Smugglerboat – Die andere Strategie

Ein Einheimischer brachte es heute im kleinen Hafen von Tsonja auf dem Punkt: Was die Schlepper am einen Tag machen, machen sie am nächsten wieder anders. Nichts ist hier wirklich im Voraus kalkulierbar. Jeder Tag bringt eine Überraschung. Wenn wenige Leute erwartet werden, kommen viele. Oder umgekehrt. Eine wirkliche Logik hat es nicht: Dafür müssten wir auf der anderen Seite sein, an der türkischen Küste, und Einblick nehmen, in die Druck- und Repressionsmassnahmen der türkischen Behörden und der Armee, ins Denken der Schlepper, in die Nöte und Denkweisen der Flüchtenden. Was wir auf Lesbos erfahren, ist oft bar jeglicher Logik. Das macht die Arbeit der Helfer so schwierig.

Am Mittwoch, der 16.12., war rauhe See und trotzdem gab’s viele Bootsbewegungen. Was zu dramatischen Ereignissen führte: „Stop it – Safe Passage!„.

Gestern „spülte“ es an der Nord- und Ostküste von Lesbos eine Grosszahl an Booten heran. In Skala Sikaminea kamen Boote an, wie an einer Perlschnur aufgereiht. Es schien so, dass ein Boot losgeschickt wurde, ein zweites gefüllt wurde und losgeschickt wurde, worauf mit dem dritten Dasselbe erfolgte. Offenbar musste da bei den Schleppern ein „Rückstau“ aufgeholt werden. Alle Helfer waren gefordert. Die diversen Chats liefen heiss.

Es geht immer noch weiter, das Flüchten auf unsäglich unsinnigem Wege. Stand 22.12.2015: 825’000 Menschen sind über Griechenland in den Schengenraum eingewandert, allein über die Insel Lesbos 484’000. Seit 20. Dezember sind es wieder 2’000 und mehr, ansteigend, bis es wohl in den nächsten Tagen wieder etwas zur Ruhe kommen KÖNNTE. Gestern waren’s sicher – noch unbestätigt vom UNHCR – mehr als 3’000. Und dies im Winter.

Nun haben die Schlepper zunehmend für den Nordosten – meist östlich vom Lighthouse Korakas, in zwei, drei Buchten bei Tsonja, die weniger abgesichert werden können – eine „neue“ Strategie“ gewählt: Die Schlepper lassen von ihren Leuten ein Schnellboot übersetzen, in nur 25-30 Minuten. Es wird rasch „ausgeladen“, und bevor man sie entdeckt, ist man bereits wieder weg. So schnell sie verschwanden, so schnell können sie andernorts wieder auftauchen. Denn bald sind sie wieder parat, das gleiche Schiff nochmals zu beladen und loszuschicken. Eine schnelle Überfahrt mit besserem Boot kostet mehr und bedeutet mehr Einnahmen pro Person. Mehr Fahren innert nützlicher Zeit treibt erst recht die Rendite hoch. Denn von der europäischen Firewall-Abwehrschlacht profitieren vor allem „Kriminelle“ – Schleppertum ist ein sehr einträgliches Geschäft, von dem sicherlich nicht nur die Schlepper zu profitieren wissen.

Doch gestern ging die Rechnung nicht für alle auf. Erst kurz nach der dramatischen Havarie vor Korakas – „The most dramatic moment in my life“ – kam ein zweites Boot rein: ein Schnellboot, mit einem Schlepper drauf. (Von dem ich keine Fotos hier zeige. Wir haben bzw. ich habe entscheiden, keine Polizei sein zu wollen. Unsere Arbeit kümmert sich um das Schicksal jener, die auf ihrer Flucht aufs Meer gezwungen werden.)

