VERLIEBT IN DIE GRIECHEN – Und Danke für die Lektion.

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An einem traurigen Tag wie heute, an dem Griechenland erstmals einem Kernpunkt des EU-Türkei-Abkommens entspricht und Flüchtende übers Meer zurück in die menschenrechtlich nicht „sichere“ Türkei schafft, manche nennen es deportiert, wage ich das Gute herauszustreichen.

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Aus diesem Grund dopple ich nach und komme nach dem Artikel „Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa“, aber auch „Möge der Wind die Seelen tragen“ ein weiteres Mal auf die Einwohner Griechenlands zu sprechen.

„Ehre, wem Ehre gebührt.“

Auch wenn ich die griechische Sprache nicht beherrsche, und viele Griechinnen und Griechen die englische nicht, sind wir uns nahe gekommen. Nach insgesamt mehr als zwei Monaten in Griechenland – auf Lesbos, in Athen, Saloniki, Idomeni und auf Chios – geht es mir so, wie vielen, die wegen den Menschen auf der Flucht in Griechenland weilen:
Ich bin …

VERLIEBT IN DIE GRIECHEN.

Eure Herzlichkeit war uns bereits bekannt.
Doch dann kam das Bild des „faulen Griechen“ auf.
Ja, wirtschaftlich und politisch habt Ihr schon Einiges vermasselt.
Und die „Neonazi“-Partei „Goldene Mörgenröte“ zeigt, dass es auch in Griechenland gelinde gesagt verwirrte Menschen gibt.
Und mit einem Schmunzeln füge ich noch an: Auto Fahren können die Meisten von Euch auch nicht wirklich gut. Ausser man heisst NIKOS Sertakis.

Eure Grossherzigkeit jedoch, die geht einem ans Herz.
Eure Bereitschaft, das wenige, das Ihr habt, mit den Menschen in Not zu teilen, ist gross.
Euer Mitgefühl ist ehrlich.

Wie ALEXANDROS, der Kioskverkäufer in Saloniki, der jeden Tag noch ein paar Lollipops dazulegt, nachdem er weiss, dass sie Kindern in Idomeni zukommen. Jedesmal neigt er sich nach vorne, legt die rechte Hand auf die Brust und bedankt sich. Wofür?

Idomeni_Kiosk_web
ALEXANDROS, der Kioskverkäufer in Thessaloniki

Wie KOSTAS, der Parkplatzzuweiser. Er freut sich nicht nur, dass ich immer wieder meinen Parkplatz verlängere. Er sieht meine Idomeni-Kluft, nimmt Anteil, erzählt, was er in den Medien hört, will mehr wissen, wie’s dort oben ist, berichtet, dass auch aus seiner Familie jemand an die Grenze zu Mazedonien hochgefahren ist, um Essen oder Kleider nicht nur zu spenden, nein um es gerade persönlich vorbeizubringen. – Und von diesen verbeulten Autos in Idomeni gab es viele, jeden Tag.

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Eigenhändige Kleiderverteilung, direkt aus dem Privatauto, einzelstückweise (Idomeni).
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Eine von vielen Essensverteilungen durch Einheimische (Idomeni).
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Typisches Bild: Ein griechisches Auto fährt vor, der Kofferraum geht auf, und schnell bildet sich eine Traube vom Menschen um dieses Fahrzeug (Idomeni).
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Ein Busunternehmer, der im Bauch des Busses noch Hilfsgüter (Essen, Kleider) mitbringt und unter chaotischen Bedingungen zu verteilen versucht (Idomeni).

Wie PHILIPPA, die Hotelreceptionistin, die sich nicht nur nicht stört an meiner übel rauchig stinkenden Kleidung, aufgrund all der kleinen Feuer in Idomeni. Auch sie weiss zu berichten, dass ihre Familie Hilfe geleistet hat. Im Ton, wie sie es erzählt, ist ungekünsteltes Mitgefühl.

Wie der Restaurantbesitzer aus Saloniki, den ich an der Tankstelle bei Polykastro, 25 Kilometer vor Idomeni treffe. Ich nenne ihn Hans, „YOANNIS“, weil ich vergessen habe, mir seinen Namen aufzuschreiben. Ein adretter „El Greco“, der dann in aller Nüchternheit erzählt: In seinem Restaurant hätten sie in der Früh 2’000 Sandwiches gestrichen, für die Leute hier, mehr als 50 Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Doch es würde nicht reichen. Das nächste Mal müssten’s 3’000 sein. Um es klarzustellen: YOANNIS stemmt das aus eigenen Mitteln.

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„YOANNIS“ (stellvertrerend für den vergessenen Namen), der Restaurantbesitzer aus Saloniki, an der Tankstelle bei Polykastro.

Ich wie viele Griechenlandaufenthalter auf Zeit sind über die Selbstverständlichkeit solcher konkreter Anteilnahme perplex. In Zeiten vorherrschender Selbstbezogenheit rührt es an, weil diese Erfahrungen weder Einzelfälle sind noch ein Ende finden. Es ist griechischer Alltag. Ich habe dabei niemanden angetroffen, der zur Anhebung seines Ichs damit angegeben hätte. Andere erleben Ähnliches. Ja, diese Selbstverständlichkeit von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft ist hier so verbreitet, dass man Gefahr läuft, es als normal anzusehen. Ist es das?

