„The most dramatic moment in my life“ – Merry Christmas, Part I

[Artikelfoto: BRENDAN (GB) nach seinen zwei morgendlichen Einsätzen am 23.12.2015, einem Morgen, den er und das Morgenteam im Lighthouse Korakas nie mehr vergessen werden.]

Was war geschehen? Eine ungenannt sein wollende Deutsche, SABIRE (FL) und ich befinden uns im Tsonja Arbor, der bereits östlich des Lighthouses Korakas am nordwestlichen Spitz von Lesbos liegt. Wir sind da, um der Gruppe von MATT (GB) in der Nacht mit Beleuchtung und wenn nötig weiterer Unterstützung auzuhelfen.

Wir waren vorher ab 03:15 h im Dorf Kleio, eine Dreiviertelstunde von Molivos entfernt und wo MATTs Truppe ihre Basis hat, in Warteposition. Im Auto hören wir dort das Hörspiel „Die Kanguruh Chroniken“ von Marc-Uwe Kling, um dem Schlaf zu trotzen. Trotzdem fast von diesem übermannt, sage ich um halb Sieben: „Noch eine halbe Stunde, dann tagt’s und wir ziehen ab.“ Zwei Minuten später meldet sich MATT auf seinem Gruppen-WhatsApp, dem wir zugeschaltet sind: „Around 350 people at tsonja“. Wir eilen in den Hafen. Kester (GB) bestätigt und betont: „350!“ Auf dem Weg nach unten treffen wir auf diverse Gruppen zu Fuss Richtung Kleio. Oberhalb vom Hafen Tsonjas treffen wir auf die letzte Gruppe, während der Hafen bereits wieder leer ist, und der Schlepper mit dem grösseren Schiff wiederum verschwunden ist. – Hier im Nordosten, wo weniger Präsenz möglich ist, haben die Schlepper zunehmend auch die Taktik: Selbst ausrücken, abliefern und, bevor man’s merkt, verschwinden – was nicht immer gelingt, wie nächster Artikel zeigen wird. – Ein Teil der verbliebenen Gruppe ist immobil: Mit einem sichtbar kranken, ganz bleichen Jugendlichen und einer Familie, deren Familienoberhaupt an Krücken geht, mit übel zugerichteten Beinen. Wir rufen um Hilfe und Transport. MATTs Leute eilen herbei und die Gruppe wird nach Dringlichkeit getrennt abtransportiert. Bevor sich Erleichterung ausbreiten kann, schreibt mir in diesem Moment – um 07:07 Uhr – MATT, der mit seinem Team mit den vielen in Tsonja angelandeten Flüchtlingen alle Hände zu tun hat : „Thom pls redrive to Korakas. Boat in distress in water.“

Wir eilen nach Korakas. Seit des gestrigen Tags kenn ich dank MATT und MARCUS (SWE) die Situation östlich von Korakas mit den drei Hotspots „The Hill“ bei Haias Theodoras, „Headland“ und „Tsonja Port“ und nehme die neu gelernte Abkürzung auf der sehr ruppigen und löchrigen Naturstrasse nach Korakas. Als wir ankommen, ist das Schlimmste, Allerschlimmste vorbei.

JOOST (NL) berichtet: Ein Gummiboot kollidierte mit einem Felsvorsprung ungefähr 40 Meter vor der Küste, einem Felsvorsprung, den das Korakas-Team erst vor Tagen mit einer Schwimmweste markiert hatte. Das Boot sei gekentert, alle Insassen fielen ins Wasser.

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Das 06:00-Boot: auf dem Rücken angelandet vor dem Lighthouse Korakas.

Noch zwei Stunden später berichtet BRENDAN (GB) mit erschütterter Stimme von den Ereignissen, wie er sie persönlich erlebte. Jetzt erst beginnt die Verarbeitung. MARCUS (SWE) vom MATT-Team steht ihm bei. Mich schütteln BRENDANS Worte: Alle Flüchtenden seien im Wasser gewesen, hätten geschrien, um sich und ihre Kinder. „The panic, the screaming, and the absolute peril could be heard from the shore. Mothers and fathers were screaming out names and babies could be heard screaming.“ – Unter dem Kommando von ARNAB stürzen sich auch noch GIADA (I), JOOST (NL) und STEN (SWE) in ihren Neoprenanzügen in die Fluten.

BRENDAN: „The sounds within that sea will haunt me forever. People were hysterical, panicking, screaming, sobbing and frightened beyond belief.“ Er erzählt, wie er zuerst eine Familie von fünf Personen retten kann. Doch es geht weiter: „I swam past people screaming for their lives. I was a tough call, but I could hear a haunting sound that I’ll never forget. It was the sound of a mother who had lost her baby. While everyone else was facing the shore shouting for help, she was facing out to sea, helpless in her lifejacket. She shouted to me, pointing out to sea. Maybe another 15m away, I could see a little black dot, bobbing up and down in the water. I swam as fast as I could, knowing that I was putting my life in danger, as I’m not the greatest of swimmers. The little black dot was between 60m and 70m from the shore. Eventually I reached it.“  Und dann, erreicht er es, ein Baby, ein fünf Monate altes Mädchen, kopfüber: „Wrapped in a blanket, face down in the water, with no lifejacket at all. I grabbed her and looked at her face. Her eyes were rolled back, she was not breathing. She was as white as can be and I could see that she was dead, but I knew that she stood a chance.“

