Stop it – Safe passage!

 

Für die Publikation dieses Artikelfotos gibt es nur eine Rechtfertigung:

STOP IT – SAFE PASSAGE!

Im Moment der Aufnahme vermisste diese vierköpfige Familie ihr neun Monate altes Baby. Ihre einzige Hoffnung ist noch, dass spanische und griechische Rettungsschwimmer in dramatischen Szene bei in Seenot geratenen Gummibooten zuerst und eiligst Babys und Kleinkinder geborgen haben, bevor dann „Fronte“ nicht anders konnte, als auch zu helfen, die anderen Flüchtlinge zu retten. Trotzdem sind heute zwei Menschen vertrunken. Sinnlos.

[Nachtrag vom 18.12.2015: Das Baby der beschriebenen Familie ist verstorben. Es wurde veranlasst, dass die Familie sofort nach Deutschland einreisen durfte.]

Der Flüchtlingsstrom reisst nicht ab. In der Türkei haben zuviele Leute schlicht kein Interesse daran, dass er abbricht. Weder die Schlepper, noch die türkische Mafia, noch die bestochenen Zöllner, Polizisten, Politiker und jene Politikspitze, die mit den uneinigen europäischen Staaten Katz und Maus spielt. Die drei Milliarden EURO der EU für die Türkei ist etwas für die Bühne. Gemessen an dem, was backstage der „Flüchtlings-Markt“ abwirft, sind die drei Milliarden Peanuts. Etwas empathischer sich eindenken in die ökonomische Logik gerade jener, die man nicht mag, zeigt: So kann das niemals aufgehen. Es erinnert vielmehr an politisches Schattenboxen, umrauscht von viel Geschwätz, politischem Palaver. Aus der Sicht Flüchtender und Helferinnen und Helfern vor Ort ist dies nur Zynismus.

Man könnte beteiligungslos mit den Schultern zucken. – Ich persönlich habe das gesehen, was ich sehen wollte: die Gesichter jener Frauen, Kinder und Männer, die ihr Leben aufs Spiels setzen, um nach „Europa“ zu kommen, in Sicherheit. Und an der Grenze der Türkei – oder jener in Nordafrika – haben die Flüchtlinge nur die EINE Wahl: UNSAFE PASSAGE. Vielleicht wird einmal die Zeit kommen, in der man rückblickend Bilanz zieht, vom Versagen der Staatengemeinschaft, die jammert und jammert und jammert und damit in Kauf nimmt, dass vor allem junge Menschen, junge Familien, Kinder, ja Babys vor ihren Augen im Meer ertrinken. – So wie heute. – Vielleicht wird dann, in jener Zeit des Bilanzierens, von den ‚dunklen Tagen der Humanität des 21. Jahrhunderts‘ die Rede sein. Einer Zeit, die jetzt jetzt ist.

Human zu sein und human zu handeln lässt nur diese Wahl: SAFE PASSAGE. Als Teil eines geordneten und menschenwürdigen Asylverfahrens, mit Blick darauf, dass wir eine neue Formel für die Migration in unserer Generation zu erfinden haben. Nichts weniger als das. Was sich im Mittelmeer abspielt, ist ohne Formel. Es ist mehr Ausdruck chaotischer, von Angst getriebener Zukunftsgestaltung als das, was wir auch sein könnten, intelligent und mitmenschlich die Zukunft an die Hand zu nehmen. Das Können dafür ist da.

***

Was ist erneut geschehen? Heute Nachmittag verdichten sich die Nachrichten, dass es auf der Meerpassage zwischen der Türkei und Lesbos zu grösseren Problemen kommen könnte. Starker, beissender Wind zieht auf, die Wellen werden grösser. Alarmstimmung macht sich breit, weil bekannt wird, dass verschiedene Flüchtlingsboote unterwegs sind. Gefährdet, in ihr Unheil zu fahren. Die Rescue-Chats laufen heiss. Die griechische Küstenwache ist auf auffälligerer Beobachtungstour. Dann das, was kommen musste, die Meldung: Drei Boote in Seenot!

Die Küstenwache kreist um die Boote. Ein Schiff der „Frontex“ unter norwegischer Flagge, deren Aufgabe die Sicherung der Grenzen des Schengenraums ist, kreuzt auf. Die See ist so harsch, dass die Wellen über das Schiff peitschen.

Vom Hafen von Molivos preschen die Schnellboote von „Seawatch“ sowie die spanischen und griechischen Rettungsschwimmer los („Proactiva“ und „Hellas Lifeguard“). Dann die Meldung – unbestätigt: Mann über Bord! „Greenpeace“ ist auch mit ihrem Schnellboot aufgekreuzt und „Médecins sans Frontières“ ist auch vor Ort. Nächste Meldung: Erstes Boot sei am Sinken. Retter mit Schnellboten, Jet-Skis und nun auch „Frontex“ versuchen, die Flüchtlinge in Seenot zu evakuieren. An erster Stelle Babys und Kleinkinder. Zwei griechische Rettungsschwimmer sind so lange im kalten Wasser, dass sie wegen Unterkühlung selbst ärztlich behandelt werden müssen. Im Hafen von Molivos erfolgt erste Hilfe.