Diesen greek style zu sehen, zu erleben, erfreut immer wieder von Neuem. Es lässt einen innehalten, und nachdenken.

Dabei erinnere ich mich wieder an die Gelassenheit, Toleranz und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Athen („Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa“).

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Auch eine Form von Toleranz: Zelte von Flüchtenden unter dem schützenden Dach direkt an der Zapfsäule der Tankstelle bei Polykastro. Andernorts, allein der Ordnung willen, kaum vorstellbar.

Man denkt an den Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, der mit türkischen Gleichgesinnten, eigenhändig ein Fährbetrieb für nach Lesbos Flüchtende einrichten wollte, weil er dem Ertrinken im Mittelmeer nicht tatenlos zuschauen wollte. Er wurde von den übergeordneten Behörden in Athen und Brüssel gebremst.

In diesem Zusammenhang denke ich unvermittelt an seinen Stellvertreter, Georgios Katzanos, der ordnend und mitfühlend der Beisetzung zweier Ertrunkener am „Flüchtingsfriedhof“ beiwohnte, den die Gemeinde Lesbos selbst ermöglichte. (Siehe „Möge der Wind die Seelen tragen“)

Ich sehe die Bilder, wie Einheimische in einer Art zivilen Ungehorsamkeit unter dem Grenzzaum der Internierungs-Camps Moria (Lesbos) und Vial (Chios) Nahrungsmittel durchschmuggeln.

Ich erinnere mich an die Besonnenheit des Polizisten mit Bodyguard-Postur in Idomeni, der nebenbei nicht nur von alleine erzählt, dass die Verhältnisse dort stossend seien, sondern auch, dass sie – die Polizisten – ihre Verpflegung vor Ort mit den Notleidenden geteilt hätten.

Es rührt, wenn die ältere Dame mit einem Lächeln im Gesicht am Hafen von Mytillini (Lesbos) jenen flüchtenden Menschen, die auf die Fähre steigen, um aufs Festland zu kommen, Papiertaschentücher zusteckt, oder auch ein „Bettmümpfeli“ für die Kleinen.

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Im Fährhafen von Mytillini, Lesbos, beim Einsteigen einer Flüchtenden in die Fähre nach Piräus, Athen.

 

Ach ihr Griechen, … ihr habt uns nicht im Sturm erobert.
Nein, ganz still, mit Eurer unauffällig herznahen Art.

Ja, bei solchen Momenten im Hier und Jetzt vergisst man leicht, wieviele Griechen bereits letztes Jahr an den Ufern der ägäischen Inseln standen, und den Bootsankömmlingen halfen, als noch kaum Volunteers und NGOs vor Ort waren. Einen Unterstand habt ihr ermöglicht, schon damals Kleider aus euren Schränken hervorgekramt, als noch keine Kameralinsen von TV-Stationen auf euch gerichtet waren. Da steht doch was in der Bibel, das von dieser urmenschlichen Motivation erzählt. Schön zu sehen, dass ihr dies in so grosser Zahl ohne grosses Aufheben zu leben wisst.

Auch das Vorgehen mit Augenmass und mit Zurückhaltung, das die Polizeikräfte über das grosse Ganze an den vielen Brennpunkten an den Tag legen, hilft, dass es beispielswese in Idomeni kaum eskaliert, wo man dies schon lange erwarten würde.

Erst der Befehl, die Hilfskräfte in den Hotspots auf den ägäischen Inseln zu schickanieren oder wegzuweisen, trübt dieses Bild. Doch wir sehen schon: „Job ist Job.“ Der Entscheid kommt von übergeordneter Stelle.

Doch sogar von dort lässt Premier Tsipras durchblicken, dass er nicht alles dulden will, zu was ihn die anderen europäischen Länder in ihrem harten Eifer zu drängen versuchen. Seit Wochen gilt die Regel: Idomeni wird nicht mit Polizeigewalt geräumt. Das führte wohl zu einer Katastrophe.

 

Ach ihr Griechen … wie sehr haben wir euch unterschätzt.
Lasst euch so herzlich drücken, so wie ihr eure Hand aus ehrlichem Mitgefühl nach den Menschen in Not ausstreckt.
Wir verneigen uns vor euch.

Danke für die Lektion.

 

 

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8 Gedanken zu “VERLIEBT IN DIE GRIECHEN – Und Danke für die Lektion.

  1. Danke Tom, du bringst es auf den Punkt. Die Griechen haben meine tiefste Wertschätzung. Die meisten Europäer könnten sich im Minimum eine, ja oft sogar zwei Scheiben von diesem tollen, herzlichen und mitfühlenden Volk abschneiden.
    Aktuell fordere ich alle Freunde auf: Gebt ihnen etwas zurück und macht Urlaub in Griechenland!

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    1. Zaki, Ileana und ich haben genau dies auch unsern 160 jugendlichen Zuhörenden aus Muri-Gümligen geraten – trotzdem meinten auch viele, sie möchten auch einmal Volunteers werden 😊

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  2. Danke dass ihr so gute Worte für Griechenland und mein Volk gefunden habt. Bisher wurde man oft ironisch angemacht und für alle politischen Zustände kritisiert. Als ob wir – die wir seit Jahrzehnten in Deutschland leben – mit schuldig sind. Es tut gut zu wissen das uns noch etwas Würde geblieben ist und das es noch Menschen gibt die ins mögen. Danke!

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