Das Schnellboot vor Korakas hält 10 Meter vor der Küste an. Der Bootsfahrer – The Smuggler – gibt den Flüchtenden den Befehl: „Jump! Jump!“. Die Insassen sollen ins Wasser springen. Sie wollen nicht, haben Angst. Gerade das wollen die Helfer auch verhindern. ARNAN und BRENDAN setzen ihre ganze Autorität ein: „No! No!“ Ein älterer Grieche hilft, ein Seil zum Boot zu bringen und dieses weiter ans Ufer, auf die Steine hin, zu ziehen. Zum Missfallen des Schleppers. Doch er kann nicht mehr anders als zusehen. Das Korakas-Nachtschichtteam – mit Unterstützung von uns vom „eingeflogenen“ Swisscross.help-Team  – macht sich an die Bergung: Wie stets zuerst die Kinder, Frauen, dann die Männer und das wenige Gepäck.

Schnellboot_2_web
Der Bootsfahrer – The Smuggler – hat keine Chance gegen die Übermacht der Helfer. Er muss zusehen, wie sein Boot an und über die Steine gezogen wird, bevor geborgen wird. Von links: JOOST (NL), der ein Kind buckelt, dann NESSIAM, ein junger, pfiffiger Junge unter den Flüchtenden, der mithilft, STEN (SWE), der ältere Grieche, der sich später ans Boot macht, GIADA (I) und ARNAB (GB).
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BRENDAN (GB) sichert hinten ab.
Iraki_web
Der Iraker, die Flüchtlinge stammen aus dem Nordirak – ebenso Vorranggebiet des IS – ordnet „seine“ Leute.

Während alle Flüchtlinge wohlbehalten an Land getragen / geführt werden können, sitzt der Schlepper fest. Das Schnellboot liegt auf dem steinigen Küstengrund auf. Er bringt das Boot trotz hektischen Bemühungen nicht frei. Er ist auf sich alleine gestellt. Er telefoniert, wohl fordert er Hilfe an. Irgendwann erachtet er sein Bleiben als aussichtslos, vor allem auch zu riskant. Er reisst aus, springt an Land und flüchtet über die Steinküste Richtung Osten. Das Boot ist nun verloren. Die „Fledderer“ auf griechischer Seite schlagen sicher bald zu.  Des Schleppers Schicksal auf Lesbos ist zwar ungewiss, doch die Schleppernetze sind sicherlich engmaschig und gut ausgeworfen, auch nach Lesbos.

Die Helfer kümmern sich ausschliesslich um die Flüchtenden.

Iraki_Frauen_2_web
Frauen und Kinder der irakischen Gruppe, zusammen posierend mit HEKLA aus Island. Das Outfit der Flüchtenden zeigt, dass sie vermögender sind, als andere, … und sich so auch eine Schnellbootfahrt leisten konnten. Doch …
Nessiam_web
… der sympathische und quirlige NESSIAM (links) erzählt, dass sie Jesiden seien, die ja eine eigenständige Religionsgemeinschaft innerhalb von „Kurdistan“ darstellen. Die IS behandelt die Jesiden als „Ungläubige“ und lässt ihnen nur eine Wahl: „Entweder mit uns oder ihr stirbt.“
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Die Flüchtenden und die Helfer sind froh über den guten Ausgang der Überfahrt. Mit GIADA (I) und BRENDAN (GB).
Kinder_Pickup_web
Damit war nicht zu rechnen: In „Finisterra“ von Korakas – wo alles höchst primitiv in shelter eingerichtet ist – kommt es zu einer kleinen „Lollipop-Party“.

Bub_web

Iraki_kein-Vater_web
Dieses Bild täuscht – wie manch andere (siehe beispielsweise „Refugee or not„) : Der Mann, der sich um Mutter und Tochter kümmert, ist nicht der Vater. Dieser sei der IS zum Opfer gefallen, erzählt er und zeigt in den Himmel: Der Vater sei nun bei Gott. .. einem ihrer eigenen Vorstellung.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Smugglerboat – Die andere Strategie

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