VERGESSEN IN SUBOTICA … am Tröpfchenzähler der Balkan-Route

[Artikelfoto: An der Grenze zwischen Serbien und Ungarn, direkt am Grenzzaun im Camp Kelebija, 150 Meter vom Grenztor entfernt, nahe der Stadt Subotica.]

Die „Balkan-Route“. Sie existiert.

Was im Sommer, vor allem im Herbst 2015 entstand und seither als „Balkan-Route“ der Menschen auf der Flucht nach und durch Europa bekannt geworden ist, gibt es auch noch im Juli 2016. Noch immer schaffen es Flüchtende von Griechenland über Mazedonien oder über Albanien und dem Kosovo nach Serbien. Nach dem Grenzübertritt in Griechenland streben sie also ein zweites Mal in die Europäische Union, in den Schengen-Raum, indem sie nach Ungarn oder Kroatien einwandern wollen. Nicht zum Bleiben. Ungarn und Kroatien sind offenbar (noch) zu unstabil, um sich dem Thema Einwanderung als etwas Normales, Bereicherndes, manchmal gar Notwendiges zu öffnen. Ungarn will jene Grenzübertreter, wir wissen es, wie später die Österreicher so rasch als möglich loswerden. Schnell weg damit! Weg nach Deutschland, in die Schweiz, egal wohin, aber einfach nur aus den Augen und aus der Verantwortung.

Der grosse Unterschied zum letzten Jahr, vor der von den Balkanstaaten deklarierten „Schliessung“ der Route diesen Frühling, ist die Dimension. Nur noch ‚wenige‘ schaffen es an die serbisch-ungarische Grenze. Und doch sind es viele. An dieser Grenze laufen sie nun auf. Serbien und Ungarn haben eine Art Tröpfchenzähler für Flüchtende installiert. Wie dies funktioniert, und was dies für die Menschen in der Not und auf der Flucht bedeutet, ist Inhalt dieses Artikels. – Im nachfolgenden Artikel „Also, geben wir Gas!“ – Wenn humanitäre Hilfe nur noch mit zivilem Ungehorsam möglich ist wird es das Ziel sein aufzuzeigen, wie schwer es hilfsbereiten Menschen gemacht wird, das menschliche Leid der Flüchtenden zu lindern.

So sind wir also in SUBOTICA, mit 96’000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt der Vojwodina, die fünftgrösste der Republik Serbien, ganz nah an der Grenze zu Ungarn. Eine hübsche Stadt, in dessen Zentrum es den auffallend alten Stadtbäumen gut zu gehen scheint. Überall kühlender Schatten, in dem sich adrett gekleidete Serbinnen und Serben in den Strassencafés niederlassen. Eine völlig unaufgeregte Stadt, frei von Hektik. Dass sie ein geografischer Brennpunkt innerhalb eines Brennpunktthemas Europas – Menschen auf der Flucht – geworden ist, ist im Zentrum der Stadt nirgends zu spüren. Eine Ausnahme ist der Busbahnhof, wo sich einige wenige Flüchtende treffen, weil sie sich austauschen wollen, weil sie wissen, dass nach dem Mittag und spätabends, wenn neue Busse ankommen, auch Lebensmittel verteilt werden: von einer kleinen Gruppe des UNHCR und einer Gruppe von Freiwilligen, mehrheitlich aus der Schweiz. Ansonsten scheint alles so zu laufen, wie man es hier gewohnt ist.

Subotica_Stadt_Subotica_web
Im Stadtzentrum von Subotica.
Busbhf_Afghan_Subotica_web
Zwei junge, frisch verpflegte Afghanen zu später Stunde am Busbahnhof von Subotica. Seit acht Monaten auf der Flucht, ausgelöst von der Verfolgung durch die Taliban.

