Dünn ist das Eis geworden – DOCH DER LEITSTERN FÜR UNSERE ZUKUNFT BLEIBT „DER EUROPÄISCHE TRAUM“ (Conclusion II)

[Artikelfoto: Victory! Dieses im Dezember 2015 im Hafen von Molyvos heil auf der Insel Lesbos angekommene Mädchen aus Afghanistan soll für jene Zuversicht stehen, dass das Europa des „Europäischen Traums“ über jenes hässliche Europa dieser Tage siegen werde. Folgender Artikel soll einer sein, der dieser Hässlichkeit nicht nur trotzen will, vielmehr soll er aufzeigen, welches europäische Vermächtnis es in diesen Tagen, Wochen, Monaten, ja Jahren zu verteidigen und weiterzuentwickeln gilt.]

 

Präambel

„Conclusion I“ war eine schonungslose Analyse von Europa, eine Darstellung nicht nur eines geduldeten, sondern auch mitverantworteten Unrechts am ‚Todesgraben‘ zwischen der Türkei und Griechenland. Der Artikel wies auf das „Europäische Gift“ hin – das für das heutige Europa so typische Nur-nicht-so-genau-Hinsehen –, dessen Auswirkungen Menschen in Not an Leib und Leben bedroht und zudem in der Türkei ein mafioses System aus Schlepperei, Misshandlung und Korruption zum Blühen bringt. Die „Conclusion I“ erinnerte an übergeordnetes Grundrecht – „Safety first“ und „Humanity first“ –, das in westlichen Demokratien weit vor nationalen oder individuellen Eigeninteressen steht. Vordringlicher Teil der Problemlösung, die sich am Übergeordneten orientiert und das Sterben im Mittelmeer auf einen Schlag eliminiert, wäre eine sichere Meeresüberfahrt – Safe passage -, auf das ein ordentliches, rechtsstaatliches Asylverfahren folgt. Der positive Zuspruch auf diese „Conclusion I“ war gross und mehrheitlich, es fühlten sich aber auch Einige von der schonungslosen Art etwas vor den Kopf gestossen. Nun ist es Zeit, den Blick – und das Herz – weiter zu öffnen.

Dies geschieht vor folgendem Hintergrund:

  • Es sei nochmals daran erinnert: Vor allem seit April 2015 kommen Flüchtlinge, mehrheitlich aus Syrien, Irak und Afghanistan über die Türkei ins Schengeneuropa der offenen Grenzen. Über 850’000 kamen über Griechenland nach Europa; das sind 85% der übers Mittelmeer Flüchtenden. Viele Syrer – 4 bis 4.5 Millionen – jedoch hängen in den teils unmenschlichen „Warteräumen“ in der Türkei, in Jordanien und dem Libanon fest. Die Süddeutsche Zeitung vom 11.1.2016 blickt gestützt auf Expertenmeinung in die nahe Zukunft: 2016 könnte wie 2015 nochmals eine Million Einwanderer nach Europa kommen. Diese Einschätzung scheint realistisch. Manche gehen noch von mehr aus. Werden dann wiederum 3’771 Menschen Ertrunkene wie im 2015 in Kauf genommen, ertrunken in „Unserem Meer“?
  • Der Raum, den das Mare Nostrum definiert, ist so etwas wie die ‚Eizelle Europas‘. Menschen haben diese „Eizelle“ vor langer Zeit befruchtet und zur Zellteilung gebracht, worauf ein hochkomplexer und hoch ausdifferenzierter ‚Organismus Europa‘ entstand, der nie aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln. Ohne die Hochkultur der griechischen Antike und ohne das Imperium romanum hätte dieses Europa, wo sich heute Menschen aller Art, Sprachen und Kulturen frei bewegen können, niemals entwachsen können. Und nun ist das Mare Nostrum zum Todesgraben geworden. „Die Leute kommen von weit her, um hier ein besseres Leben zu finden. Und dann ertrinken sie. Wir erleben das täglich. Das muss aufhören. Man muss eine Lösung finden, damit die Menschen hier nicht so qualvoll sterben.“ (Zitat von Stratos Giannakis, Totengräber im Friedhof von Mitillini, Quelle SRF.)
  • Dass die Flüchtenden, die den ‚Todesgraben‘ glücklicherweise überlebt haben, mit einem menschlichen Antlitz, mit trockenen, wärmenden Kleidern und stärkenden Speisen versorgt werden, verdanken sie zum Grossteil Freiwilligen aus aller Welt. Bei einem Problem kontinentalen Ausmasses liegt die Verantwortung für die Wahrung von Mitmenschlichkeit in den Händen von Freiwilligen (siehe „The Responsibles“ und „Irresponsibility.org“). Das ist ein unhaltbarer Zustand und gleichzeitig eine grosse Ermutigung, weiterhin daran zu glauben, dass Humanity first seine Gültigkeit hat, nicht nur auf dem Papier, sondern im Kopf und in den Herzen von Menschen, die sich entschieden haben, MITZUGESTALTEN.
  • Aber, und wer kann es ihnen nach Wochen, ja Monaten physisch und psychisch beanspruchendem Einsatz verübeln, die Wut wächst bei denen, die an der Küste stehen und helfen oder sich gar ins Meer wagen, um zu retten und nun – wie vor Tagen geschehen – von der Polizei aufgegriffen werden und des Schleppertums angeklagt werden. Der Ton wird verzweifelter. Wäre da nicht immer wieder von neuem der Dank jener, die heil übers Meer gekommen sind.
  • MICHAEL Räber von „Swisscross.help“-Team sagte in der Reportersendung vom 17.1.2015 des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens SRF: „Seit Monaten geht das so. Und jeder weiss es, und es passiert nichts. Aber nichts. Es wird einfach ignoriert. Es wird nur aus der Perspektive der eigenen Sicherheit diskutiert, und nicht AUS DER PERSPEKTIVE DER MENSCHEN AUF DIESEN BOOTEN. Das ist nicht in Ordnung. Das sind nicht unsere Werte!“
  • Oder es sind – nur als weiteres Beispiel – professionelle Fotografen, die auf Lesbos waren und nun von der „Balkan-Route“ oder vom Lager in Dunkirk (F), ein Camp wie aus Dantes Inferno herausgesprungen, berichten. Sie seien von den Erlebnissen „vor den Kopf gestossen“. Zu hart waren und sind die Bilder. Zu hart die Verhältnisse. Hochgerüstete Polizei wie wenn Krieg herrschen würde. Paranoia unter den dort gestrandeten, mehrheitlich jungen Männern, die jedem misstrauen. Ein soziales Pulverfass. Und ein unvorstellbarer Dreck, in dem Menschen in Europa elendlich dahinvegetieren.
  • Es sind jene Bilder des Schreckens. Es sind jene Geräusche, das Schreien und Weinen der an der Küste Ankommenden. Oder die abgrundtiefen Blicke jener, denen es die Stimme verschlagen hat. Es ist diese aufkommende Wut der freiwilligen Helfer. Alles dies ist im heutigen Europa zweitrangig – das faktische Verhalten lässt keine andere Einschätzung zu. Die Perspektive für diese notgeprüften Menschen, die am Anfang eines gemeinsamen Problems stehen, verloren zu haben, lässt das für ein gemeinsames Europa Gutes erwarten?
Der Europäische Traum

