Irresponsibility.org – Die Organisierte Unverantwortlichkeit

[Obiges Artikelbild: Ein Jugendlicher am Rand des „Afghan Hill“ im Registrierungscamp Moria. – Ein Sinnbild für eine künftige kontinentale Migrationspolitik mit mehr Weitblick? Und: Jeder stattliche Baum beginnt einmal als Pflänzchen.]

Die internationale, nationale und lokale staatlichen Einheiten machen eine merkwürdigen, fragwürdigen, ja in wesentlichen Bereichen verantwortungslose Arbeit. Die kontinentale Migrationspolitik versucht als primäres Mittel, eine firewall um den Schengenraum zu errichten. „Frontex“ als Gemeinschaftsagentur der EU muss aktuell die „Aussengrenzen“ dieses Raums absichern. Vom Lande betrachtet scheinen sie die Geschehnisse partroullierend zu beobachten, letztlich aber jene Flüchtlingsboote nicht zurückzuweisen, die die Seegrenze zur Türkei überschritten haben. Und zumindest bei Seenot leisten sie auch Hilfe. Nun kündigte diese Tage Jean-Claude Junker von der EU-Kommission eine neu zu schaffende „europäische Grenz- und Küstenwache“ an. Verschärfung der Grenzkontrolle ist das Ziel. Schlupflöcher sind zu schliessen.

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Die Küstenwache patroulliert.

FERNHALTEN ist das primäre Ziel. Mit Erdogans TÜRKEI als territoriales Bollwerk. Schon heute fängt die türkische Küstenwache in ihren Gewässern jene Flüchtlingsschiffe ab, denen sie habhaft wird, schafft sie entsprechend dem Aktionsplan zwischen der EU und der Türkei zurück. Erdogan will der EU gefallen, um von ihr das zu bekommen, was er anpeilt. Doch was geschieht mit den noch Hunderttausenden Flüchtlingen, die in der Türkei ausharren müssen? Sie darben in einem halbdiktatorischen Land, das ihnen keine politischen Rechte zugesteht, keine Arbeit und in dem sie so keine Perspektiven für die Zukunft erkennen können. An eine Rückkehr in ihre Heimat ist noch lange nicht zu denken. EUROPA und die TÜRKEI stecken die Flüchtlinge somit in eine Art „Zwischenablage“, die nichts Gutes verspricht. Doch dieses Konzept kann nicht aufgehen, wie bereits im Artikel „Stopp it – Safe passage!“ am 16.12.2015 dargelegt wurde. Denn die Flüchtlinge wollen, ja müssen in ihrer Situation weiterhin weg aus der Türkei. Und die Schlepper und die Mafia haben ihrerseits kein Interesse, dass die Flüchtlinge ihr Fluchtgeld für den ungewollten „Türkeiaufenthalt“ ausgeben statt dass dieses in ihre Taschen fliesst. Deshalb setzt sich die Flucht über das schmale Meeresband zwischen der Türkei und Lesbos fort.

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Der Meeresauschnitt, durch welchen sich in der Mitte die Grenze des Schengenraums zieht: hinten die Türkei, vorne die Küste von Lesbos bei Eftalou.

In dieser Lage sind die Flüchtenden jedoch gezwungen, noch viel grössere Risiken auf sich zu nehmen, und dies bei immer gefährlicheren Wetterbedingungen. So entsteht vor Lesbos jene reale Welt: Meist junge Menschen und junge Familien mit vielen Kleinkindern und Babys werden auf der Flucht vor Krieg und Unterdrückung gezwungen, ihr Leben auf einem Meeresabschnitt zwischen „Europa“ und „Nicht-Europa“ aufs Spiel zu setzen, weil die aktuell herrschende Migrationspolitik primär auf eine firewall setzt. Für solch eine Haltung gibt es den einen Ausdruck: „ORGANISIERTE UNVERANTWORTLICHKEIT“ oder man könnte auch sagen  „international-irresponsibility.org“.

Das UNHCR hat weltweit gesehen keine leichte Stellung. An vielen Orten muss es präsent sein. An diversen Hotspots der globalen Migration hat es Lager eingerichtet, für deren Betrieb ihnen ausreichend Geld fehlt, weil Geberländer das versprochene Geld nicht zahlen. Darunter sind auch Länder, die bei der Migration lauthals darauf pochen, dass das Problem vor Ort, in der Region, gelöst werden müsse. Die Konsequenz fehlt.

