Der Strom der Flüchtlinge bricht nicht ab – „Thank you!“

Am Samstag war’s kühl. An der Küste war’s beissend kalt, wegen dem Wind. Entsprechend rauh war die See. Alle Helfer an der Küste hofften, dass bei diesen Verhältnissen keine Boote kommen. Den Tag über war der Küstenabschnitt, an dem wir mit anderen tätig sind, ruhig. Ich sprach ein weiteres Mal mit PANOS, dem jungen griechischen Rettungsschwimmer. Er erklärte mir, dass zwei von Ihnen im Zelt an der Küste bei Limangiki Wache halten würden. Damit im Bedarfsfall sofort Alarm geschlagen werden kann.

In der kommenden Nacht – um 01:30 Uhr –, bei noch rauherer See kam dann doch ein Boot, ein doppelstöckiges, mit (später registrierten) 335 Personen, die gute Hälfte Kinder, Kleinkinder und Babys. Unser Team wusste nichts. MICHAEL vom Team wohnt im Hotel Panselinos, das näher am Ort des Geschehens liegt. Er ging raus, stand zweieinhalb Stunden im Wasser, in der rechten Hand eine Lampe, in der linken Hand eine Lampe, und beleuchtete den Weg ans Ufer, für zwei Rettungsschlangen.

Video zur nächtlichen Anlandung der 335 Flüchtlinge

Sie kommen mitten in der Nacht. Der Wind tobt, er pfeift um die Ohren, doch dieses Pfeifen ist durchsetzt von Kindergeschrei, das nicht abbrechen will. Es stehen kräftige und sportliche Leute Stunden im kalten Wasser. Tragen Kind um Kind raus. Es will nicht aufhören. Dann begleiten sie die Erwachsenen ans Ufer. Dabei waren sie schon im Bett, müde, aber befriedigt von einem anstrengenden Tag. Rausgesprungen aus dem Bett. Nicht als organisierte und bezahlte Bereitschaftstruppen. Nein, als Freiwillige.

Die Politiker Europas verteilen Geld untereinander, und die Freiwilligen stehen im Wasser. Einfach deshalb, weil sie weiterhin kommen, die Flüchtlinge. Unter riskanten und harten Bedingungen. DAS ist die Realität vor Ort.

Die Metaebene der medialen Informationsvermittlung ist nicht mehr nur ärgerlich. Sie ist unprofessionell. Und sie macht wütend. Bei den Menschen hier.

Es sei still, ist in den nördlichen Medien zu hören. Es kämen kaum mehr Flüchtlinge. Na ja, am Montag um 04:30h war’s wieder für ein paar Leute fertig mit dieser Stille. Wie für viele Freiwillige. MICHAEL war die ganze Nacht online, in Rescue-Chats. So entdeckte er ein Austausch zwischen ALI, einem Vertreter der syrischen Diaspora in Finnland (!), der verbunden war mit JASIM, einem Flüchtling, der mit anderen Flüchtlingen bereits in einem Boot unetrwegs nach Lesbos war. Es kommt zum Triple-Chat: JASIM auf dem Boot gibt die Koordinaten dem ALI, dieser visualisiert sie, MICHAEL sieht sie. Er versucht MATT Llewellin beim Lighthouse Korakas zu erreichen. Erfolglos. Die Gefahr besteht, dass das Boot ohne Hilfe anladen muss. MARCO, MICHAEL und ich als Fahrer eilen durch die Nacht nach Korakas. MICHAEL schaut auf sein Handy, und berichtet: „Das Boot kommt gut voran.“ Und korrigiert nach einer Denkpause: „Nicht so gut. Aber wir kommen voran.“

Als wir in „Finisterra“ Korakas ankommen, können wir erkennen, dass die Bootsanladung bereits vonstatten geht. Zwei Jugendliche, wie unter Drogen stehend – es wird gemunkelt, dass Schlepper Flüchtlingen etwas zum Aufputschen geben – begrüssen uns euphorisch, ja überdreht: „Hey guys, how are you.“ Es folgen die restlichen der 25 ‚Passagiere‘.

