DIE HAND REICHEN – Idomeni ist auch ein Ort des Lernens.

Sechzehn Tage in (Thes-)Saloniki, fünfzehn Tage in Idomeni.

Ich bin fast jeden Quadratmeter dieses improvisierten Camps abgelaufen – viele Orte viele Male. Ein Camp, das zwischenzeitlich 14’000 Menschen auf der Flucht eine Bleibe unfassbarer Ausprägung bot, und noch immer sind es 11’000-12’000. Weil immer noch welche sich dazu gesellen, und nur einige wenige sich überreden lassen haben, in die neuen Camps um Athen zu wechseln. Doch diese sind nun auch voll. Andere – ‚Zuzüger‘ aus Athen und ‚Wegzüger‘ aus Idomeni – haben zudem das Areal der Tankstelle bei Polykastro, 25 km von Idomeni entfernt, zu einer Zeltstadt von ebenfalls gut 2’000 Menschen gemacht. Da die Leute nicht ohne Gewalt von Idomeni wegzubewegen sind, hat die griechische Regierung offensichtlich die Strategie gewechselt: In Idomeni selbst infrastrukturell Aufrüsten und hier vor Ort das Asylschnellverfahren durchführen. Noch sind dies erst Anzeichen, die sich aus dem Beobachten ergeben.

Es ist eine verrückte Welt, jene der vor Krieg, Todesangst und Elend Geflohenen. Ihre Zwischenstation hier: ebenfalls ein Elend. Aber es ist nicht jenes, das man von Megacities in Entwicklungsländern zu kennen glaubt. Nein. Die reale Szene spielt sich im heutigen Europa ab, der Wiege von Demokratie, kultureller Vielfalt, Gemeinschaftssinn und Menschenrechten. Das Scheitern dieses Alle-und-niemand-fühlt-sich-verantwortlich-Europas ist nicht in Nadelstreifen sichtbar, es spielt hier im Nirgendwo auf: auf einem Gleis, am Acker. Es sind Zustände, die schlicht nicht zu tolerieren sind und trotzdem wird genau dies gemacht: hinnehmen. Das politische Kalkül ist offensichtlich: das Leid der Menschen hier soll über die mediale Verbreitung andere Flüchtende davon abhalten, „nach Europa zu kommen.“ So nüchtern ist die Rechnung, kühl wie Zahlen in der Bilanz eines Unternehmens, von einem undurchschaubaren Blick begleitet, der jenem eines Pokerspielers gleicht.

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AMIR, ein an den Oberschenkeln amputierter Syrer. Ein herzlicher Mann, und mutig …
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… denn mit diesem Rollstuhl wollte auch er, wie annähernd 2’000 Menschen von Idomeni über die griechisch-mazedonische Grenze flüchten. Einige haben es geschafft, wurden verprügelt, zum Teil bis die Knochen brachen, und dann nach Griechenland zurückgeschafft. Danach haben es nachts noch ein paar junge Männer ohne Familie gewagt. Der Rest: zum Leben im Schlamm von Idomeni verbannt. Wie auch AMIRs Freund NARWAD …

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Wenn man hinhört, wie die politischen Entscheidungsträger in Europa über die Menschen in Kriegsnot sprechen und mit ihnen viele Medienschaffende, dann ist es vor allem eine Sprache, aus welcher Distanz, Härte und Kälte strömt, oder es hat den Jargon, wie man ihn eher in einer Verteidigungsarmee pflegt: Grenzen schützen, Abwehren, Zurückschaffen, push back. Das Bild von „Europa als Festung“ hat im Nu (zu) viele Hirne, Herzen und Zungen unterwandert.

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Das ganze Drumherum findet dadurch in einem zunehmend negativen Grundtenor statt. Dies prägt, ungemein. (Mehr zum unterschätzten Einfluss des Sprachgebrauchs). Diese Haltung und die dazu entsprechende Sprache hat einen – wohl nicht unbeträchtlichen – Einfluss auf den wachsenden Zuspruch fremdehassender Gruppierungen und Parteien. Nichts kommt von alleine.

