„PLEASE, HELP US!“ – Der organisierte Missbrauch

„Please, help us!“

Ein verzweifeltes Ersuchen, fast im Flüsterton. Umso eindringlicher wirkt damit der Hilferuf. Er stammt von einem Mann hinter dem Gitter- und Stacheldrahtzaun. Er drinnen. Ich draussen.

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Vial, Chios, 26.3.2016

Draussen in der vermeintlichen Freiheit, draussen in der schönen, grünen, Blüten spriessenden Landschaft der Insel Chios. Der Ort heisst „Vial“, den Google Maps noch nicht kennt, aber jene, die etwas mit den Menschen auf der Flucht zu tun haben.

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Da steht sie im Grünen, die ehemalige Aluminiumfabrik, die zu einem der sogenannten Hotspots an den europäischen Aussengrenzen umfunktioniert wurde. Zur Erstregistrierung auf europäischem Boden. Das war die Idee und die ursprüngliche Funktion. Seit dem EU-Türkei-Abkommen wurden die Hotspots grösstenteils ‚geräumt‘, die dort befindlichen Menschen in Camps auf dem Festland gebracht, die ihrerseits Platz- und andere Nöte aufweisen. Die Camps auf den ägäischen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos dienen nun dazu, jene Menschen dort festzuhalten, die nach dem Stichdatum 20. März 2016 die europäische Aussengrenze überschritten haben. Aber offensichtlich auch solche, die geringe „Bleibeperspektive“ haben: Menschen aus Pakistan, Libanon, aus den Maghrebstaaten. Aber es hat auch solche interniert, mit unbestreitbarer Schutzbedürftigkeit, die vor dem 20. März ankamen. Je nach Einschätzung werden diese Camps nun als „Internierungslager“, „Abschiebelager“ oder „Gefängnisse“ bezeichnet.

Und tatsächlich, sie sind so etwas wie GEFÄNGNISSE FÜR MENSCHEN IN NOT. Ohne Anklage, ohne Verhängung einer Untersuchungshaft werden hier auf Chios mehr als 1’000 Menschen, viele im Familienverbund eingesperrt. Medien haben keinen Zutritt. Volunteers auch nicht. Gewisse (wenige) NGOs sind noch vor Ort. Das UNHCR – die weltweit grösste und bedeutendste Institution – „Hochkommissariat“ – für Flüchtlinge hat sich aus Protest gegen diesen Politikwechsel aus der Lagerbeetreuung, aber auch vom Flüchtlingstransport von der Küste in die Lager zurückgezogen. Sie wollen nicht Komplizen eines widerrechtlichen Vorgehens werden. Ebenso die wichtigste NGO an der Migrationsfront: Médecins sans Frontières (MsF). Das Gleiche hat auch NGO’s wie die „Flüchtlingsinitiative Dresden-Balkan-Konvoi“ oder die Nothilfeorganisation „Oxfam“ zum Ausstieg bewogen. Alle beschränken sich nur auf die Beobachtung, und medizinische Nothilfe.

Ein starkes Stück, dieser Protest. Welch ein Signal! Viele Medien haben es aufgegriffen. Der Eindruck ist jedoch, es wird als Meldung unter vielen hingenommen. Gar mit einem Achselzucken?

Der Eindruck hier ist: Die Abwärtsspirale will kein Ende nehmen. Bei einem so grossen Ereignis mit so vielen Menschen auf der Flucht ist es nachvollziehbar, dass Vieles nicht so gut klappt, dass es für Anpassungen Zeit braucht, dass es Widerstände gibt, dass man immer wieder neue Wege suchen muss: flexibel und anpassungsfähig, wie es zur Evolutionsgeschichte des Menschen gehört. Nun sind bald unzählige Monate verstrichen und man stellt fest: Es wird nicht besser. Es wird schlimmer. Menschen flüchten vor Bombardierungen, Terror, Unterdrückung, Versklavung. Sie sind körperlich und viele auch seelisch verletzt. Und nun werden sie wie Verbrecher eingesperrt.

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Ein anderer Mann hinter dem Zaun fragt „Warum?“ Er kann es einfach nicht verstehen. Was soll ich ihm sagen? Ich versteh’s auch nicht. Ich, der hier nichts zu sagen habe, ausser sich auf versteckten Pfaden und geschützt von Bäumen und Sträuchern mit den Eingesperrten zu sprechen, und wir Informationen austauschen. Das hilft, aber nur ein winzig Mass.

WARUM? – Ein Wort, ein Fragezeichen stehen im Raum. Sie geben Anlass für viele Gedanken.