Europa im 21. Jahrhundert, worauf gründet sich dieses überhaupt? Was ist der Kern des europäischen Verständnisses? Jeremy Rifkin erstaunte 2004 die amerikanische, vor allem die europäische Öffentlichkeit mit einem Buch, das den Titel trägt: „The European Dream“. Ein amerikanischer Ökonom und Intellektueller erzählt von der Faszination des vielzitierten „Amerikanischen Traums“: von der Vorrangstellung des Individuums und der Verantwortung des Einzelnen. Er zeigt dann jedoch, wie „der Europäische Traum“, dessen sich die Europäer gar nicht richtig gewahr sind, viel mehr in eine nachhaltige, in sich ausbalancierte Zukunft weist. Ja, der Amerikaner sieht die Europäer auf dem Weg in die neue Zeit als jene, die die Führung übernommen haben. [Was für eine Vorstellung in diesen Tagen!] Rifkin: „Aus all den möglichen Erklärungen ragt aber eine heraus: Der hochgeschätzte „Amerikanische Traum“ selbst, das Ideal, um das uns einst die Welt beneidete, hat Amerika in seine gegenwärtige Sackgasse geführt. Ihm zufolge hat jeder Einzelne unbegrenzte Möglichkeiten, sein Glück zu machen, was nach amerikanischer Lesart im Allgemeinen mit reich zu werden gleichzusetzen ist. „Der Amerikanische Traum“ konzentriert sich viel zu sehr auf das persönliche materielle Vorankommen und zuwenig auf das allgemeine menschliche Wohlergehen, um für eine Welt zunehmender Risiken, Vielfalt und wechselseitiger Abhängigkeit von Bedeutung zu sein. Es ist ein alter Traum, vom Pioniergeist geprägt, aber seit langem passé. Während der amerikanische Geist rückwärts gewandt erlahmt, erleben wir die Geburt eines neuen „Europäischen Traums“. Dieser Traum passt besser zum nächsten Schritt der menschlichen Entwicklung – er verspricht in einer zunehmend vernetzten und globalisierten Welt, der Menschheit ZU GLOBALEM BEWUSSTSEIN zu verhelfen. – „Der Europäische Traum“ stellt Gemeinschaftsbeziehungen über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes materielles Wachstum, spielerische Entfaltung über ständige Plackerei, universelle Menschenrechte und die Rechte der Natur über Eigentumsrechte und globale Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung.“ Und weiter in diesem Rhythmus eindrücklicher Worte: „Auf seinen nackten Kern reduziert, ist „der Europäische Traum“ der Versuch, einen neuen historischen Bezugsrahmen zu schaffen, der das Individuum von dem alten Unfug abendländischer Ideologien befreit und gleichzeitig das Menschengeschlecht mit einer neuen, gemeinsamen Geschichte ausstattet, die IM GEWAND DER UNIVERSELLEN MENSCHENRECHTE und der intrinsischen Rechte der Natur daherkommt – was wir als „globales Bewusstsein“ bezeichnen. Es ist ein Traum, der uns über Moderne und Postmoderne hinaus INS GLOBALE ZEITALTER führen kann. Kurz: Mit dem Europäischen Traum beginnt eine neue Geschichte.“