Und hier, in Idomeni? Die Sprache ist selten hart, gar brachial. Manchmal brennt dem einen oder anderen etwas die Sicherung durch. Doch dies ist selten. – Man stelle sich vor, 14’000 Zürcherinnen und Zürcher, oder 14’000 Bayern müssten 4, 10, 20 Tage unter solchen Bedingungen leben? Das wär wohl längst explodiert. – Erstaunlich, dass diese bereits durch soviel Not geprüften Menschen unter diesen menschenunwürdigen Bedingungen nicht mehr Unruhe und Konflikte entwickeln. Dies ist wohl vor allem darin begründet, dass das wilde Camp von 4’000-5’000 Kindern und damit von vielen Müttern, die aus dem Hintergrund agieren, ‚beherrscht‘ wird. Dieses soziale Gefüge macht Idomeni, das lange Zeit im Schlamm stand – und nach dem nächsten Regen wieder stehen wird – und von beissendem Rauch eingehüllt ist, zu einem Ort des Lernens: Hier erfährt man, wie Menschen in bitterster Not um ihre Würde kämpfen … sich und anderen gegenüber verpflichtet. Ist es verwegen zu denken, dass in den europäischen Fauteuil-Etagen das soziale Gefüge zu einseitig zusammengesetzt ist? Ist womöglich gerade deshalb so wenig von Empathie und vom Wahren der menschlichen Würde zu spüren?

Vor vier Tagen tauchte zwischen den Igluzelten an den Gleisen von Idomeni „Big Jim“ auf, mit seinem typischen Beobachtungs-Schwebegang: der leibhaftige James Nachtwey, der berühmteste und für viele Insider der beste unter den Kriegsfotografen. Wir schauen uns an, und die Situation will es, dass wir uns die Hand geben, weil ich ihn darauf anspreche, dass ich einen guten Freund von ihm kenne: CHRISTIAN Frei, nicht nur ein Nachbar von mir in Zürich, sondern jener Dokumentarfilmer, der „Big Jim“ im aussergewöhnlichen Film „The War Photographer“ porträtierte. Für alle Fotografiefans noch heute ein Muss.

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James „Big Jim“ Nachtwey, im Bach nahe der griechisch-mazedonischen Grenze stehend.

Der Zufall will es, dass ich geichzeitig mit dem Zürcher Fotografen MAURICE Haas in Kontakt stehe, der in Kürze zum dritten Mal nach Idomeni kommt. Wir werden zwei intensive Tage als fotografische ‚Analysten‘ des Lebens, besser Überlebens in Idomeni miteinander teilen. – Von MAURICE, ich nenne ihn kurzum „Big Mo“, gibt es am 26. März einen fotografischen Paukenschlag: Im MAGAZIN des TAGES-ANZEIGERS, das auch im BUND, der BERNERZEITUNG und der BASLER ZEITUNG beigelegt sein wird, wird eine längere Fotostrecke zum Flüchtlingsthema publiziert. Nicht verpassen! – Maurice schreibt mir, als ich ihm von der Begegnung mit Nachtwey berichte: „Big Jim! Der ist ein ganz krasses Kaliber. Nie mehr Händewaschen, Thom …“

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MAURICE „Big Mo“ Haas im Einsatz. – Fussballspiel, als die ersten Sonnenstrahlen das Leben in Idomeni erwecken, nach Tagen anhaltendem Regen

Doch dann geschieht das, was in Idomeni eben geschieht. Schreitet man durch die temporäre Elendszeltstadt, egal bei welchem Wetter, egal ob man mit den Füssen im tiefen Schlamm steht, man grüsst sich, schaut sich in die Augen und gibt sich immer wieder die Hand. So kommt’s, dass sich Nachtweys Händedruck mit jenen der weniger bekannten, aber umso mehr im Mittelpunkt stehenden Menschen in Not vermischt.