Einer der ersten ist ein Mann, in dem MICHAEL jenen JASIM vermutet, mit welchem er im Dunkle-Nacht-Chat stand. „JASIM?“ Er bejaht. „MICHAEL!“ Die Beiden eigentlich Fremden umarmen sich. JASIM dankt, und dankt, und dankt. Der nächtliche Chat mit MICHAEL, während er mit der Gruppe in der Dunkelheit das Meer befuhren, muss ihm Zuversicht vermittelt haben, eine Zuversicht, die er an seine Mitfahrerinnen und Mitfahrer weitergeben konnten. „Thank you for your help.“

Video: Interview von MICHAEL mit JASIM

25 Personen waren auf dem Boot. Das ist wenig für ein einzelnes Boot. Darum kamen sie auch gut, und sicherer als Andere voran. Am Schluss des Tages hat wiederum das Hundertfache dieses Bootes Lesbos erreicht. Der Schnitt dieser Tage: 2’000 Neuankömmlinge aud Lesbos; dies ergäbe 60’000 im Monat. Es können schnell wieder noch mehr sein.

ALI, dem in Finnland sitzenden Urheber unseres nächtlichen Aufbruchs, freut die sichere Überfahrt seiner Landsleute sehr. Wir bekommen seinen überschwenglichen Dank zu spüren, mit dem er MICHAEL und uns überhäuft, für eine Hilfestellung, die man hier einfach macht, weil man hier ist und nicht zusehen will. Dabei hatte die NGO „Lighthouse“ vor Ort – für die Nachtwache auf Korakas zuständig, jedoch nicht erreichbar – ganze Arbeit geleistet. Wir assistierten mit Licht, Wärmefolien, Wasser, Zuspruch und letztlich einfach mit Präsenz an einem Ort wie „Finisterra“, hier draussen in der Dunkelheit, die durchbrochen wurde von etwas schweizerischer Organisation: einem Generator und Lampen als Teil unseres Rettungskits. Simpelste Dinge. Aber Menschen näher bringend.

Und immer wieder dieser Blick des Dankes der heil Ankommenen. Ein Lächeln. Manchmal auch ein etwas erschüttert wirkendes Lächeln. Zu unheimlich musste die Überfahrt durch die dunkle Nacht gewesen sein. Auf das Adrenalin folgt Erschöpfung, Erleichterung.

Und immer wieder:

„THANK YOU!“

Es sind jene zwei Worte, die man am häufigsten von den Flüchtlingen hört. Überall.

Wir liefern ins zweite Camp Karatepe bei Mitillini 80 Zelte, an STAVROS, von der lokalen Behörde.

Stavros-und-Gruppe-(1-von-1)
STAVROS von der Gemeinde Moria nahe Mitillini, verantwortlich für das Camp Kara Tepe, im Gespräch mit einer Delegation des Swisscross.help-Teams (von rechts: GEORGIOS, SÄM, MICHAEL (von hinten) und UELI)

STAVROS ist ein Mann mit bestimmtem Auftreten. Läuft es dann auf eine Verabschiedung hinaus, schüttelt er jede der Gruppe die Hand, bedankt sich tausendmal, legt die rechte Hand auf seine Herzseite, betont inständig, wie hilfreich unser Material, bedankt sich nochmals und sichtlich bewegt umarmt er MICHAEL zum Abschied.

Oder man geht durchs Oxy, das Transitcamp bei Molivos, ein Junge von etwa sechs Jahren steuert auf mich zu, sagt „Thank you.“ Vielleicht sind es die einzigen Worte, die er kennt, in einer fremden Sprache.

Es sind nicht die schlechtesten Worte, die Fremde untereinander austauschen können.

 

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