Rifkin verweist jedoch auch auf Gefahren, dass Europa die Zeichen der Zeit unterschätze. Auch vom Einwanderungsdilemma ist in diesem Zusammenhang die Rede. Von der Neuartigkeit, dass mit der Einwanderung immer wieder neue kulturelle Nischen entstehen, die das bisherige kulturelle Gefüge herausfordern würden, aber auch bereichern können. Schon vor mehr als zehn Jahren war auch der Europäischen Union klar, dass die Bevölkerung Europas schrumpft und älter wird. Rifkin, 2004: „Die Überalterung der Bevölkerung wird wahrscheinlich dazu führen, dass Europa in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts seine Spitzenstellung in der Weltwirtschaft verliert. Es gibt bereits deutliche Warnsignale.“ Er zitiert aus einem Artikel der Wissenschafter W. Lutz, B.C. O’Neill und S. Schwerov in der Zeitschrift Science, 2003: „Es gibt Befürchtungen, dass genau dann, wenn die Welt in die Phase des schärfsten Wettbewerbs überhaupt eintritt, Europa im Vergleich zu den USA und Asien weniger konkurrenzfähig sein wird, weil dort die Bevölkerung jünger ist und von dem profitiert, was man ein demographisches Chancenfenster nennen könnte.“ Die Wissenschafter kämen, so Rifkin, zum Schluss, dass Europa mehr als 1 Million Immigranten pro Jahr braucht, um so viel Wachstum zu erzielen, als hätte jede Europäerin im Durchschnitt ein Kind mehr geboren. Allein Deutschland müsste die nächsten drei Jahrzehnte lang 500’000 junge Einwanderer jährlich willkommen heissen – oder die Geburtenrate verdoppeln [wofür man schon bereits fast alle denkbaren Massnahme getroffen habe –], um den Rückgang seiner momentanen Bevölkerung von 83 Millionen [2014: 81 Mio] auf unter 70 Millionen zu vermeiden und den Überalterungszustand umzukehren, der sich darin ausdrückt, dass das Durchschnittsalter von momentan 41 Jahren bis 2050 auf 49 Jahre steigen würde. Rifkin folgert: „Die Einwanderungsfrage ist der Härtetest für den Europäischen Traum.“ Zehn Jahre später wird dieser Test nun akut.

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Ein aktueller Einwurf von Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz am Weltwirtschaftsforum WEF in Davos, 2016 (Quelle: Wirtschaftswoche, 22.1.2016): „Das Migrationsthema entwickelt sich tatsächlich auch zu einem ökonomischen Problem, wenn es nicht gelingt, Europas Bevölkerung vom Segen der Einwanderer zu überzeugen. Wir sehen schon jetzt, dass einige europäische Länder zu Grenzkontrollen zurückkehren. Dabei sind offene Grenzen die wichtigste Errungenschaft Europas. Dreht Europas das zurück, wird das dramatische wirtschaftliche Folgen haben – und die strukturelle Krise Europas wieder verschärfen.“

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Es besteht die gute Chance, dass auch dieser Junge zum Segen für Europa werden wird. – Mir war er in einem schwierigen Moment, nach einer aufwühlenden Bootsrettung, bereits ein Segen. Der Junge und ich hatten nur ein paar gemeinsame Sekunden, in welchen wir eigentlich Fremden uns zuzwinkerten und zulächelten. Es fühlte sich an, wir wären uns nah wie Freunde für ein paar Sekunden. Dann fuhr der Bus los, in seine Zukunft.

Ein zweiter Einwurf von William Lacy Swing, US-Botschafter und seit Oktober 2008 Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM): „Wir müssen vor allem das Migrationsnarrativ ändern. Einwanderung ist nicht giftig, sondern hat überwältigend positive Effekte. Einwanderungsfreundliche Länder genießen laut einer Weltbankstudie mehr Wohlstand und Wachstum. In den USA sind etwa 40 Prozent der Chefs der größten Unternehmen Einwanderer oder deren Kinder.“ (Quelle: Die Welt, 19.1.2016)

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Jeremy Rifkin wiederum erkennt, das der „Europäische Traum“ zukunftsfähiger ist als der amerikanische. Er legt dafür ein leidenschaftliches Plädoyer ab, das die Europäer selbst überrascht. Romano Prodi, der damalige Präsident der Europäischen Kommission schreibt 2004: „Die Geschichte lehrt zuweilen, dass ein aussenstehender Beobachter das Wesen eines Volkes am treffendsten erfassen und beschreiben kann. Im Jahre 1831 besuchte der französische Philosoph Alexis de Tocqueville das junge Amerika und verfasste daraufhin das Buch „Demokratie in Amerika“. De Tocqueville half den Amerikanern damit, den „Amerikanischen Traum“ zu verstehen und dessen Relevanz für die Welt zu erkennen.“

Erkennt Europa seine für die Zukunft günstigen Anlagen? Kennt es die Wegmarken hin zum „Europäischen Traum“? Und wenn ja, weiss es damit etwas anzufangen? Ist es bereit dazu, die notwendigen Schritte zu tun und dafür Opfer zu bringen? Jeremy Rifkin fragte sich deshalb bereits vor 12 Jahren: „IS EUROPE TOUGH ENOUGH?“

Dünn ist das Eis geworden

„Is Europe tough enough?“ Philipp Ruch, Mitglied und Gründer des Künstlerkollektivs „Zentrum für politische Schönheit“ hätte eine Antwort, die in grossen Lettern auf dem Buchdeckel zu einem bemerkenswerten politischen Manifest steht, und mir gefiele, wenn Europa selbstbewusst sagen könnte: „Wenn nicht wir, wer dann?“

