SELBSTVERSTÜMMELUNG – oder ERSTRAHLT EUROPA VON NEUEM?

[Zum Artikelfoto: Siehe dazu auch den Schluss des Artikels. Vermag Europa die Kraft aufbringen, um wieder so zu erstrahlen wie die Helferin ALIA auf dem Foto?]

Es gibt Menschen, die mit sich und der Welt nicht klar kommen, sosehr, dass sie sich selbst Schmerzen und Wunden zufügen. Wie gross muss die Verzweiflung sein, dass man sich dies antut.

Ist nicht aktuell Europa in der Flüchtlingsfrage dabei, nicht mehr mit sich und mit der Situation klarzukommen und sich deshalb selbst willentlich zu verletzen, ja sich und seine Werte zu verstümmeln? Ist die Verzweifung so gross oder hat es einfach noch nicht die richtigen Gedankenspuren hinaus aus den Problemlagen und die Instrumente dazu gefunden? Will Europa diese Gedanken und Instrumente überhaupt finden? Oder fügt es sich, verharrend in der Haltung von Selbstbezogenheit und Selbstmitleid, lieber immer tiefere Verwundungen zu, die nur versprechen, dass deren Heilung immer schwieriger, langwieriger und „teurer“ wird?

Seit Wochen, Monaten spitzt sich ein Prozess zu, der genau auf diese Selbstverstümmelung Europas hinausläuft. Je deutlicher die Flüchtlingsbewegungen werden, umso UNDEUTLICHER scheinen die europäischen Staaten, die Mehrheit ihrer Politikerinnen und Politiker und auch die Mehrheit der breiteren Öffentlichkeit zu sehen, worum es geht: um eine UNAUSWEICHLICHE ZEITENWENDE, wo die Not hunderttausender, ja Millionen von Menschen nicht mehr aussen vor steht, sondern ein Teil davon auch Teil von uns geworden ist. Auch wenn dies Europa nicht wollte, ist es so gekommen. Bereits haben soviele Flüchtlinge unsere Grenzen überschritten, dabei Europa verändert und zwingen uns nun eigentlich dazu umzudenken: auf der Basis gefestigter Werte Europas und mit faszinierenden Möglichkeiten, die im heutigen Europa ja noch schlummern. Doch Europa stampft immer noch trotzig auf den Boden, unwillens einzugestehen, dass man aufhören sollte, anderen und sich selbst weiter weh zu tun.

Doch genau dies geschieht diese Tage: Wie bereits in der „Conclusion I – 21th century, when humanity becomes illegal? – Oder ist gerade Mitmenschlichkeit der Schlüssel für Europas Zukunft?“ beschrieben, bestehen griechische und europäische Gesetze, die einer humanen Flüchtlings-/Migrationspolitik entgegenstehen: Wer Flüchtenden im Meer hilft, macht sich nach diesen Gesetzen strafbar. So wurden, wie bereits berichtet, fünf Rettungsschwimmer – drei aus Spanien, zwei aus Dänemark – wegen „Schleppertum“ angeklagt, und unter Kaution von 5’000 bzw. 10’000 Euro und unter Auflagen freigelassen. Das war nur eine Warnung an die ganze Helferszene. Nun drohen die griechischen Behörden, die von den anderen EU-Mitgliedstaaten erneut als „Sündenbock“ erkoren und immer massiver unter Druck gesetzt werden, mit weiteren Massnahmen.

„Panorama“ vom Ersten Deutschen Fernseher ARD berichtet am 28.1.2016: Privaten Rettungsbooten wird klargemacht, auch patrouillieren an der Küste sei untersagt. „Deutlich sichtbar ein Boot zu begleiten“, damit es an ungefährlicherem Ufer anlanden könne, sei untersagt. Man dürfe erst eingreifen, wenn man von der Küstenwache gerufen werden. – Das macht diese manchmal auch, weil die Küstenwache ohne die Hilfe der Privaten gar nicht auskäme. Oftmals bleibt dieser Anruf aber auch trotz kritischen Verhältnissen auf dem Meer aus. So hätten die NGO’s halt immer selbst gehandelt, zum Wohle der in Gefahr Befindlichen, entsprechend dem internationalen Seerecht. – Die NGO „Sea-Watch“ lässt sich zitieren: „Offiziell“ wären sie mit ihrem Boot nicht auf Patrouille, sondern auf dem Weg zu einem Kaffee in Skala Sikamineas, dabei könne man auch aufs Meer hinausschauen und sehen, ob ein Boot käme. Was für ein absurdes und unwürdiges Katz und Maus-Spiel ausgelöst wurde. Die Konsequenz: Immer mehr werden die Helfer an den Küsten bedrängt, von absurden Einschränkungen, Androhungen, Warnschüssen und Anzeigen.