Das Frontex-Schiff steuert jenen Hafen an, an dem das Schiff besser anlegen kann: Petra. Ein grösserer Konvoi aus Helferautos verlagert sich in rasantem Tempo dorthin, darunter auch Ambulanzen und weitere Fahrzeuge der bestens ausgerüsteten, holländischen Organisation „Bootvluchteling. Boat Refugee Foundation“:

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Innert Kürze breitet sich im Hafen Petras Hektik aus. Menschen mit extremer Unterkühlung werden weggebracht. Die Anderen medizinisch und psychologisch betreut, dabei müssen vor allem auch die nassen Kleider durch trockene ersetzt werden. Die Flüchtlinge sind alle von oben bis unten nass. Unsere Kisten mit trockenen Kleidern, aussortiert nach „Frauen“, „Männer“, „Kinder“, „Babys“ waren sofort greif- und damit einsetzbar. Zur grossen Erleichterung und Freude der anderen Helfer, den Holländern und dem Medical-Team von „SCM“.

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Das Medical-Team „SCM“ im Einsatz.
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NATALIE von unerem Team „Swisscross.help“ mit syrischer Frau und ihrem Baby
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Unsere Münchner – MICHAELA und MAX – beim Wärmen, Stärken und Beruhigen.
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Ebenso die Ärztin SUBIYYA Alam

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NATALIE mit einem älteren Mann, der sein eigenes Mittel zur Bewältigung der Seelennot  auspackt: Humor! Er lacht: Alle Kleider würden nicht passen, bei seinen Massen.
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Auch die Schuhe passen nicht …
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Ein Mann ist in Sorge um seine Familie, die er nur zum Teil in Sicherheit weiss. MAX (mit Kappe) und MICHAELA betreuen ihn.
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Das Mädchen hat zur Familie zurückgefunden. Doch die Familie ist trotzdem verzweifelt: Ihr neunmonatiges Baby ist verschollen. Alle Hoffnungen liegen auf der Information, dass im Hafen Molivos ein gerettetes Baby sei, das noch niemandem zugeordnet werden konnte.
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Die Gesichter dieses Fotos erzählen viele Geschichten: alles nur schlechte. Es darf so nicht weitergehen, dass Familien um ihr kleinstes Mitglied bangen, oder gar trauern. Diese Gesichter stehen für ein globales Versagen im Umgang mit Migration, für den europäischen Zynismus zuzuschauen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. STOP IT – SAFE PASSAGE!

***

Nach der Hilfe…

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Ein Teil der norwegisch-griechichen Crew des „Frontex“-Schiffs: Bei untergehenden Booten hilft Beobachten und Abwehren nichts mehr, nur noch Menschlichkeit … unabhängig vom Kernauftrag.

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Erschöpft und vor allem erschüttert, ein Teil unseres „Swisscross.help“-Teams (NATALIE, JESS, MARCO, CHRISTIAN, UELI und HANNI)

Die red line wurde überschritten: Bislang konnte man den Leuten aus dem Wasser helfen, sie aufwärmen, sie verpflegen und miterleben, wie erleichtert oder glücklich die Flüchtlinge waren, die gefährliche Seeüberfahrt überlebt zu haben. Das war als Erfahrung o.k., ausreichend für Menschen, von denen die meisten keine Erfahrung darin haben, Menschen in Gefahr zu helfen oder gar ihr Leben zu retten. Bereits dies ist nicht nicht wirklich zu akzeptieren, wenn man sieht, dass andere wegsehen.

Es ist nicht zu akzeptieren, dass hauptsächlich voluntaries dafür sorgen, dass möglichst wenig Schlimmes passiert. Wie lange sollen sie das noch tun?  
Es ist nicht zu akzeptieren, dass heute wiederum zwei Menschen ertranken. Infolge menschlichen Versagens, nicht hier. Nein. 
Aber dort in den Schaltzentralen einer Staatengemeinschaft, die gemessen am Ergebnis fahrlässig handelt. Aber auch weil es zuviel Bürgerinnen und Bürgern Europas offenbar zuwenig interessiert, dass im Mittelmeer Menschen SINNLOS sterben. 

Und … es gibt auch jene, die das durchschauen,

  • die vor Ort helfen, zu Tag und zu Nacht, bis zu ihrer körperlichen und psychischen Erschöpfung,
  • Journalisten, die darüber ungeschminkt und ungesteuert darüber berichten, weil auch sie realisiert haben, dass dieses aktuelle Migrationsskonzept untauglich ist, ja fahrlässige Tötung impliziert – Siehe beispielsweise die harte Kost einer BBC-Berichterstattung von gestern auf dem Wasser, im Hafen in Molivos und dann in Petra, von wo auch ich berichtete: „Migrants pulled from sea by Spanish lifeguards“.
  • Menschen zuhause, die in ihren Kreisen helfen, kommunizieren, Unterstützungsgelder auftreiben und spenden.

 

 

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