Europas Potenziale sind faszinierend: faszinierend vielfältig und faszinierend gross. Doch stattdessen, oder gerade deswegen, findet sogar Jean-Claude Juncker, aktueller Präsident der EU-Kommission, Europa gebe in der Flüchtlingsfrage ein „schändliches Bild“ ab (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 16.1.2016). Er meint damit vor allem den Egoismus zuvieler Mitgliedsstaaten. So hat die EU zusammen auch mit der Schweiz beschlossen, 160’000 Flüchtlinge nach einem gemeinsamen Schlüssel zu verteilen. Das sind lediglich 16% der 2015 tatsächlich eingewanderten Flüchtlinge. Bis dato wurden konkret 331 Personen verteilt. Das sind ganze 0.03% jener Million, die tatsächlich ankamen und die die Forscher vor mehr als zehn Jahren hochgerechnet haben, die nötig wären, um Europas Schrumpfen zu verhindern. Was für ein Ergebnis! Allein dieses Resultat, aber auch das anhaltende Streiten und Jammern vieler in Europa, nicht nur Politiker, lässt das Urteil zu: Europa ist aktuell in einem Zustand von dramatischer Schwäche, von stupender Orientierungs- und Ziellosigkeit angelangt. Mit Blick auf den globalen Massstab bezeichnet Jean-Claude Junker jenes Bild, das Europa in der Krise abgibt, als „eine Schande“. In Bezug auf Kontakte mit beispielweise dem König von Jordanien gibt er unumwunden zu, nicht nur leicht zu erröten, wenn die Gesprächspartner darauf hinweisen, dass die Probleme in ihrem Land doch eigentlich viel gravierender seien als im reichsten Kontinent der Erde. Die Süddeutsche weiter: „Und dann rechnet Juncker vor: ‚Wenn die EU im Verhältnis so vielen Flüchtlingen Obdach gewähren wollte wie Jordanien oder Libanon, dann müssten wir 100 Millionen Flüchtlinge aufnehmen.‘ Die EU solle sich daher lieber damit zurückhalten, anderen Lektionen zu erteilen.“ Dies trifft selbstredend auch auf das Nicht-EU-Land Schweiz zu. Angela Merkel sagte es ähnlich: Sie finde es schon seltsam, dass ein Land wie Jordanien mit drei Millionen Einwohnern eineinhalb Millionen Flüchtlinge aufnehme, und Europa behaupte, mit einer Million überfordert zu sein. (Quelle: Tages-Anzeiger, 16.1.2016, Gastbeitrag von Dominique Eigenmann).

Der Druck auf Juncker, vor allem aber auf Merkel nimmt fast täglich zu. Was passiert, wenn Deutschland die Grenzen zumacht, oder teilweise zumachen will, wie Österreich beschlossen hat und nun Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro nachvollziehen werden oder schon haben? Wenn Deutschland fällt, bricht das jetzt schon äussert wacklige europäische Kartenhaus zusammen. Die Eisschicht, auf der sich Europa bewegt, ist bereits sehr dünn geworden. Heisst es dann an die Adresse von EU-Land Italien und vor allem EU-Land Griechenland: arrangez-vous? Was bedeuten geschlossene Grenzen für den noch pulsierenden, auf offenen Grenzen basierenden Binnenmarkt Europas, der im Austausch wie auch im Wettbewerb zu Amerika und Asien steht? Was würde mit dem eigenen Anspruch Europas geschehen? Aber selbstverständlich auch die Frage: Was passiert mit den Flüchtlingen in der Türkei? Deren längerer Verbleib wird die doppelzüngige Türkei nicht zulassen. Die Türkei als das „Flüchtlingsgefängis“ Europas, darauf wird auch Erdogan sein neues Verhältnis zu Europa nicht aufbauen wollen. Die türkische Grenze wird allein deshalb durchlässig bleiben, aber natürlich auch, weil man am Schleppertum Milliarden verdienen kann, und die Flüchtlinge, weil’s im Erdoganland nicht auszuhalten ist, weiterhin weg wollen. Ist es da aus der Perspektive der Flüchtenden verwegen anzunehmen, dass das Drama in der Türkei, in Griechenland und im Todesgraben dazwischen noch grösser werden könnte als 2015?

Dünn ist das Eis geworden. Und brüchig.

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Beim Schreiben erreicht mich am 20.1.2016 um 16:30 eine Nachricht auf Facebook von GIADA, der Rettungsschwimmerin aus Norditalien. Ich habe sie kennengelernt als eine sehr zurückhaltende, bescheidene Frau. Doch sie war am 23.12.2015 eben auch eine jener waghalsigen Helferinnen, die sich frühmorgens noch im Dunkeln ins Wasser stürzten und es dank einer Fügung aus Risikobereitschaft, Warrior-Qualitäten und Glück schafften, über 3o vor dem Lighthouse Korakas gekenterten Personen einschliesslich Babys vor dem Ertrinken zu retten. Siehe den Artikel „The most dramatic moment in my life“.

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GIADA (I)

Fast einen Monat später schreibt sie nun: „Horrible day at Skala today … We lost two innocent souls … A child of three and a woman lost their lives … too cold to be on the boat today. There is snow on the hills of Lesvos and Turkey … too much time passed before the rescue attempt to save them … how many more lives do we have to loose; how much longer do we have to deal with death before the European governments do something to help us on this island and in the rest of Europe? We do all what we can, but we cannot do everything!! Open your hearts, open your eyes. They want only a better life. They deserve a better life. How are we to decide that they don’t need help and solidarity? No more suffering for these people, peace for them and for us!!!! My heart is broken, I’m screaming inside!!!!!!!!“

Europa, gerade auch die solidarischeren Länder Österreich, Schweden, Deutschland seien an der Belastungsgrenze angelangt, hört man zuweilen, immer öfter, immer dominanter. Je mehr man davon spricht und es Tag für Tag in allen Medienkanälen wiederholt, umso mehr wird es als kollektive Gewissheit, ja ‚Wahrheit‘ empfunden. – Man denke noch einmal an Jordanien, den Libanon. Auch wenn die Standards für die Unterbringung in Europa höher sind. – GIADA und hunderte andere Volunteers klagen nicht über jene Belastungen, die sie auf sich nehmen, Nacht für Nacht, Tag für Tag, über Wochen, manche über Monate hinweg. Die meisten ohne Lohn. Körperlich und seelisch gehen sie wiederholt an ihre Grenzen, allein, weil es für sie das einzig Richtige ist, das vor allem anderen zu stehen hat: Menschen auf der Flucht nicht im Meer ertrinken sehen zu wollen. Sie stehen immer wieder von Neuem am Ufer, ja springen wenn nötig in die nun eiskalten Fluten. Hat jemand sie jemals jammern gehört? Erst wenn auch sie nicht mehr helfen können, wie mit dem 3-jährigen Kind, wird ihnen wieder gewahr, welch Irrsinn sich zwischen der Türkei und Griechenland als Ausdruck einer verfehlten Politik abspielt. GIADAS Worte machen dann Eines deutlich: Wie verzweifelt die Helferinnen und Helfer sind. Allein gelassen in der Gefahr. Allein gelassen angesichts vermeidbaren Toten.

