie mit ihren Jet Skis zu Hilfe.
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Geleitschutz des Gummiboots nach Skala Sikamineas, an ein flaches Ufer, wo die Anlandung viel ungefährlicher ist und die Sofortversorgung besser zu organisieren ist.
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JO ELLE – erleichtert.

 

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