Icecold – Tragödie ohne Limit?

 

[Artikelfoto: Was sagt uns das Bild dieses Mädchens, das in Eiseskälte frühmorgens um 03:50 Uhr auf Lesbos von Kopf bis Fuss völlig durchnässt und unterkühlt anlandet, zusammen mit ihrer Schwester (links, verdeckt)? … Nebenbei erwähnt: Sie wurde an Land betreut von SABIRE aus dem „Swisscross.help“-Team.]

In der Nacht auf den 30. Dezember 2015 machte sich eine grössere Delegation des „Swisscross-help“-Teams mit zwei mit Kleidern und Lampen vollbepackten Autos los. Eine Stunde Fahrt in den Süden, nach Mitillini, nördlich und südlich des Flughafens, dort wo die roten Lampen leuchten, die die Flüchtlinge ansteuern, weil die Schlepper sie anweisen: „Go to the red lights. Go!“

Wir installieren uns an einem der grösseren Parkplätze entlang der Küstenstrasse. Und als ob wir nun allen zeigen wollten, dass wir anpacken wollen, stehen wir draussen und versuchen dem Wind und der aufkommenden Kälte zu trotzen. Irgendwann – bald! – verziehen wir uns wieder in die Autos. Es ist einfach zu kalt. Unsere neuen Teammitglieder JULIAN, ANDI und HANNES aus Süddeutschland, die voller Tatendrang sind und nebenbei finden, dass der VFB Stuttgart der Klub aller Klubs auf dieser Welt sei, kommen dann schnell doch zum Einsatz. Wenn auch ihre Neoprenanzüge noch trocken bleiben.

Das erste Boot kommt tatsächlich! Dabei haben wir diskutiert: Bei diesem Wind, bei diesen Wellen ist es hoffentlich auch einem Schlepper zuviel, die Leute loszuschicken. Doch wie bereits früher erwähnt, mit Logik hat dies hier unten an diesem Meeresabschnitt wenig zu tun, gerade auch die Logik der Schlepper.

Als wir zur ‚Landestelle‘ kommen, sind die Ankömmlinge bereits an Land. Viele sind nass. Vor allem die Kinder, die sich jeweils in der Mitte der Boote befinden, von den Körpern der Männer am Bootsrand geschützt, aber eben auch dort, wo sich das Wasser ansammelt, das bei rauher See über den Bootsrand ins Innere gespritzt wird. Die einen von uns beleuchten die Szenerie, die anderen kümmern sich darum, dass die Leute wieder in trockene Kleider kommen. Bei von Kopf bis Fuss nassen Kindern ein nicht so einfaches Unterfangen. Schnell entsteht ein Durcheinander. Hilfskräfte anderer volunteers und NGO’s versuchen dabei Ruhe zu bewahren, obwohl man verzweifelt ist, das richtige Kleidungsstück aufzutreiben. Denn auch wenn die Autos voll Kleiderboxen waren: für alles gibt’s keine passende Lösung.

Der schnelle Service der unter dem UNHCR-Label fahrenden Busunternehmer, die innert Minuten an dieser Küstenstrasse sein können, verkommt hier zum Nachteil: Denn unser Grundsatz ist, die Flüchtenden erst dann abzutransportieren, wenn sie trocken sind, statt sie möglichst rasch wegzubringen, um dann in nassen Kleidern in der Kälte des Registrationscamps Moria herumzustehen und zu frieren.

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Und wir müssen erkennen: Also doch, die Boote kommen trotzdem. Wer da draussen am Ufer steht, den beissenden Wind im Gesicht spürt, schüttelt nur den Kopf, während die Kälte selbst den Rest des Körpers zum Schlottern bringt. Die Tragödie geht weiter – auch in dieser Eiseskälte. Wie es zu erwarten war. Weil das Migrationskonzept Europas dafür keine Antwort bietet, ja sogar Mitursache ist.

