Die transatlantische Union von Freiwilligen

[Artikelfoto, von links: „Die Union“ aus CASTOR (GB), LAUREEN und ADAM (USA), CILIA (ESP), ADAM (USA) und JESS (CH)]

„Das Volk“. Leute aus diesem unpräzisen Sammelbergiff sind aktuell in Lesbos unterwegs: die einen als Flüchtlinge, die anderen als Helfer. „Das Volk“ wird oft als manipulierbare Spielmasse vieler Parteien und Politiker unterschiedlicher Couleur verwendet. Kaum jemand von diesen Meinungsmachern oder politischen Entscheidungsträgern war oder ist an der Küste von Lesbos, Kos oder andernorts anzutreffen. Eigentlich NIEMAND von denen. Alexis Zypras liess sich vor Wochen einmal im Registrierungszentrum Moria blicken. Extra für ihn wurde noch etwas sauber gemacht. Er wandte sich mediengewandt an Flüchtlinge hinter einem Zaun, erhoffte sich ein medienwirksames, dankbares Lächeln der Flüchtlinge, erntete stattdessen Bitten nach mehr Nahrung. Ein etwas betretenes, fast beschämtes Lächeln war die Folge.

Über Tage, über Wochen stellt sich die Frage: Wo sind all die Entscheidungsträger, die sich vor Ort ein von ihrer Administration losgelöstes, ungeschminktes Bild machen wollen? Politiker können sich nicht um alle einzelnen Punkte kümmern, heisst es einleuchtend. Die Politik der Entscheidungsträger müsse sich ums big picture und dessen Gestaltung im Dienste der Allgemeinheit kümmern.

Es wird immer deutlicher, dass diese Flüchtligsproblematik, die sich nun im Jahr 2015 zugespitzt hat, erst der Anfang ist. Man spricht auch in der (grossen) Politik immer mehr von der grössten Herausforderung, seit Jahrzehnten, vielleicht seit dem II. Weltkrieg. Wenn dass so wäre: Wenn es so epochal wichtig ist, warum macht sich NIEMAND ein ehrliches Bild dieser Situation?

Nun, die Fähigkeit fürs big picture oder noch verstärkt für das Essenzielle wie etwa Mitmenschlichkeit schlummert in wohl fast jedem menschlichen Wesen.

So kommen weiterhin  Gummiboote an, so auch beim Lighthouse Korakas am äussersten nordöstlichen Spitz der Insel. Nicht immer sind die spanischen Rettungsschwimmer rechtzeitig erreichbar und können die Boote nach Skala Sikaminea eskortieren. Eine Gruppe aus Afghanen kommt an, darunter jugendliche Burschen und junge Männer, eine Frau mit Baby und fiebrigem, drei- bis vierjährigem Jungen, eine ältere Frau. Die junge Mutter ist äusserst gestresst, fragt wegen ihren Kindern um einen Arzt. Es ist zu diesem Zeitpunkt aber keiner da. MICHAELA, früher Krankenpflegerin, heute Maskenbildnerin in der Münchner Filmindustrie, kümmert sich um die drei, mimt die Doktorin, was bereits viel zur Entspannung bei der Mutter half. Dabei wollte die Deutsche diesen direkten Kontakt gar nicht. Unter Stress reagiert sie instinktiv richtig. Menschlich halt.

Parallel dazu macht sich der Greco-Schweizer GEORGIOS schnurstraks dran, Tee zu kochen. Allein diese Geste, nach dieser beängstigenden Überfahrt von jemandem empfangen zu werden und eine Tasse Tee zu bekommen, rühren die jungen Afghanen zu Tränen.

GEORGIOS erzählt mir weiter, selbst etwas bewegt, auch noch nach Stunden, wie er und ein Afghane die Blicke getauscht hätten, und sich freundlich zugenickt hätten. Als dann Aufbruch angesagt ist, und die einen mit einem helfenden Griechen aus dem Dorf auf einem Pick-up den Weg hoch zum Dorf fahren können, tauschen der Helfer aus der Schweiz und der Flüchtling aus Afghanistan, die vorher gar kein Wort miteinander gesprochen haben, nochmals einen Blick zum Abschied. GEORGIOS hält gestenreich seine Hand auf die Brust, als ob er sagen würde: „Alles Gute!“, und der Afghane erwidert mit seiner eigenen Hand auf der Brust, … und wird so sehr von der Geste unter diesen zwei Fremden übermannt, dass ihm die Tränen über die Backen laufen.

Wer auf Korakas weilt, oder sonst an der Küste den verängstigten Flüchtlingen aus dem Boot, aus dem Wasser hilft, trockene Kleider verabreicht, medizinische oder psychologische Hilfe leistet, oder einfach Tee braut, erlebt Essenzielles.

Doch Hilfe kann auch viel profaner sein: Aufräumen nämlich. Die Dimension der Boote und Schwimmwesten an Lesbos‘ Küste ist unvorstellbar – siehe dazu den Artikel „Die Dimension des Irrsinns„.  Auch die Rechnung, dass 2015 bislang mehr als 450’000 Flüchtlinge über Lesbos ins Schengen-Europa einwanderten, alle mit Booten, mag nur bedingt das zu vermitteln, was man an der Küste antrifft. Es ist überwältigend, diese Dimension in Echtheit zu sehen. Es ist bedrückend, sich vorzustellen, wieviele Menschen allein um das Lighthouse Korakas anlandeten. Auch damals im Oktober, wo noch kaum jemand hier war, um zu helfen.