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Erneut erreicht einen eine unfassbar klingende Information von den Grenzen Europas, ausgestrahlt in den „tagesthemen“ vom Ersten Deutschen Fernsehen ARD, 23.1.2015: Die Türkei sei beim Bau einer gigantischen Mauer an der türkisch-syrischen Grenze weit fortgeschritten. Jeden Tag würden viele neue Betonelemente dazu gereiht, bald solle eine Mauer von gut 200 Kilometern errichtet sein. Ziel: den Krieg von der Türkei und Europa fernhalten. Die „Sicherung der Aussengrenzen“, das Mantra der Mehrheit der europäischen Politikerinnen und Politiker, wofür vor allem der Partner Türkei ausserhalb der EU zu sorgen hat, dies sei selbstredend zu kombinieren mit „Hilfe vor Ort“ nahe der Krisenherde, bekommt eine weitere Konkretisierung: Grenzsicherung und Hilfe in der Region würden also auch bedeuten, dass die noch in Syrien befindliche Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet eingekesselt bliebe, schutzlos der Brutalität des IS und dem Staatsterror von Assad ausgeliefert. Fassungslos schaut man auf ein Europa, das sowas toleriert oder gar direkt oder indirekt mitträgt, ein Europa, das jegliche Kontrolle über sich selbst verloren zu haben scheint und dabei ist, seine Grundwerte in einem Masse zu verraten, wie man es nicht für möglich gehalten hätte.

Nun verknüpfen wir diese Entwicklung mit jenen Informationen von Amnesty International und des Nachrichtenformats „Monitor“ der ARD (14.1.2016), dass die Türkei syrische Flüchtlinge widerrechtlich in Haftzentren festhalte, die auch mit EU-Geld betrieben werden, ihnen dabei das Mobiltelefon wegnähme, damit sie keinen Kontakt nach aussen aufnehmen könnten. Es wird berichtet, dass diesselbe Türkei diese widerrechtlich festgehaltenen Flüchtlinge zwinge, ein lediglich auf türkisch verfasstes Dokument zu unterschreiben, aufgrund dessen die Türkei sich legitimiert sieht, Syrer über die Grenze ins Kriegsgebiet zurückzuschaffen. Ist Europa dann nicht mehr weit von Entwicklungen entfernt, die man für immer als überwunden angenommen hat?

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Umso wichtiger erscheint es, vor diesem niederschmetternden Hintergrund an der Vision, an der Richtigkeit und vor allem an der Umsetzbarkeit des „Europäischen Traums“ festzuhalten. Dieser lässt sich nur mit Weitsicht, Opferbereitschaft im Sinne davon, umzudenken und neue Realitäten zu akzeptieren und in die bisherige Vorstellung von Europa integrieren zu wollen, erreichen. Sonst bleibt es ein Traum. Und was ein Europa ohne ihren eigenen Traum wäre, lässt sich aktuell bereits erahnen: Europa versinkt ja gerade im Retro-Nationalismus. Hässliche Egoismen wachsen an immer mehr Stellen auf. An erschreckend vielen Stellen. Dabei wissen wir: Nationalismen sind der beste Nährboden, dass man zuerst einander nicht mehr zuhört und aneinander vorbeiredet, dann gegeneinander agiert und zum Schluss meist Krieg miteinander führt.

Dann wäre das Eis geborsten, auf dem sich Europa bewegt. Der Traum vom anführenden Europa versunken im kalten Wasser. Keine GIADA wäre mehr da, die ins eisige Wasser spränge, um den Traum zu retten. Adieu du Traum von einem europäischen Weg der Lebensgestaltung, der das kontinentale Schicksal mit dem globalen zu vereinen versucht. Adieu.

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An einer solchen Stelle beendet man normalerweise einen Text. Doch auch wenn viele Zeichen immer mehr auf Sturm gestellt sind, SO SCHNELL GEBEN WIR DEN EUROPÄISCHEN TRAUM NICHT AUF!

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Sturm zieht auf, an der Küste bei Molyvos auf der Insel Lesbos.

Wir spüren, wir ahnen, ja wir wissen, die „Flüchtlingskrise“ ist im Grunde primär eine KRISE IN DEN KÖPFEN. Positiv gelesen ist es nur ein weiterer, wenn auch umso dringlicher Hinweis dafür, dass man solche Veränderungen im geopolitischen, kulturellen und politischen Gefüge schlicht nur erfassen und lösen kann, wenn man IN ANDEREN GRÖSSENORDNUNGEN und IN ANDEREN ZEITHORIZONTEN denkt und auch konkret zu handeln ansetzt.