Abscheu und Wut sind nach zwei Monaten an verschiedenen Brennpunkten der Flucht nach Europa bereits verstummt. Die Energie für Wut ist verbraucht. Was bleibt ist FASSUNGSLOSIGKEIT. Fassungslos, was im freiheitlichen Europa, in Organisationssystemen und Kulturen von offener Gesellschaft passieren kann. Wie konnte es passieren, dass vor Krieg flüchtende Menschen – Männer, Frauen, Kinder, Babys – hinter Gittern und Stacheldraht ohne Rechtsgrundlage und unter Zuwiderhandlung gegen die Genfer UN- und die Europäische Menschenrechtskonventionen eingesperrt werden? Das ist etwas, das nicht einfach so geschieht, sondern gewollt war und verordnet wurde. Der aussergewöhnlich Protest vom UNHCR und MsF macht deutlich: Es handelt sich hier nicht um ein Vorkommnis, wie es mal passieren kann, nicht um ein kleines Vergehen. Das ist letztlich Ausdruck eines ORGANISIERTEN MISSBRAUCHS. Staatlich verordnete Menschenrechtsverletzungen.

In der neu geschaffenen Gefängniskategorie wird Hunger gelitten: Die Menschen „drinnen“ erzählen mir, dass das Essen nicht ausreiche. Man stehe eine Stunde oder mehr an, für ein einfaches Essen, und auf einmal sei fertig. Man werde dann auf die nächste Ausgabe vertröstet, in einem halben Tag oder am nächsten Tag. Abends käme es „in der Linie“ zu Kämpfen unter den Anstehenden. Die hungrigen Menschen streiten sich ums Essen. Oder Helfer versuchen im Verborgenen, Essen unter den Zäunen durchzuschleusen. Manchmal würde es auch das Wasser ausgehen. Warmes Wasser gebe es sowieso nicht. Die Menschen schämen sich dafür, sich nicht richtig waschen zu können. Genügend Schlafplätze hätte es auch nicht, Platz genug schon. Aber es sei kalt, in der Nacht. Zu wenig Betten, zu wenig Decken. Betonboden wärmt nicht. – Siehe die Bilder eines syrischen ‚Insassen‘ von Vial, die er mir zusandte, begleitet mit der Sprachnachricht: „Sir. Not all have a room for sleeping. It’s very cold here.“

Und etwas Anderes fehlt ebenfalls: Mit dem Ausschluss von Volunteers und mit dem Auszug vom UNHCR und MsF gibt es auch kaum mehr menschliche Wärme. Schutzbedürftige Menschen treffen auf Uniformierte, die für eine solche Lagerbetreuung gar nicht ausgebildet sind. Im Gefängnis von Moria auf Lesbos ist es auch so. Dort soll es nach Aussage eines Polizisten am 23.3.2016 noch 3’000 Insassen haben, 600-700 davon seien Neuankömmlinge: nach dem 20. März über die Grenze gekommen.

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Moria, Lesbos, 23.3.2016
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Moria, Lesbos, 23.3.2016

Das privat initiierte und finanzierte Projekt „Better Days for Moria“ sorgte ausserhalb der Stacheldrähte für Wärme, nun mussten alle Flüchtenden – einige unter Druck der Polizei, und mit Tränen in den Augen – in die Kälte hinter dem Draht. Man hört aus dem Inneren von Spannungen. Ja kann das verwundern? Die Eingesperrten wissen nicht warum sie so behandelt werden, und sie erfahren auch nicht, wie es weitergehen soll. Sie bekommen keine Informationen. So etwas kannte man doch bislang nur von totalitären Systemen. Wie konnte man nur auf solche Ideen kommen? Wir können Roboter auf entfernte Kometen absetzen, aber sollen verlernt haben, menschlich und rechtsstaatlich mit Menschen umzugehen?

Und doch, die Menschlichkeit wird nicht unterzukriegen sein. Was ich und viele in Idomeni Gewesenen oder noch Verweilenden erlebt haben, ist nicht nur Trost, sondern gibt weiterhin Hoffnung. HelferInnen lassen sich nicht unterkriegen, Hilfsorganisationen auch nicht, und die Menschen auf der Flucht erst recht nicht. Zusammen mit seinem Vater steht ein Knabe neugierig, aber auch traurig am Zaun vom Vial-Gefängnis: Er mustert mich. Sein Blick ist leer. Ich komme mit dem Vater ins Gespräch, bis er mich fragt, ob er mir auch sein Baby zeigen kann. Er geht ins Innere des Gebäudes und kommt mit seinem drei Monate alten Mädchen im Arm zurück. Stolz strahlt er wie kleines Kind. Das Mädchen sei noch im Libanon geboren.