Genauso muss es sein. Genau um dieses Vermischen, um diese Gleichwertigkeit geht es. Egal welcher Herkunft man ist, ein Händedruck verbindet. Und es ist deutlich zu spüren, wie sehr diese ums Überleben und Haltung ringenden Menschen dies zu schätzen wissen. Auch dass Berühmtheiten wie James Nachtwey oder der chinesische Künstler Ai Wei Wei und Menschen mit Einfluss wie der deutsche Minister a.D. unter Kanzler Kohl, Norbert Blüm, ihre ernsthafte ‚Aufwartung‘ machen.

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Ai Wei Wei im längeren Gespräch mit Jugendlichen unter den Flüchtenden.

Die Flüchtenden spüren sehr wohl diese Anteilnahme. Sie gibt Kraft und vermittelt etwas Zuversicht in einer fast ausweglos scheinenden Situation. Die Wirkung solcher Anteilnahme – neben der lebenserhaltenden all der Volunteers und NGO’s – ist offensichtlich, fast mehr als jene, die ihnen gerade nicht zukommt. Von jenen Entscheidungsträgern, die vielleicht schon etwas beschämt in ihren Büros sitzen, weil sie nicht wie Norbert Blüm den Schneid haben, sich so konkret mit dem Elend auseinanderzusetzen, wie es diese Zeitenwende eigentlich von in diese Verantwortung Gewählten verlangen würde.

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Norbert Blüm in Idomeni.

Der wertkonservative Blüm wagte es, im permanenten Regen einen Tag und eine Nacht mitten unter diesen not- und durch Missachtung geplagten Menschen zu weilen, mit ihnen zu sprechen und ihnen sein Mitgefühl zu spüren zu geben. Er erzählte mir, sichtlich bewegt, wie vielen Medienschaffenden dann auch, wie freundlich er von diesen Menschen, die nichts mehr ausser sich und ihren Glauben an ein Leben in Freiheit haben, behandelt wurde. Ihre Hilfsbereitschaft ihm gegenüber, dem über Achtzigjährigen, scheint ihn fast zu erschüttern. Es ist diese Freundlichkeit und Gastfreundschaft, also dieses beherzte Aufrechthalten ihrer Kultur der Mitmenschlichkeit in fast aussichtsloser Situation, welch alle hier weilenden Europäer perplex macht.

Idomeni ist somit nicht nur ein Ort, an dem ein „Anschlag auf die Menschlichkeit“ (Norbert Blüm) verübt wird, ein Desaster aktueller Verantwortungslosigkeit, es ist auch ein Ort des Lernens und sich gegenseitig Kennenlernens. Migration ist somit nicht nur zu verstehen als ein „Ja und? Nichts bleibt gleich. Machen wir was draus.“ Nein, wer Idomeni auch wie dargelegt erlebt, kommt vielleicht zur Erkenntnis: „Migration, jetzt erst recht! Die Menschen in Not bringen etwas mit, von dem es offenbar in Europa wieder etwas mehr brauchen könnte.“

Die Hand Reichen ist für mich zum Symbol für dieses elendiglich-grossartige Idomeni geworden. Wieviele Male musste ich dabei Ess- und Trink-Angebote ablehnen.