Der Faktor Zeit
  • Sigmar Gabriel, Deutschlands Vizekanzler, sagte diese Tage, gewisse Länder in der EU hätten sich erst Ende des letzten Jahres mit der Flüchtlingsfrage intensiver auseinandergesetzt. (!) – Im März/April 2015 standen die Griechen auf Lesbos alleine an ihrer Küste und halfen immer mehr Flüchtlingen an Land. Irgendwann hat die ganze Welt davon gehört, und immer mehr Freiwillige kamen zu Hilfe und stemmen diese immer noch. Tausenden wurde geholfen, nicht wenige vor dem Tod bewahrt, trotzdem starben letztes Jahr 3’771 Menschen im Mare Nostrum. Niemand kann wirklich behaupten, seit 2011 nicht gewarnt, später informiert worden zu sein. Man schaute professionell weg, bis sich ein Problem zu etwas ausgebildet hatte, das man nun als „Krise“ bezeichnet. Europa besitzt soviele Universitäten, Unternehmen und clevere Köpfe, die etwas von FRÜHERKENNUNG, FRÜHWARNSYSTEMEN und KRISENMANAGEMENT verstehen. Warum liegt solch ein Potenzial in der politischen Erkennung und Implementierung brach? Monate wurden fahrlässig vergeudet. Mit tödlichen Folgen. Nutzen wir nun die schlauen Köpfe, verschaffen wir ihnen Gehör und Platz, auch wenn es spät ist?
  • Die Zeit drängt, weil fast jeden Tag weitere Menschen im Mittelmeer ertrinken. – Bis dato sind’s im Jahr 2016 bereits wieder 149 Menschen. 149! Bleibt Europa bei ihrer bisherigen Politik, werden noch mehr Menschen sterben. – Will Europa angeklagt werden, wegen „fährlässiger Tötung“ und „unterlassener Hilfeleistung“? Um das zu verhindern, braucht es sofort die Strategie „SAFE PASSAGE – NOW!“. Die Flüchtenden würden dann sicher und menschenwürdig in der Türkei untergebracht. Sie können sicher übers Meer gelangen, um dort sicher und menschenwürdig in Empfang genommen zu werden und sie nach rechtsstaatlichen Grundsätzen einen Asylantrag stellen können. Ist dies einer Staatengemeinschaft im 21. Jahrhundert mit eigenen grossen Ambitionen nicht angebracht? Dafür bräuchte es einen Gestaltungs- und Entscheidungswillen, ähnlich entschlossen, wie wenn man das europäische Bankensystem retten will.
  • Ja, verschaffen wir den Denkerinnen und Denkern wieder mehr Platz. So wie dies an einem kleinen Beispiel kürzlich der Spiegel zeigte, in dem es 27 Denkern die Gelegenheit gab, auf die Flüchtlingskrise zu schauen: „Philosophen über die Flüchtlingskrise: Das Ende der Lebenslüge“. Allein der Titel verspricht Wichtiges: Wer „Lebenslügen“ erkannt und bezeichnet bekommt, der kann sich in die Lage versetzen, diese genau prüfen und beseitigen zu wollen. Ein Europa, das an seinen „Europäischen Traum“ glaubt, würde sich diesen Lügen stellen. Der Spiegel: „Die Zeit der Illusionen sei vorbei, sagt der Initiator. Die Deutschen müssten sich endlich erwachsen mit Migration auseinandersetzen.“ Ein erwachsenes Europa wäre noch besser, ein Europa, das ernsthaft und mit der Bereitschaft zum Lernen zuhört, was diese Denker schon früher sagten und was sie heute zu sagen haben. Wolfram Eilenberger, Philosoph, Publizist und Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ sagt beispielsweise: „Wie viele andere habe ich mir vorgemacht, das konkrete Leid, das in den Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas den Alltag von Milliarden Menschen prägt, ließe sich für die kommenden Jahrzehnte lebensweltlich auf Distanz halten. Wir hegten die Illusion eines Kerneuropas als mauerloser Paradiesgarten in einer Welt des Elends. Damit ist es vorbei.“ Wer diesen Schritt des Erkennens und Dazulernens akzeptiert, wird sich dem Migrationsthema anders annehmen, als das Europa dieser Tage. – Oder der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer: „Man sollte endlich AUFHÖREN, GEGENWARTEN IN ZUKÜNFTE HOCHZURECHNEN. Gesellschaften sind nie stabil und soziale Entwicklungen nie linear. Um Demokratie widerstandsfähig zu machen, muss man aufhören, jegliches unerwartetes Geschehen als „Krise“ zu deuten, und stattdessen mit einem permanenten Gestaltwandel der Gesellschaft und damit auch einem Wandel der jeweiligen Anforderungen zu rechnen lernen.“ – Herrlich diese Wort, und so wahr. Das Europa von heute kann niemals jenes von morgen sein. Erkennen und verinnerlichen wir dies, sind wir bereit, die Veränderungen von heute und morgen zu GESTALTEN, statt uns nur von gewissen Problemen, die aus diesen Veränderungen sicherlich erwachsen, vor uns her treiben zu lassen. Hätten wir vor zwei, drei, ja bereits vier Jahren die Zeichen der Zeit erkennen wollen und auf die Hinweise der Denker gehört, Europa hätte rechtzeitig passende Massnahmen entwickeln und anwenden können. Diese Chance ist vergeben. Noch immer aber kann man sich jedoch von den „Lebenslügen“ befreien.
  • Nun geht in der europäischen Öffentlichkeit die Angst um, von vielen Personen, Institutionen, Parteien und Medien weidlich unterstützt. António Guterres, der UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR), sagte dazu in einem Interview im Dezember 2015 von TED, einer Plattform für Ideen, die es zu verbreiten wert sind: „Das Problem ist, dass wenn man dies vernünftig organisiert, die Menschen gut empfangen, willkommen geheissen und am Zugangspunkt gut versorgt und kontrolliert hätte, um sie in verschiedene Länder zu verteilen, hätten die Menschen keine Angst gehabt. Doch leider haben wir vielen Menschen Angst gemacht, nur weil Europa seine Aufgabe nicht ordentlich erledigt hat.“ Dies kann man nicht mehr rückgängig machen. Aber das Vertrauen lässt sich nun nur mit Optimismus und der Rückkehr zu ordentlicher Aufgabenerfüllung bewerkstelligen. Zuviele Menschen, zuviele Politiker sind dazu aktuell noch nicht bereit. Letztlich bleibt dann doch nichts anderes als anzupacken.
  • Dabei ist Integration zweifellos das Schlüsselwort bei der Bewältigung der Migration. In der Umsetzung vielschichtig, kompliziert, mühselig. Aber machbar. Auch hier gilt der Grundsatz des Bewusstwerdens, wie sehr wir als Gesellschaften vor grossen Herausforderungen stehen, die aber bewältigbar sind. Nochmals UNHCR-Kommissar Guterres, der auf die fehlgeschlagenen Integrationsmodelle der 1960er bis 1980er Jahre zu sprechen kommt, um zu folgern: „Es muss in der zweiten Migrationsgeneration viel stärker investiert werden, um Bedingungen zu schaffen, dass Leute im gegenseitigen Respekt zusammenleben können.