Ich persönlich hatte trotzdem einen persönlichen Moment der Freude, die meine ernsten Gedanken für einen Augenblick verdrängen konnte. Einem Junge, den wir im Freien versorgt hatten und der nun am Fenster des warmen Busses sitzt, zwinkere ich zu. Er zwinkert zurück. Ich lächle, er lächelt. Wir lächeln wiederholt. So als würden wir uns seit Langem kennen. – Für einen Augenblick war er verschwunden, der Schrecken des Jungen über die gefährliche Überfahrt beziehungsweise mein Unverständnis für dessen Hintergründe. Eine kleine Begegnung war es nur, unter sehr unterschiedlichen Menschen, die sich für Sekunden so nah waren. Es ist eine unverdorben menschliche Nähe, wie ich es allen Menschen, die nicht hier sein können oder wollen, wünschen würde. Denn ich stelle fest: Weder die direkte physische oder seelische Betroffenheit noch das Beobachten aus zu grosser Distanz führen zum Verständnis dessen, was in einer Situation wie hier warum geschieht. Ich persönlich bin froh, dies hier zu erfahren und wieder einmal daran erinnert worden zu sein.

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Kaum haben wir die Leute versorgt und etwas durchgeatmet, kommt die Meldung: „Boat is coming!“ Wir eilen hin, es sind mit dem Auto nur zwei Minuten, und treffen eine Gruppe an, mit vielen Kindern, alle, wirklich alle völlig durchnässt. Diese Gruppe ist einem schlechten, ja erbärmlichen Zustand. Ausgezehrt von einer kalten und nassen Überfahrt. „Herrgott nocheinmal!“, schreit es in mir. Doch es bleibt keine Zeit fürs Fluchen.

Die Helfer haben alle Hände voll zu tun. SABIRE, die sich gerade um zwei, danach um drei kleine Kinder kümmern muss (siehe Artikelfoto) bittet mich um dies und jenes, andere kommen, und wollen etwas Drittes. Was nun zuerst? Fürs fotografische Dokumentieren ist kein Platz. Zwischendrin stehle ich mir ein paar Sekunden, um abzudrücken, um dann wieder passende Kleider zu suchen. So macht jeder, was und wie er kann:

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HANS-UELI versorgt ein Mädchen, mit trockenen Kleidern und Zuwendung. Er wärmt es minutenlang. Und macht sich dabei einen Überblick, was um ihn herum geschieht.
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Dieses Mädchen hat fast alles bekommen, um wieder warm zu bekommen. JULIAN, MARCO und „ZIKO“ versuchen, noch das eine Problem zu lösen.
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Das Mädchen schreit „wie am Spiess“: Es friert, doch ihr nackter linker Fuss lässt sich nicht einpacken. Sie hat sich verletzt, so dass es bei jeder Berührung des Fusses aufschreit. Dann fährt die Ambulanz herbei, sie kommt in ärztliche Obhut, begleitet von ihrer Mutter.

Nicht ohne Erschütterung ‚überstehen‘ auch wir diese Ankunft. Noch etwas durcheinander, patroullieren wir mit unseren Autos der Küstenstrasse entlang, die einen den Blick ans Ufer gerichtet, die anderen mit einem solchen aufs Handy, um zu prüfen, ob im „South-Chat“ eine neue Ankunft gemeldet wird.

„ZIKO“ seinerseits – zu ihm später mehr in einem Artikel mit besonderen Noten und spannenden Hintergründen – ist ständig im Chat mit ALI, einem in Finnland gelandeten syrischen Flüchtling, dessen Nummer von Flüchtlingsgruppe zu Flüchtlingsgruppe weitergereicht wird. (Siehe dazu „Der Strom der Flüchtlinge bricht nicht ab“). In diesem Chat ist auch MICHAEL zugeschaltet, der in Athen weilt, und MUSTAPHA, der selbst auf dem Boot mitfährt und ALI kontaktiert hat. Also wieder einmal kommt diese so unglaublich tönende wie wertvolle Notfall-Dreiecks-Kommunikation „ALI in Finnland * Flüchtlinge im Boot * Volunteers am Ufer“ zum Tragen.