Doch zumindest hier auf Lesbos macht das UNHCR einen zwiespältigen Eindruck. Es liefert mit unerklärlicher Verspätung zwei Zelte ins Transitcamp Oxy, das nun von der NGO „Starfish“ geführt wird, was wohl auch besser passt. Eine provisorische Heizung lieferte der Private MICHAEL Räber, definitive leistungsfähigere Heizaggregate die NGO „International Rescue Comitee IRC“, womit die Zelte nun auch wintertauglich geworden sind.

An der Limantgiki Coast, wo die griechischen Rettungsschwimmer im 24-Stundendienst stehen, und in einem dürftigen Zelt Wache halten, stehen noch zwei UNHCR-Zelte – sogenannte IKEA-Zelte –, die jedoch verschlossen wurden und so nicht zu gebrauchen sind. Im Küstenbereich zwischen Eftalou und Skala Sikaminea stehen weitere vier solche verschlossenen Zelte. Sie stehen da und können angeschaut werden.

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UNHCR-Zelte, bereit für den Betrieb, aber abgeschlossen und somit nutzlos an der Küste stehend. Die reinste Provokation für jene, die vor Ort konkret helfen.

Im Registrierungscamp Moria lagen die Flüchtlinge noch im Oktober im Dreck, zunehmend im eigenen. Das UNHCR stellte dann zwei wetterstabile Zelte hin, ohne diese aber zu betreuen. Sie machten sich wieder aus dem Staub, … und nächtigen auf Spesen im besten Hotel im Ort. Nach ein bis zwei Ankünften von Flüchtlingen entsteht bei soviel Menschen auf engem Raum in den Zelten notgedrungen Unrat. Niemand vom UNHCR kümmert sich darum. Die Flüchtlinge gehen so lieber in die viel schlechteren, nicht wirklich wintertauglichen Zelte wie auf dem „Afghan Hill“, in Einrichtungen, die freiwillige Teams mit Spendengeldern selbst aufgebaut haben. Infrastrukturell wurden sie auch von „Swisscross.help“ unterstützt. Der „Hill“ strahlt trotz oder gerade wegen der Improvisiertheit Wärme aus. In der Teeküche dürfen / sollen auch Flüchtlinge mitwirken: bei der Teebereitung, in der Früchte- oder Keksausgabe, beim Eierkochen.

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Hassan aus Pakistan beim Eierkochen
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Abdou aus Mauretanien bei der Tschai-Ausgabestelle mit Kind

In Moria scheint die Formel zu gelten: „Volunteers = Wärme“ und „staatliche .org = Kälte“.

Die Helferin LINDA Mizun aus England bestätigt dies. Sie berichtet, dass zwei gespendete, voll ausgerüstete Ambulanzwagen nicht zum Einsatz kommen dürfen. Sie wurden von den griechischen Behörden nicht zugelassen. Im Camp Kara Tepe wollte die Polizei nicht länger Registrierungen durchführen: Es sei zu kalt. Sie registrieren nur noch in den etwas wärmeren Räumen der ehemaligen Militäreinrichtung in Moria, während die schlecht gekleideten Flüchtlinge stundenlang, auch über Nacht und bei Regen in der Schlange ausharren müssen, weil ohne Registrierung gar nichts geht. „They are standing in the fucking line up to 10 days“, entrüstet sich die eigentlich so gepflegt auftretende Engländerin. „Die Polizei zerstört alles“, klagt LINDA. Sie wollten den Flüchtlingen gar nicht helfen. „Wir machen die ganze Arbeit, und sie sind hinter uns her.“

 

 

 

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2 Gedanken zu “Irresponsibility.org – Die Organisierte Unverantwortlichkeit

  1. Aus meiner kurzer Erfahrung auf Lesvos könnte ich alles bis auf einen Punkt voll unterschreiben. Die Polizisten sind nervös – nicht ohne Grund* – und zum Teil überfordert (Sprachprobleme unter anderen). Dazu sind einige doch wie beschrieben, aber manche sind hilfsbereit und sorgen sich um das Schicksal vor allem von Kindern die in der Menge verlorengehen. In meiner (zugegeben beschränker) Erfahrung mit verloren gegangenen Kindern ist es gut ausgeganen, aber zwei Mal mit sofortiger Hilfe von Polizisten. Wir Helfer sollen bereit sein die Polizisten freundlich anzusprechen und auch beim vorbeilaufen zu grüssen. Nicht alle sind schlecht.
    *Die Flüchtling halten sich mit Würde und Anstand, aber trotzdem hat man mit Menschenmengen zu tun und ein Funk …

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    1. danke für Ihren beitrag. einiges vom problem zwischen polizei und flüchtlingen – hier in Griechenland, weniger in der Türkei –liegt in der Kommunikation: dazu passt perfekt das, was Mhd „ZIKO“ erzählt, siehe dessen porträt. mit gruss Thom Held

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