Die Leute vor Ort und MICHAEL Räbers Team aus der Schweiz, das seit ein paar Tagen Zuwachs aus Deutschland bekommen hat, dank MICHAELS Medienpräsenz im ZDF und anderen Kanälen, haben sich zum Ziel gesetzt, auch die Küste zu räumen. Schwimmwesten werden aufgetürmt. Ineinander verknüllte Gummiboote werden voneinander getrennt. Ein sehr anstrengendes Unterfangen. Ein schmutziges. Manchmal ein nicht unbedingt fein riechendes. Oft hilft nur ein in Teile Zerlegen der Boote, mit scharfen Messern: „Boote filettieren“ heisst das neue Fachwort, das erst noch auf die Aufnahme in den Duden warten muss.

Wer macht mit, beim Retten und Putzen? Das vereinte Europa. Ja noch mehr: Eine transatlantische Union von Freiwilligen. Hier auf Lesbos wird ein Grossteil der Arbeit – von Beginn weg und immer noch – durch Freiwillige geleistet. Ohne diese zivilgesellschaftlichen Einzelmasken und Gruppen, die sich oft selbst organisieren, würde das „ausserordentliche System Lesbos 2015“ zusammenbrechen. Mehr dazu im Artikel „The Responsibles„.

Die transatlantische Union, in der wir vor Tagen mitwirkten, besteht aus einer Gruppe aus Chicago: ALEX und seine Schwester LAUREEN, CAROL, aus der Kirchgemeinde vom Priester ADAM, der begleitet wird von seiner an der Küste für ihren Abschluss lernenden Tochter MARIA, wenn nicht gerade ein Boot anzulegen versucht, dann KESTER und MATT aus Bristol, der Pensionär WAYNE und seine Frau MARIANNE aus Minnesota, CILIA aus Spanien, KIM, der gebürtige Texaner, der seit Jahrzehnten in Deutschland und Belgien lebt, FÄBU, der Schweizer, MICHAELA, die Maskenbildnerin mit ihrem Partner MAX, einem ersten Aufnahmeleiter in der Filmindustrie aus München, die statt des traditionellen Skiurlaubs nun humanitären Einsatz leisten, die Studentin MIRJAM ebenfalls aus Deutschland sowie das Schweizer Team um MICHAEL Räber („Swisscross.help“): die Berner MARCO, SÄM, NATALIE, JESS, GEORGIOS und meine Wenigkeit.

Unterschiedliche und doch ähnliche Motivationen haben zu dieser spontanen transatlantischen Union geführt, deren Zusammensetzung sich von Tag zu Tag verändert, von der es auf Lesbos an diversen Orten ähnliche Formen gibt: Leute, die sich dem als epochal eingeschätzten Thema konkret aussetzen wollen. Eine Erfahrung, die prägt.

Das vielleicht Ermutigste an der ganzen Erfahrung: Es gibt es, das vereinte Europa! Ein echtes Europa. Eines, das anpackt, zusammen mit den Freunden aus Amerika, um den Flüchtlingen – aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Afrika – und den Griechen zu helfen. In dieser Union wird nicht gejammert. Hier wird nicht die Veranwortung hin- und hergeschoben. Hier wird nicht unterschieden, zwischen EU-Europäerin und Schweiz-Europäer, nicht zwischen „echten“ und „unechten“ – den Zugewanderten. Eine Krise genügt, eine gemeinsame Aufgabe und es entsteht spontan eine funktionierende transatlantische Union.

Ermutigend.

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Zwei Vertreter aus der „zivilgesellschaftlichen Union“ von Helfern: der Grieche NIKOS (links) und der Greco-Schweizer GEORGIOS. Hier wird nicht zwischen „echt“ und „unecht“ unterschieden. Echt ist das Zusammenstehen für ein Europa, das gerade in Not zusammensteht.

 

In der Folge eine Bilderreihe jener transatlantischen Union von Helfern, wie sie sich vor einigen Tagen in „Finistererra“ von Lesbos, beim Lighthouse Korakas, spontan formierte:

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CAROL (USA) beim „Aufräumen“, während WAYNE (USA) und ADAM (USA) versuchen, einem Gummiboot habhaft zu werden.
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MICHAELA (D) und MAX (D) beim „Boot Filettieren“.
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JESS beim Hochtragen eines Boots-Filetstücks.
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Von Rechts: ALEX (USA), FÄBU (CH), LAUREEN und die zu Hilfe eilende MARIA (USA) ziehen einen grösseren Teil eines „filettierten Gummiboots“ den Hang hoch.

 

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Mit Hilfe von KESTER (GB) geht’s etwas leichter.
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Erschöpft und frohgemut.
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Diesmal zu Dritt, unter dem Kommando von MICHAELA (D, in der Mitte)
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Die „Filetteure“ – von rechts – MAX (D), ADAM (USA) und UELI (CH) beim Warten, bis die „Zugmaschine“ bereit ist.
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Pause muss sein: CILIA (ESP, Mitte) mit den US-Amerikanern LAUREEN, ALEX und CAROL.
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Die Schweizer MARCO, JESS und NATALIE (von links).
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„Micki&Mäxi“ – Die zwei Münchner MICHAELA und MAX.
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Der Amerikaner ADAM mit seiner Tochter MARIA.
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Nachdenklich, die Berner MARCO und SÄMI (von links).
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Nun kommt auch „Jimmy“, unser Jeep, zum Einsatz.
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Anweisung nach unten (ADAM, USA) und nach hinten (KIM, USA).
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WAYNE und LAUREEN (beide USA).

 

Und dann wieder AUFREGUNG … In der Ferne sichtet KIM (USA) ein neues Boot!

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Es wird verifiziert und dann die Rettungsschwimmer von „Proactiva Open Arms“ (ESP) benachrichtigt, dass sie das Boot abfangen und zur leichteren Anlegestelle in Skala Sikaminea geleiten. Die Anwesenden sind wieder entspannt.

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2 Gedanken zu “Die transatlantische Union von Freiwilligen

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