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Der Beobachtungsposten von „Greenpeace“ und „Sea-Watch“, von welchem aus ein Teil der Nordküste hinsichtlich Flüchtlingsbooten beobachtet wird (siehe „The Responsibles – Die Privaten und die NGO’s“), wurde in dieser „Griechenland-macht-seinen-Job-nicht“-Situation (Zitat Lothar de Maizière, Innenminister Deutschlands) als illegal bezeichnet und muss weichen. Der Posten wurde bereits dicht gemacht, ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Die beiden NGO’s setzen ihre Beobachtungen mit einer kleineren Station fort. Wie lange können sie dies noch? Verzweifelt wirft Paul Earnshaw von „Greenpeace“ vor der Kamera des Teams von „Panorama“ ein: „Aber wir sind ja eine Rettungseinheit. Wir retten Leben“. Dann ordnet er die Massnahme ein: „Sie wollen uns hier weghaben, deshalb diese Schikanen.“

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Beobachtungsposten von Greenpeace und Sea-Watch an der Nordküste von Lesbos.

Wovor hat man Angst? Etwa davor, dass private Gruppierungen und Organisationen beobachten könnten, was gewisse europäische Politiker, beispielsweise in Belgien, angedeutet haben: „Push backs“ von Flüchlingsbooten zurück über die griechisch-türkische Seegrenze, sodass die türkische Küstenwache die Boote an ihre Küste zurückschaffen müsste. Solche „Push backs“ sind jedoch nach internationalem Seerecht verboten. Doch wenn’s niemand nachweisen kann? – Wie tief will Europa noch fallen? Wie tief will es sich noch verletzen?

Und was hat das zu bedeuten, wenn griechische Behörden den Aktionsradius von Volunteers und NGO’s an der griechischen Küste, vor allem auf Lesbos, Schritt um Schritt einschränken? Auf Lesbos kamen und kommen mit Abstand AM MEISTEN Flüchtlinge nach Griechenland, trotzdem sind an der Küste von Lesbos seit längerem DIE WENIGSTEN Todesfälle zu verzeichnen. Dies liegt zum grossen Teil am Beobachtungs-, Kommunikations-, Rettungs- und Versorgungs-Netzwerk der Volunteers und NGO’s. Im disperseren Muster der anderen, kleineren Inseln, wo ein Helfernetzwerk für Tag- und Nachtabdeckung schwieriger sicherzustellen ist, starben in den letzten Wochen viel mehr Flüchtlinge.

Was will Europa mit Griechenland? Was will Griechenland mit den Helferinnen und Helfern? Der unverhohlene Druck auf ‚Einheiten der Zivilgesellschaft‘ hat eine Nebenwirkung – Die Privaten können schlechter beobachten und festhalten, was die „.orgs“ auf dem Meer anstellen –, und eine fatale Hauptwirkung: Wenn die privaten Helfer in ihrer Früherkennung und Rettungstätigkeit eingeschränkt werden, werden notgedrungen mehr Menschen im Mittelmeer sterben. Denn die Flüchtlinge kommen auch dann, wenn weniger Helfer an der griechischen Küste warten. Schon die aktuelle Situation sei nicht zu verantworten, meint Karl Kopp, Europareferent der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl, gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk NDR: „Man verliert momentan den Überblick, welche Leichen von welchem Schiff kommen. Die Kühlfächer im Krankenhaus sind voll und der Friedhof hat keinen Platz mehr für die Toten. … Griechenland ist mit der Koordination überfordert, die vielen ehrenamtlichen Helfer arbeiten am Limit.“

Was um Gottes / Allahs / Buddhas oder irgendwelcher anderer Gottheit willen treibt Europa dazu, das Mare Nostrum noch mehr zum Massengrab zu machen? Jedem kleinen Kind wird beigebracht: „Du hast einen Fehler gemacht. (Je nach Schwere und Erziehungsmethode hat dies auch Konsequenzen.) O.K, mein liebes Kind, was lernen wir daraus? Was machen wir, dass dieser Fehler nicht mehr passiert?“ Doch Europa hat niemanden, der diese Erziehungsfunktion übernähme. Es hilft nur Einsicht und Selbstreflexion, nur Eigenverantwortung und Selbstorganisation, unter Erwachsenen.

Vor Ort in Lesbos habe ich persönlich immer wieder feststellen dürfen, dass die Helferszene trotz viel personeller Fluktuation immer besser wurde, immer klarer, bestimmter und effizienter. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Europa delegiert nicht nur die Mehrheit, sondern die GANZE Verantwortung an der türkisch-griechischen Grenze an die Volunteers und NGO’s. Per sofort käme ein organisiertes, gefahrenfreies SAFE-PASSAGE-Verfahren zur sicheren Meerüberfahrt zur Anwendung und das Sterben würde innert Tagen aufhören!