“ – Bereits die Erlebnisse an der Küste in Lesbos zeigen uns: Die Präsenz und das „Empfangen“ der Flüchtenden auf sicherem Boden ist für diese nicht nur der erste Kontakt mit dem westlichen Europa, es ist bereits der erste Schritt zur Integration: Gegenseitig Sorge tragen ist Teil des „Europäischen Traums“. Sich dabei unabhängig von kultureller Differenzen in die Augen schauen, ein begrüssendes Lächeln, auf das ein Lächeln der Erleichterung und Freude und meist ein ausdrückliches „Thank You“ folgen, sind erst ein Anfang, jedoch ein guter. Wenn Freiwilligenhelfer wie „Swisscross.help“ so etwas wie Begrüssungskonzerte in den Camps Kara Tepe und Moria veranstaltet, ist dies mehr als eine Geste (siehe „Heart Steps in Concert im Moria – Wenn Musik verbindet“). Es ist auch die erste konkrete Konfrontation mit der andersartigen Kultur Europas, in welche die Flüchtlinge eingetreten sind und hoffentlich ihr kulturelles Erbe miteinbringen werden, für jene „Einheit in der kulturellen Vielfalt“, für welche „der Europäische Traum“ steht. Doch zu einer Begrüssung als Teil der Integration gehört auch, dass das „Geschenk“, in Europa willkommen zu sein, auch von Beginn weg mit Pflichten verbunden ist. Unter den erwähnten 27 Denkerinnen und Denkern befindet sich auch Rupert Neudeck, ein Urgestein der Flüchtlingsretter und Gründer der Hilfsorganisationen „Cap Anamur“. Neudeck ist nicht nur ein Denker, vor allem auch ein Macher. Zum Zeitfaktor sagt er: „Eine Integration kann nur gelingen, wenn sie vom ersten Tag des Betretens deutschen oder europäischen Bodens vorbereitet wird. Jeder, der in eine Erstaufnahme hineinkommt, muss ein Papier in die Hand bekommen in seiner Muttersprache. In dem Papier wird klar gesagt: Dieses Geschenk der Deutschen, dass man erst mal ohne Bezahlung eine Unterkunft, einen Schlafplatz und eine Vollversorgung plus Taschengeld bekommt, muss durch eigene Anstrengungen im Asylheim beantwortet werden. Man erwartet die Teilnahme an allen Veranstaltungen im Heim. Der Deutschunterricht muss besucht werden, es muss in den ersten Tagen fleißig Deutsch gelernt werden. – Es müssen alle Arbeiten im Haus oder Heim von den Flüchtlingen erledigt werden, auch die Toilettenreinigung. Es müssen kommunale Arbeitsdienste, auch ohne Bezahlung, geleistet werden. Ein solches Papier muss nach Lektüre unterschrieben werden. Es gibt wenige Fälle, in denen sich Flüchtlinge nicht bereitfinden, den Deutschunterricht zu besuchen. Dann muss ihnen gesagt werden, dass sie in diesem Fall wieder abgeschoben werden. Und das muss auch sofort durchgeführt werden.  – Jeder Mensch lebt durch Tätigsein. Das schlimmste Hindernis der Integration sind die Untätigkeit und Passivität, zu denen das deutsche Asylbewerbersystem nicht nur neigt, sondern die es verfügt. Die Menschen, die hier auf ihr Einleben warten, dürfen bis zu 17 Monate nichts tun, dürfen sich außerhalb der Bannmeile ihres Ortes nicht bewegen. Sie werden geradezu stillgestellt. Das ist für die Entfaltung der Selbstorganisation und die Integration von Menschen in unsere Gesellschaft schmerzlich hinderlich.“ – Ein Europa, das sich so pragmatisch organisiert, schafft auch eine Million Zuwanderer pro Jahr. Jene Million, die es braucht, um seinen eigene Produktivität und seinen Lebensstandard halten zu können. Profitieren wir doch vom über Jahrzehnte angereicherten Wissen eines Neudecks, statt mit Verspätung langwierige Arbeitskreise zu beauftragen, das Rad neu zu erfinden. Die Zeit ist knapp. Schenken wir den Macherinnen und Machern unsere Aufmerksamkeit und unser Vertrauen.
Der Faktor Grösse
  • Verlieren wir dabei die Massstäblichkeit nicht aus den Augen, gerade in einer Phase, in der die Emotionen hochkochen, und Zahlen dramatisiert werden, die bei einem genaueren Hinsehen – wie die Million Zuwanderer pro Jahr – erwartbar waren und weiterhin sind. Die einzigen Zahlen, die uns keine Ruhe lassen dürfen, ist die Anzahl jener, die im Krieg sterben, und jener, die seelisch und körperlich auf der Flucht geplagt wurden und gar ihr Leben lassen mussten, obwohl es mit einer Safe Passage-Konzeption zu vermeiden gewesen wäre, und künftig immer noch ist.
  • Europa war offensichtlich nicht vorbereitet, dass eine Million Flüchtlinge sich 2015 zu den bereits 508 Millionen der EU-Bevölkerung gesellen würde. Wie bereits dargelegt, wird die Bevölkerung Europas nicht nur älter, sondern von Jahr zu Jahr auch weniger. Es braucht mehr Nachwuchs und „Nachschub“ durch Migration. Das weiss man in Europa seit manchen Jahren. Bringen wir doch jetzt diese Wahrheit wieder in die Debatte und Bewältigung der Migrationsfolgen ein. Nicht nur die Migranten bekommen mit der zweiten Lebenschance in Europa ein entsprechend zu estimierendes Geschenk, sie sind auch ein Geschenk – „ein Segen“ (Stiglitz) – für Europa. Wer dies anerkennt, wird gelassener und entschlossener ans schwierige Integrieren gehen.
  • Lasst uns gelassen und selbstkritisch in uns hinein schauen: Unsere Selbstbezogenheit und Kleingeistigkeit, die – sind wir ehrlich – in (fast) in jedem von uns steckt, sie sollen verdammt sein! Mit der Kraft unseres Geistes. Es bedingt etwas Kopfanstrengung, mit der wir die archaischen Gefühle in uns reflektieren, und schon geht’s. Die Worte von UNHCR-Kommissar Guterres, die neuen Realitäten anzunehmen: „For me it’s clear that all societies will be multiethnic, multicultural, multi-religious in the future. To try to avoid it, is in my opinion, impossible. And for me it’s a good thing that they will be like that, but I also recognize, that for that to work properly, you need a huge investment in the social cohesion of our own societies. And Europe, to a large extent, failed in that investment in the past decades.“ Nochmals soll Jeremy Rifkins zu Wort kommen: „Wichtig an der neuen europäischen Zukunftsvision ist die PERSÖNLICHE TRANSFORMATION und nicht die individuelle materielle Akkumulation. Der neue Traum ist nicht auf Anhäufung von Reichtum fokussiert, sondern auf die Förderung des menschlichen Geistes.“ Stellen wir uns den „Europäischen Traum“ als Entwurf vor, mit dem wir eine Orientierung für unseren Geist bekommen, dabei den richtigen Massstab beim Sehen und Tun erkennen, und unser Selbst findet Platz, ja Freude am konkret Ausgestalten dieses Traums eines zukunftsfähigen Kontinents als Teil einer globalen Idee von dynamischer Balance und kollektiver Verantwortlichkeit. Gross denken? Unbedingt. Föderal, um die Einheit in der Vielfalt zu erringen? Unbedingt. Föderal aber so, dass das Kleine und Grosse zusammenpassen, dazu sind wir verknurrrt, wenn wir den „Europäische Traum“ auch erleben wollen.
  • Rifkin: „Der gerade flügge werdende Europäische Traum repräsentiert das beste menschliche Streben nach einem besseren Morgen. Die Hoffnungen der Welt gründen auf einer neuen Generation von Europäern. Den Menschen Europas bürdet das eine spezielle Verantwortung auf, wie sie vielleicht unsere Gründerväter und -mütter vor über 200 Jahren gespürt haben, als der Rest der Welt in Amerika den Leitstern der Hoffnung sah. Ich wünsche mir, dass unser Vertrauen nicht enttäuscht wird.“

