MÖGE DER WIND DIE SEELEN TRAGEN

Lesbos.

Zurückgekehrt zur Insel, auf der ich bereits fünf Wochen als Volunteer, Fotograf und Blogger verbrachte. Einiges hat sich verändert: Der Frühling drängt sich immer mehr vor. Während bereits die ersten Orangenblüten meine Sinne betören – welch ein Ausdruck von Frische und Aufbruch! –, schweifen meine Gedanken über jenes Meer, das auch der „Todesgraben“ genannt wird. Hinüber zu jenen vielen Menschen auf der Flucht, die die europäische fire wall immer ‚erfolgreicher‘ fern- und im Reich des Autokraten Erdowan festhält. Dort, wo freie Meinungsäusserung, Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit nicht gewährleistet sind, und die UN-Menschenrechtskonvention für jene Menschen ausserhalb Europas nicht anerkannt ist. Die nächsten Wochen und Monate werden es weisen, was jene von Europa Abgewehrten erwartet – soweit dies in diesem autoritären System überhaupt möglich ist, wie die Rückweisung des türkischen SPIEGEL-Korrespondenten vor ein paar Tagen exemplarisch gezeigt hat. Schlechte Vorahnungen können wohl kaum als pessimistisch angesehen werden.

Lesbos war letzten Dezember auch mein persönlicher Einstieg in eine konkretere Auseinandersetzung mit dem, was passiert, wenn Menschen vor dem Krieg flüchten. Für viele dieser Menschen ist diese Insel auch der Beginn eines neuen Lebensentwurfs auf europäischem Boden. Und für einige – zuviele – wurde es auch das Ende. Diesem traurigen Ende wollte ich auf meiner ‚Themareise‘ noch nachgehen, indem ich mich auf die Suche machte nach dem Friedhof der zumeist anonymen, im Mittelmeer Gestorbenen. Einige davon fanden ihre letzte Ruhe im ordentlichen Friedhof von Lesbos. Christen und Muslime vereint. Bald schon wurde dieser zu klein. Die Gemeinde Lesbos war auch in dieser Sache um einen menschlichen Beitrag bemüht: Sie schaffte in Zusammenarbeit mit muslimischen Priestern einen Ort, wo man inmitten eines Olivenhains nach islamischem Ritus jene im Mittelmeer Gestorbenen und nicht als vermisst Geltenden bestatten kann, die sich sonst in den örtlichen Kühlhäusern angesammelt hätten. Der Mittelmeertod von 3’771 Menschen im letzten Jahr und jener 424 im 2016 (Quelle: UNHCR, „tot und vermisst“) verbietet sich hier auf dieser Insel, nur eine statistische Ziffer zu sein. Nein, er ist auch physisch real: im Kühlhaus, auf dem Friedhof, … und auf dem Meeresboden.

Diesen kurz als „Flüchtlingsfriedhof“ benannten Ort ist also das Ziel. Ein richtiges Suchen wird daraus. Zusammen mit der Journalistin JEANNETTE Hagen, die ich bereits in Idomeni traf und die es auch nochmals nach Lesbos zog, zu „Swisscross-help“, fahren wir kreuz und quer durch die Landschaft. Kaum jemand weiss, wo der Nekrotafeío ist. Als wir den Ort – endlich! – finden, ist in einigem Abstand davon bereits ein Grüppchen Menschen unter Olivenbäumen versammelt. Denn der Zufall will es, dass gerade eine Bestattung von zwei Menschen bevorsteht, die vor drei Tagen verstarben. Zwei Männer: der Eine, ein Behinderter, ertrunken, der Andere auf der Bootsüberfahrt einem Herzinfarkt erlegen. Die Zufallsgemeinschaft aus Muslimen, Christen und Agnostiker muss warten. Lange. Die Familienangehörigen der zwei Toten wollen zusammen mit einem Priester und Gehilfen allein sein. Allein an einem Ort, der ihnen fremd ist, und wo ihr Mann, ihr Vater bestattet werden. Der Vizebürgermeister von Lesbos, Georgios Katzanos, will nicht, dass Presseleute oder sonstige Schaulustige die Beisetzung stören, indem sie die Leichname fotografieren oder sonst sich ungebührlich verhalten. Erst sollen die Verstorbenen unter der Erde gebettet sein. Damit ist auch – ein weiteres Mal – gesagt, wie sehr die Griechen mit einfachsten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, um eine in ihrer Gesellschaft so weit verbreitete Form von Respekt und Mitgefühl bemüht sind, auch wenn es um Fremde geht. So nahm sich der Vizebürgermeister letztlich mehrere Stunden Zeit, damit diese Beisetzung möglich wird.