Schon früh bekommen wir so die Nachricht, dass an der türkischen Seite ein Boot gestartet ist. „ZIKO“ zeigt uns auf dem Handy die Koordinaten. Wir sind nun in Warteposition, auf dem „Roten Platz“, nicht jenem im Moskau, sondern jenem Parkplatz, der nach den roten Lichtern des Flugplatzes Mitillini von den Volunteers so benannt wird. Später steigt die Spannung, ob es denn die Flüchtlinge auch über die Seegrenze schaffen: „ZIKO“ zeigt die Karte mit dem Boot in der Mitte der See zwischen der Türkei und Griechenland. Immer wieder gibt er auf arabisch kurze Sprachbotschaften  über den WhatsApp-Chat an MUSTAPHA auf dem Boot weiter. Mich fasziniert diese Art der Instant-Kommunikation in Not, ebenso „ZIKOS“ Fokussiertheit und Hingabe in diesen Situationen. Ein richtiger ‚Krieger der digitalisierten Helferszene‘.

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„ZIKO“ an der Lesbos-Küste beim Dreiecks-Chat mit ALI (in Finnland), MUSTAPHA (im Boot), unter Mitwirkung von MICHAEL (in Athen)

In der Zwischenzeit beginnt es zu tagen. Der Wind hat noch zugelegt. Die Wellen werden immer höher. TINU und ich stehen am Ufer und unterhalten uns darüber, wie kalt es denn erst da draussen in einem Boot ist, wie schrecklich jetzt eine Überfahrt im überfüllten Boot sei, sein eigenes Kind darin wissend. Ich kann mir nicht vorstellen, unter solchen Bedingungen auf dem Meer zu sein. Horribel!

Ständig nehme ich nun Ausschau mit dem Feldstecher. .. Und dann, da!, ist ein Boot weit draussen einen Moment zu sehen, dann wieder nicht mehr, weil es in den Senken des Wellengangs verschwindet, bevor es erneut auftaucht. Nochmals durchfährt es mich: Schrecklich!

Nun ist auch zu sehen, dass ein kleineres Boot der „Frontex“ in gebührendem Abstand das Gummiboot begleitet. Dies zeigt, wie ernst die Lage ist, bei diesem Wellengang. In Seenot befindende Flüchtlinge darf die „Frontex“ ja an Bord nehmen. Als sich das Gummiboot dem Ufer nähert und sich die volunteers am Ufer auf die Ankunft einrichten, dabei mehrmals den Standort ändern müssen, dreht das „Frontex“-Boot wieder ab.

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Das Boot, das wir sozusagen seit der Abfahrt über WhatsApp-Chat verfolgen, steht kurz vor dem Anlegen.
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Gut zu erkennen, die „Mauer“ der Männer an den Rändern des Bootes – die Frauen und Kinder, in diesem Boot weniger mit dabei, sind noch gar nicht zu sehen.
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Glücklich geborgen. – In der Mitte mit heller Kappe unser MARCO.

Manch einer der Ankünftlinge vollführte am Ufer einen Freudentanz, heil angekommen zu sein und wohl auch, um warm zu bekommen. Viele der jungen, fit wirkenden Männer schlotterten am ganzen Körper.

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Heisst begehrt, dringend nötig: unsere Kleiderboxen. Im Bild SABIRE am ordnen der Boxen, nach dem ‚Ansturm‘ der Bootslandung.
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Mit solchen behelfsmässig gebastelten Rudern wurden die Flüchtlinge für den Notfall ausgerüstet. Selbstverständlich nur für einen Zuschlag in türkischer Lira.

 

 

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3 Gedanken zu “Icecold – Tragödie ohne Limit?

  1. Ich verfolge schon seit einiger Zeit Deine Beiträge hier in diesem Blog. Dieser hier hat mich besonders beeindruckt. Ich möchte Euch gerne unterstützen, daher werde ich mir in den nächsten Tagen die entsprechenden Informationen besorgen. Ich wünsche Euch allen ein gesundes neues Jahr, Erfolg und Glück und immer mindestens eine freie Hand für die Flüchtlinge. Was Ihr macht ist enorm!

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