Ohne DAS GROSSE – UND GROSSARTIGE – IM KOPF und ohne Rückbesinnung auf den KERN EINES ZUKUNFTSFÄHIGEN EUROPAS, AUF DEN „EUROPÄISCHEN TRAUM“, wird uns der kleine ‚Freund‘ in uns selbst, der Kleingeist, der ja die kleinen wie grossen Lebenslügen so innig liebt, einholen und gefangen halten. Wenn er dies nicht schon längst viel zu oft getan hat. Dessen müssen wir uns als Bürgerinnen und Bürger Europas gewahr werden. Wir benötigen vermehrt MOMENTE DER KLARHEIT. Diese müssen wir uns erarbeiten. Schaffen wir das, befreien wir uns wie selbstverständlich von der Krisenstimmung und können in dieser BEFREITHEIT das Nötige und Schwierige angehen. Migration und Integration auf der Grundlage universeller Menschenrechte und globaler Zusammenarbeit statt Selbstbezogenheit und einseitiger Machtausübung. Der beharrliche Gedanke an den „Europäischen Traum“ gibt dem sich gerade verlierenden Europa seine Orientierung zurück, das Vertrauen in sich selbst und die Gewissheit, dass schwerwiegende Probleme innerhalb von Gemeinschaftsbeziehungen zu lösen nicht nur möglich ist, sondern sehr befriedigend sein kann und viel Freude stiften wird. Dies stärkt wieder den inneren Zusammenhalt und gleichzeitig die Vernetztheit über die „Aussengrenzen“ hinweg. Der kleine ‚Freund‘ in uns wird dann zwar fauchen, kratzen und toben, wir werden dazu einfach lächeln und weiter entschlossen an der Entwicklung des „Europäischen Traums“ bauen.

Wie sagte es Rifkin? „Es ist ein Traum, der uns über Moderne und Postmoderne hinaus ins globale Zeitalter führen kann. Kurz: Mit dem Europäischen Traum beginnt eine neue Geschichte.“

Möwe_web

 

 

 

 

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