Als der intimste Teil dieser einfachen Zeremonie vorbei ist, dürfen nun alle vor Ort eingefundenen Personen, etwa zwanzig an der Zahl, zur Trauerfamilie vortreten, während über den zwei Gräbern noch zwei Erdhügel aufgehäuft werden. So wohnen wir einer schlichten, und doch ehrerbietenden Beisetzung bei. Obwohl die eine oder andere Gerätschaft improvisiert erscheint. Doch was zählt, ist der Kern dieses Zusammentreffens, der gegenseitige Respekt.

Der wohl beklemmendste Moment ist, als das älteste von vier Kindern einer Familie, ein Mädchen, nach ihrem verstorbenen Vater ruft, daraufhin weinend und wimmernd mit der Mutter zum ‚Grabhügel‘ ihres Vaters tritt. Das Unfassbare bricht heraus, aus dem jungen Menschen. Nicht wenigen vor Ort bricht es dabei fast das Herz. Tränen fliessen. Für einige ist’s nur auszuhalten, in dem man sich den Angehörigen anschliesst und von den ersten wilden Frühlingsblumen einige auszupft, um damit die zwei Hügel zu schmücken.

Herr Katzanos, ein grossgewachsener, stämmiger Grieche im Stile eines Alexis Zorbas, ausgestattet mit einer Bärenstimme, liess uns dann wissen, dass man nun auch fotografieren dürfe. Nach meinen zwiespältigen Erfahrungen vom letzten Dezember – Siehe «Stop it. Safe Passage!» – wollte ich keine der betroffenen Menschen ablichten. In diesem Falle sind die Gräber Aussage genug.

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Die mehrheitlich anonymen Gräber, von Verstorbenen, denen man eine DNA-Probe nahm und nichts anderes übrig blieb, als ihnen eine Nummer zu geben. Neben dieser Nummer sind Geschlecht, geschätztes Alter und das mutmassliche Datum des Ertrinkens in die Grabplatte eingraviert.

Zum Schluss, abseits der Gräber, spricht MUSTAPHA, der muslimische Priester, zu allen Anwesenden. Er erklärt die beklemmende Vorgeschichte mit der anwachsenden Zahl nicht bestatteter Toten in den Kühlräumen. Er legt das hiesige Vorgehen dar, bedankt sich beim Vizebürgermeister für jene Geste des Mitgefühls, die die Gemeinde für die Verstorbenen aus der Fremde zeigt. Nicht zum ersten Mal zeigt sich der Brocken von einem Zorbas gerührt. Eine Rührung, die so auch auf andere Anwesende rüberspringt.

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Georgios Katzanos, Vizebürgermeister von Lesbos

Allein diese vielleicht zwanzig Minuten an den Gräbern der zumeist Namenlosen, sogar noch mit dem Privileg versehen, an einer schlichten arabischen Zeremonie teilzuhaben, war es wert, Lesbos noch einmal ‚heim’zusuchen.

In einem gewissen Masse schliesst sich ein erster Kreis um das Erleben eines erst begonnenen Vorgangs unserer Zeit, der noch viel zu viel vom Versagen, vom noch Lernen Müssens, aber auch vom bereits schmerzhaft Erfahrenen erzählt. Ein Erzählband Europas, der erst seine ersten Kapitel freigegeben hat. Viele werden, ob die Bürger und Bürgerinnen Europas es wollen oder nicht, erst noch kommen. Die Bewährungsprobe geht weiter.

Berührt, erschüttert, aber auch dankbar, an einem solchen wichtigen Anlass dabeisein zu dürfen, fahr ich daraufhin davon. Hinaus in den stürmischen Wind, der vom Meer kommend über die Insel peitscht.

Möge der Wind die Seelen der Verstorbenen forttragen.
Möglicherweise an jenen Ort, an dem sie mit ihren Angehörigen ihr zweites Leben, eines in Freiheit und Selbstbestimmung finden wollten.

Möge der Wind sie tragen.

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2 Gedanken zu “MÖGE DER WIND DIE SEELEN TRAGEN

  1. Danke lieber Thom für diese respektvolle und einfühlsame Darstellung aus deinem Blickwinkel. Mögen die Seelen das Zuhause finden, welches sie so sehr gesucht haben! Europa hat es ihnen verwehrt.

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