Er fasst sich das nicht mehr atmende Baby, legt sich selbst auf den Rücken, nimmt sich das Baby auf seine Brust, paddelt mit seinen Beinen und : „With my left arm I paddled and with my right arm, I pressed up and down on her chest as I swam. … I swam past people screaming for help. I swam past children lost at sea. I swam with everything I had and more. I prayed to a God that I never speak to, begging for her life.“ Als er mit seinen Füssen Fels oder Steine spürt, hält er inne, beginnt mit Brustmassage und versucht das Kind so gut es geht zu beatmen. … Und tatsächlich, seine Massnahmen führen zum Erfolg: Das Kind speit Wasser aus und schreit: „It was the most beautiful sound in the world, for I knew that I had breathed life back into her.“

Er schwimmt ganz ans Ufer, wo ihn JOSH (NZ) von der NGO „Lighthouse“ empfängt, das Baby entgegen nimmt und hochträgt zur jungen Ärztin FREEHA (NL), die das völlig unterkühlte Mädchen mit Atemnot erstversorgt. BRENDAN ist völlig ausgepumpt, während seine Kollegen ARNAN, JOOST, GIADA, STEN im Wasser die restlichen „Schiffbrüchigen“ retten, auch dank eines Zuhilfe kommenden einheimischen Fischers. ALLE WURDEN AUS DEM WASSER GEHOLT. NICHT AUSZUDENKEN, WAS GESCHEHEN WÄRE, WENN DAS NACHTEAM AUF KORAKAS NICHT GEWESEN WÄRE. 

BRENDAN entschliesst sich, FREEHA zu assistieren. – Er erzählt rückblickend: „Ich bin geschwommen, ich weiss nicht wie, wie ein Verrückter.“ Er schaut uns an, wie wenn er es selbst nicht fassen kann, und sagt: „This was the most dramatic moment in my life! I’ve been a firefighter for 13 years, but nothing comes close to this.“ Noch immer aufgewühlt, unfähig richtig zu verstehen, was mit ihm diesen Morgen geschehen ist. MARCUS nimmt ihn beim Arm.

Als wir vielleicht um 07:20 h also in Korakas ankamen, war BRENDAN noch voller Adrenalin. Mit grossen Augen schaut er mich an und fragt, was wir hier für eine Funktion hätten. Unser kurzes „Helping!“ reicht, und er eilt – noch immer Helm und Helmlampe auf dem Kopf – wieder in den shelter, wo das Kind notversorgt wird, von FREEHA (NL) und ihm.

Um Neun kommt die Meldung: Im Camp von „Médecins sans Frosters“ in Mandamados konnte das Mädchen stabilisiert werden, bevor es ins Spital überwiesen werden konnte.

Gerettet!

Merry Christmas.

 

****

In der Zwischenzeit wissen wir: Das Mädchen heisst SEWIN.

Und MATT schreibt: „As I sat with the family and told them the news that young Sewin was stable in hospital, I realised one thing; that their tears of joy could so easily have been tears of grief and despair.“

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FREEHA (NL): Nur dank der aussergewöhnlichen Rettung von BRENDAN und FEEHAS kompetenten ärztlichen Ersthilfemassnahmen überlebte das Kleinkind SEWIN nach der Havarie um 06:00 Uhr, 23.12.2015, beim Lighthouse Korakas.
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JOOST (NL)
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JOOST, noch einmal, beim „Debriefing“ mit ARNAB (GB). Das Wiederherstellen des Gleichgewichts läuft.
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JOOST zum Dritten: Demonstrativ gelöst bereits wieder in Weihnachtspose mit JOSH (NZ).
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GIADA (I) aus Norditalien. Sie wollte sich verstecken, nicht fotografiert werden. Ein paar Worte auf Italienisch hat sie umgestimmt.
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STEN (SWE)
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ARNAB (GB) – nicht etwa Kapitän Ahab: So furchtlos wie dieser Blick wirkt, so bestimmt, fokussiert und „tough“ führte er das Kommando bei den Bootsrettungen.
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… doch er kann auch gelöster dreinblicken.

Im Weiteren die mehrmals erwähnten MARCUS (SWE) und MATT (GB):

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MARCUS (SWE), in Luzern (CH) wohnend und arbeitend, am Vortag: beim Verlegen einer Lichtschlange entlang der installierten „Treppe“ von Korakas Coast zum Lighthouse hoch.
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MATT (GB), eine Art „Chief“ für die freiwilligen Helfer im Nordosten von Lesbos, dort wo’s unwegsam ist.

 

Und einige Bilder jener Menschen, um die es geht, und welche alle nach der Havarie aus dem kalten Wasser gerettet werden konnten:

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JOSH mit einigen der notdürftig mit trockenen Kleidern ausgestatteten Männern der Gruppe …
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… versammelt auf dem Aussenlader der Pickups – nicht ohne erste Spässe nach dem grossen Schrecken …
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… während die Kinder und Frauen ins Innere dürfen, sofern es genügend Platz gibt.
Kinder_Auto_web
HEKLA (siehe „Smugglerboat“ and „Merry Christmas, Part II„) überreichte mir eine wollene Jacke mit Kapuze und bat mich, diese dem kleinen Mädchen im „Emergency Room“ des zentralen shelters auf Korakas zu geben. Sie regierte zuerst ängstlich. Eine halbe Stunde später schenkte sie mir ihr Lachen. In grossen Portionen.

 

 

 

 

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