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Er bringt das Kind wieder hinein, der Knabe schlurft hinter ihm her. Ich sitze noch einen Moment am Boden, ausserhalb des Zauns, da kommt der Junge zurück, immer noch diesen entrückten Blick aufgesetzt. In seiner Hand entdecke ich ein Streifen Kaugummi. Er nähert sich dem Zaun, und ganz vorsichtig steckt er mir den Streifen zwischen dem Maschendraht durch. Seine Mutter, aussen an der Gebäudetüre stehend, sieht ihm zu, schüttelt den Kopf, dann lächelt sie. …

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Ich setze meine Inspektion entlang des Zauns fort, spreche mit den Festgehaltenen. Immer wieder das Gleiche: Sie wissen nicht, was ihnen geschieht. Die Kinder springen herbei, erfreuen sich am ungewohnten Besuch, an diesem Ort, der vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wird.

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Dann musste der Moment kommen, wo ich fast nicht anders konnte, als am Eingang des Camps vorbeizukommen. Polizisten, einige in Zivil knüpfen sich mich vor. Ich werde ausgefragt, unter Vorwand werde ich zum „Forscher von Menschen in Krisensituationen“, aus diesem Grund würde ich mir auch ein konkretes Bild am Orten des Geschehens machen. Ich ernte dafür einen unverständigen Blick, muss mich ausweisen, muss die Fototasche öffnen, die Fotos zeigen. Zum Glück sind es soviele, dass die heikleren nicht mehr begutachtet werden. Meine Identitätskarte, mit der ich in ganz Europa ein- und ausreisen kann, reicht ihnen jedoch als Ausweis nicht, so begleitet mich ein Uniformierter fast einen Kilometer zum Auto, um auch noch meinen Pass zu kontrollieren. Ist auch dies getan, weist er mich davon: Rayonverbot.

Wenn Flucht vor dem Krieg kriminalisiert wird, ist es nicht überraschend, dass auch gegen das Öffentlichkeitsprinzip verstossen wird.

Der Polizist in Zivil, eine spiegelnde Sonnenbrille aufgesetzt, fragte mich: Ob ich denn nicht wüsste, dass man sich hier am Lager nicht aufhalten dürfe. Ich hebe meine Sonnenbrille, als Einladung an ihn, dasselbe zu tun, damit wir uns in die Augen sehen können. Er geht nicht darauf ein. Etwas trotzig beantworte ich seine Frage: „WIR SIND HIER IN EUROPA.“

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6 Gedanken zu “„PLEASE, HELP US!“ – Der organisierte Missbrauch

  1. Sehr sehr traurig. Ich habe geahnt, dass es auf sowas hinauslaufen würde. Ich fürchte den Gedanken, was als nächstes kommt.
    Danke, dass Sie dort hingefahren sind und Ihre Fotos und Erlebnisse teilen.
    Fassungslos bin ich schon seit einiger Zeit. Wir haben so viel Platz, so viel Überfluss, aber keine Mitarbeiter für LaGeSo. Sobald es aber ums Abschieben geht, können wir hunterte Leute dafür nach Griechenland schicken.
    Mir fehlen die Worte für dieses Treiben. Es muss dringend ein Ende finden! Ich will, dass diese Menschen aufgenommen und angemessen versorgt werden!

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  2. Was glauben Sie wieviele Menschen Deutschland aufnehmen kann? 1 Mio, 2Mio, 5Mio, 10 Mio, 20 Mio, und was ist dann? Es gibt soviele leidende Menschen auf dieser Welt, was sollen wir tun? LG, Konrad

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    1. Herr Vaihinger! Wissenschafter haben schon vor mehr als 10 Jahren davor gewarnt, dass Teile Europa, insbesondere Deutschland schrumpft. Sie prognostizierten, und es hat sich nichts an der Aussagekraft geändert, dass D die nächsten 30 Jahre jedes Jahr einen Zustrom von einer halben Million bräuchte, um seine Wirtschafts- und Wohlstandsraft halten kann. So denken wir doch mit Weitblick.

      Das Leid auf der ganzen Welt zu lindern, überfordert Europa. Aber das Leid auf dem eigenen Kontinent, und jenes, für das man ausserhalb sich mitverantwortlich zeichnet, dafür gibt’s nur einen Weg: Verantwortung.

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