Doch man müsste als Konsequenz davon auch eingestehen, dass diese Hilfe ein Bekenntnis für ein verändertes, aber umso stärkeres Europa bedeuten würde. Eingestehen, dass man in grösseren Dimensionen umdenken und anders handeln müsste. Dies schafft die europäische Staatengemeinschaft (noch) nicht. So leiden immer mehr Menschen, die bereits Kriegsnot erlebten und diese mit sich tragen, auch noch unter der Not der Unterdrückung in der Türkei, und unter Todesangst bei der Bootsüberfahrt. Und als sei dies noch nicht genug, bedrängt sie nun das „kaltherzige“ Europa noch verstärkter, sowohl zu Land als auch zu See.

Warum um Gottes / Allahs / Buddhas oder irgendwelcher anderer Gottheit willen erkennt Europa nicht, dass es nicht nur Menschen in den Tod treibt, sondern auch sich selbst immer mehr verletzt, ja verstümmelt, seine Traditionen, seine Werte, ja seine Zukunftsperspektiven? Der „Europäische Traum“ – siehe Conclusion II: „Dünn ist das Eis geworden – Doch der Leitstern für unsere Zukunft bleibt der ‚Europäische Traum'“ – wird mit Füssen getreten, ja mit Gewalt zerstochen und damit verraten, in einer Aneinanderkettung von Akten primitiver Governance.

Noch immer ist kein Staatspräsident, keine Kanzlerin oder Premierminister, kein Parlamentspräsident an der Küste von Lesbos gewesen, in Gummistiefeln oder Fischerhosen, ausgerüstet mit Lampen, bereit stehend mit trockenen Kleidern, oder auch nur mit seinen baren Händen, um Männern und Frauen ans Ufer geleiten, oder Kinder auf seinen eigenen Armen auf sicheren Grund zu tragen, und vor allem eines: bereit, diesen Menschen in die Augen zu schauen. Wer das jemals gemacht hat oder sich dies konkret vorzustellen wagt, vielleicht unter Zuhilfenahme von den vielen vorhandenen Fotografien oder Filmberichten, der wird mit einiger Wahrscheinlichkeit finden, dass die Behinderung oder gar das Unterbinden von Nothilfe und die drohende Praxis von „Push Backs“ einerseits gegenüber Notleidenden unmenschlich sind und andererseits für Europa selbstzerstörerisch. Könnte es sein, dass sich die Entscheidungsträger deshalb nicht an die ‚Front‘ wagen, weil sie wissen, dass sie dann umdenken müssten? Greift deshalb Feigheit um sich? Haut man deshalb auf Griechenland ein, was an den Küsten offensichtlich nicht ohne Folgen ist, weil man nicht zugeben kann, dass man zu feige ist, die Sache beim Namen zu nennen?

Die beste Therapie dagegen ist, eine gewisse Zeit als Flüchtlingshelfer zu arbeiten. Denn eines wär einem dann sicher: Unzählige Male würde man ein „Thank you!“ hören und bekäme dazu ein strahlendes Gesicht des Dankes geschenkt.

Und Eines mehr wäre sicher: Mitmenschlich zu handeln, bringt einem selbst das Strahlen zurück. Stellen wir uns vor, dass wir statt all des Griesgrams und der hässlichen Worte unter den Entscheidungsträgern in Europa wieder mehr frohe Gesichter sähen: froh, weil man das vom menschlichen Standpunkt her betrachtet Richtige macht, auch wenn es mit verdammt viel Anstrengung verbunden ist. Stellen wir uns Europas Entscheidungsträger vor mit einem Strahlen wie die Helferin ALIA auf untenstehendem Foto, aufgenommen am härtesten, wildesten, gefährlichsten und schönsten Ort von Lesbos, beim Lighthouse Korakas im Nordosten der Insel.

Einer wunderschönen Insel.
Einer Insel, die zum Mahnmal europäischen Versagens zu werden droht.
Oder doch noch zum „Leuchtturm“ kontinental-kollektiver Einsicht?

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Ein Gedanke zu “SELBSTVERSTÜMMELUNG – oder ERSTRAHLT EUROPA VON NEUEM?

  1. Hallo Thom
    Danke, dass du uns mit deinem Blog auf dem Laufenden hälst. Danke auch, dass du trotz der schlimmen Nachrichten auch immer wieder zu Mut aufforderst und Hoffnung machst.
    Anna Hirsch Campbell

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