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OMAR, der zusammen mit OSAMA, einem anderen Syrer, vor dem einfachen Café beim verlotternden Bahnhof Idomeni sitzt und einen Tee trinkt, erzählt: Er hätte es vorne [noch vor dem grossen Regen] unter all den Elendszelten nicht mehr ausgehalten. Er hätte raus müssen, den Kopf frei bekommen, einen Tee trinken, und zu einem solchen will der kaum Geld besitzende Flüchtende den Schweizer einladen. Ich lehne ab, und erkläre, das sei die Umkehrung dessen, was hier angebracht sei. So entwickelt sich ein elaboriertes Gespräch unter uns Dreien. Wir sprechen über Europa, sie wollen erzählen, wie es in Syrien wirklich sei, dass zum Grossteil Assad für die mindestens Viertelmillion Toten verantwortlich sei, nicht der barbarische IS. Wir sprechen dann über Politik, Gewaltentrennung, Freiheitsrechte, Leistungsgesellschaft und ihre Zukunftspläne. Das Foto zeigt, was für ein charismatisch sympathischer Kerl da nach Europa drängt. Ich denke für mich: Gut so!
Soviele Male wird man eingeladen, stets mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, um mit ihnen das Wenige zu teilen, das sie haben: den Becher Tee, den sie nach einer halben Stunde Anstehen in der Hand halten, ein Biskuit aus Kinderhänden, einen Löffel ihres selbstgebrauten Tomaten-Kartoffel-Eintopfs, gar ein Reisessen mit Pouletfleisch, das sie unter primitivsten Bedingungen zu kochen planen. Von jenen Syrern, die mich bereits zu einem Kaffee nach syrischer Art eingeladen haben. Diesen habe ich gerne angenommen. Jene Männer auch, die noch etwas ungläubig – „Angelina, really?“ – in helle Aufregung geraten, als ich ihnen erzähle, dass die UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie plane, auch noch nach Idomeni zu kommen. Ja, man hatte das Gefühl, fast alle wüssten von diesem Plan. Vorfreude und manchmal auch etwas Stolz war greifbar. „ANGELINA!“, die Schöne unter den Schönen, die auch weiss, was das politisch Schöne sein und bewirken kann, so wie es auch Norbert Blüm oder Ai Wei Wei wissen. Angelina Jolie besuchte den Hafen von Piräus und ein Camp bei Athen, danach flog sie nach Lesbos. Der Hotspot Idomeni war wohl zu hot. Egal, ob Syrer, Irakerin, Afghanin, oder von anderswo her, alle wissen, wer „Angelina“ ist. Das wäre innert Minuten zu einem mehrtausendköpfigen Pulk von Menschen gekommen, sodass eine gefährliche Situation nicht auszuschliessen war. Doch allein das Gerücht hat die Menschen nicht nur aufwallen lassen, sondern auch gerührt. Es sind jene so unscheinbaren, und doch so wichtigen Momente, wahr- und ernstgenommen zu werden, als Teile von etwas Grösserem, von etwas Zusammenhängendem.

Umso mehr fühlt man sich hier im Stich gelassen, nach dem EU-Türkei-Deal.

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Wenn auch für die auf dem griechischen Festland Festsitzenden noch Hoffnung auf Gnade – Asyl aufgrund der nachgewiesenen Schutzbedürftigkeit – besteht.

Den eingeschlagenen Weg ‚Europas‘ fortzusetzen, ja noch zu verstärken, indem man Empathie zum gewichtigen Teil verweigert, und den Rest den kriegsführenden „Erdo-War“ richten lässt, hat nicht nur etwas menschlich Verwerfliches, es kann niemals zu dem führen, was auch alle Bürgerinnen und Bürger Europas für sich beanspruchen: Leben in Frieden und Freiheit, unter Wahrung von Art. 1 des Deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ oder der Präabel der Schweizerischen Bundesverfassung, in der unter anderem steht: „[…] gewiss, dass nur frei ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“

Wer vielleicht etwas verfassungsfremd geworden ist, unmerklich, ohne schlechte Absichten, oder aus politischem Kalkül, und dabei die konkrete Würde des Menschen, gerade jenes in Not, etwas aus den Augen verloren hat, dem sei ein paar Tage Hände schütteln in Idomeni empfohlen.

Die Hand reichen reicht.

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Ein Gedanke zu “DIE HAND REICHEN – Idomeni ist auch ein Ort des Lernens.

  1. danke thom, danke für alles! ja, auf unserer heimfahrt im grossen schiff von mytilini nach athen wollte mir eine frau aus damaskus unbedingt frühstück zubereiten. ich habe es gerne und dankbar angenommen, dass sie mir ein toastbrot mit einem stück ‚la vache qui rit‘ gestrichen hat, weil sie so für einmal die gebende sein konnte. ich werde die begegnung mit ihr nie vergessen und hoffe inständig, dass sie es mit ihrer familie auf irgendeinem weg schaffen wird. auch bringe ich die bilder aus der zeit im moriacamp, am strand und im hafen nicht mehr aus dem kopf. so viele glückliche momente in absolut traurigster zeit. wie ich diese tapferen menschen liebe!

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