Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa

[Artikelfoto: VASSILIS Papadopoulos (69) und ich kommen am Viktoriaplatz in Athen ins Gespräch, nachdem er einem rumänischen Accordeonspieler einen halben Euro zusteckt. Vorerst sind es nur ein paar freundliche Worte, er fragt, ob er sich dazusetzen dürfe. Was er auch macht, aber nicht etwa gegenüber, sondern er nimmt gerade neben mir auf den Zweisitzer Platz. Ein Mann ohne Scheu vor Nähe. Wir trinken einen Kaffee, dabei erzählt er mir sein halbes Leben. Aber auch, dass es ihn verärgert, was mit den Flüchtlingen geschieht, und wie es geschieht. Er komme immer wieder vom Aussenquartier, wo er wohnt, ins Zentrum, um mit eigenen Augen zu sehen, was vor sich geht, und er bringe Kleider und Schuhe mit für diejenigen, „die nichts haben.“]

So bin ich also wieder in Griechenland, nach fünf Wochen auf Lesbos, und sieben in Zürich. Erste Station: Athen, Victoriaplatz. Dort, wo der Untergrund in regelmässigen Abständen  Athenerinnen und Athener, von der Rolltreppe aus dem Untergrund der U-Bahn ans Tageslicht befördert, ins Stadtleben ausspuckt. Das Erste, was sie erblicken, ist eine Schar Flüchtlinge. Doch man erkennt, auch beim wiederholten genauen Hinsehen, kein Entsetzen in ihren Gesichtern. Kein böser Blick. Keine abschätzigen, erst recht keine rassistischen Sprüche. Schaut man sich weiter um, wird in den Cafes rings um den Platz getrunken, gegessen, gequatscht, als ob nichts wäre. Polizisten stehen am Rande, schauen zum Rechten, geben Auskunft. Alle verhalten sich ruhig. Athen wirkt entspannt, auch an einem der Brennpunkte des Flüchtlingstransits. Diese Entspannung scheint auszustrahlen: Die Flüchtlinge sind zwar müde und ausgelaugt, viele leere Blicke sind auszumachen, sie tragen viele Sorgen mit sich, von denen sie auch erzählen, aber sie sind ohne Stress mit den Menschen hier in Athen. Es fällt auf, wie freundlich, neugierig, kontaktfreudig die Neuankömmlinge in diesem Klima sind. Obwohl sie hier im Freien leben, in Decken gehüllt oder in Schlafsäcken liegen, auf Bänken, auf Kartons oder auf dem baren Boden. Denn sie sind gezwungen zu warten. „The borders are closed.“ Rundum ist es schmutzig, ja ein richtig elendiglicher Anblick ist das, wenn auch immer wieder aufgeräumt wird. Und es stinkt. Manchmal mit einer beissenden Beinote.

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Doch, alle paar Minuten kommt eine Athenerin oder ein Athener. Sie bringen Nahrung, Wasser, Kleider, … oder Windeln für die Kinder. Wenn Flüchtlinge sich zu einer gebückten Traube zusammenfinden, weiss man: Es gibt etwas. Das sind keine Einzelfälle. Es gehört zu diesem Alltag im Ausnahmezustand, zu diesem Elendszustand. Ein ständiges Kommen, Bringen und Gehen.

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Kaum hat sich dieses Bild gefestigt, beobachte ich, wie ein Auto vorfährt. Vom Beifahrersitz steigt eine Frau aus, von ihrer Tochter begleitet. Ohne Berührungsangst überbringen die beiden zwei Säcke mit Kleidern. Die Flüchtlinge eilen herbei. Mutter wie Tochter bleiben ganz gelassen. Oder die ältere Dame mit ihrem Mann. Sie verteilt Scheiblettenkäse. Einzeln. Und jede dieser einzelnen Scheiben überreicht sie – auf einer Serviette serviert.

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Du Griechenland, auf das so viele in Europa spucken, Du Griechenland, das an der Kante zum wirtschaftlichen Abgrund steht, meist selbstverschuldet, Du Griechenland zeigst soviel Herz und Stil. Du hast keine Angst vor fremden Gesichtern und Kulturen. Keine Paranoia, keine Hetze, keine Hassplakate. Gerade liebe ich Dich, Du unser Griechenland. Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa.

 

 

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2 Gedanken zu “Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa

  1. Das Beste, das ich über die Hilfsbereitschaft der Griechinnen und Griechen je gelesen habe. Ohne grosses Aufsehen wird da Hilfe geleistet, Es ist hat schon so: Die grossen Taten geschehen im Verborgenen.

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  2. Menschen machen ein Land aus, nicht Politiker. Das hat man in anderen Ländern vielleicht vergessen.
    Menschlichkeit geht immer vom einzelnen Menschen aus und nicht von Institutionen. Hilfe leisten bedarf nicht viel, jedoch immer persönlichen Einsatz!

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