Drei Orte bei Subotica brechen jedoch jene Normalität des Stadtinnern. Denn an diesen drei Orten sammeln sich Flüchtende wieder zu Hunderten an. Der erste Ort, stadtauswärts, ist das offizielle Flüchtlingscamp, unter Obhut des serbischen „Kommissariats für Flüchtlinge und Migration“, unterstützt durch die serbische Polizei. Die Flüchtenden dürfen raus aus dem Camp. Niemand ohne Bewilligung aber rein. Beantragt man eine solche, bekommt man diese auch nach Wochen nicht. Das hat System, hier wie auch in den zwei Transit-Camps direkt an der Grenze. Andernorts an den europäischen Brennpunkten der Routen der Menschen auf der Flucht ist es ähnlich. Das Ansinnen ist klar: Bitte nicht stören. Bitte nicht genauer hinschauen. Darum wird man sowohl an der Teilhabe als auch an der Berichterstattung über das, was passiert, gehindert. Denn vor allem eines mag man europaweit nicht: bitte nur keine schlechten Nachrichten in den Medien, auch wenn es der Realität entsprechen sollte. So eine Art Reality-Bleaching. Berlusconi machte es vor: Stets mit glänzend weissen Zähnen. So arg, dass jeder wusste, dass es nicht echt war.

Hinter dem Lächeln von Subotica verbirgt sich eine Zahl: 1’200. Etwa soviele Flüchtende sind hier vor der ungarischen Grenze ‚gestrandet‘ und versuchen, unter elendiglichen Verhältnissen ähnlich zu Idomeni zu überleben. Das ist das primäre Ziel: ÜBERLEBEN, bis man nach Ungarn weiterziehen kann, immer näher ans eigentliche Ziel eines neuen Lebens in Freiheit.

Aus der Perspektive von mehr als 510’000’000 Europäer sind 1’200 Flüchtende so etwas wie eine vernachlässigbare Grössenordnung. Die öffentliche Wahrnehmung scheint dies zu bestätigen: Wer spricht schon davon, von den 1’200 quasi vergessenen Seelen von Subotica.

Im offiziellen Camp in Subotica sind schätzungsweise 300-350 Flüchtende untergebracht. Nach Augenzeugenberichten soll es übervoll sein. Flüchtende aus Nordafrika bekämen grundsätzlich keinen Zugang. Das Essen sei schlecht, zu wenig, und immer gleich. Jeden Tag gebe es etwas Brot, Dosenfisch/Fleischpastete und Wasser. C’est tout.

Wegen des beschränkten Platzes und wegen der „Liste“ versuchen weitere etwa 200 Flüchtende nahe am Grenzübergang KELEBIJA und mindestens 600 Menschen am Übergang HORGOŠ irgendwie über die Runden zu kommen. Weitere sind noch hierher unterwegs. Es sollen sich „Hunderte“ auf einem Demonstrationszug von Belgrad, wo die Flüchtenden schlecht betreut seien, zu Fuss an die ungarische Grenze bewegen. Zudem ziehen weitere in die Nähe der Stadt SCHID, wo es drei offizielle Camps, mit einer Kapazität für etwa 1’200 Personen gibt. Von dort versuchen die Flüchtenden, nach Kroatien zu kommen oder dort in etwas geordneteren Verhältnissen zu warten, um später, wenn man die Erlaubnis für den Grenzübertritt bekommen hat, mit dem Bus zu den Grenzübergängen bei Subotica – in Kelebija und Horgoš – zu gelangen.

Kelebija und Horgoš nahe Subotica gelten aktuell noch als sogenannte „Transit-Camps“. Diese haben aber eine andere Bedeutung, als es jene Transit-Camps auf Lesbos hatten. Keine Zwischenstation und Erstversorgung wie auf Lesbos, bevor man ins Registrationscamp Moria kam, das heute ja zu einem Internierungscamp geworden ist. Hier in Subotica bedeutet Transit so etwas wie die Transitzone in einem Flughafen: Warten, um weiterzukommen. Eine staatliche Transit-Schleuse ohne eigentliche Schleuseninfrastruktur. So findet das Warten unter freiem Himmel statt, direkt am Grenzzaun, ausgerüstet mit dem Symbol der Migrationspolitik der europäischen Staaten: dem messerscharfen Nato-Draht. Hinter dem Zaun haben die Ungarn Container zu einer mauerähnlichen Barriere aufgereiht, und in Abständen von etwa 40 Metern Überwachungskameras zu serbischen Seite installiert. Im Camp Horgoš (s. weiter unten) ist es ähnlich.

Kelebija_Zaun-nachts_Subotica_web
Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn, nahe dem Grenzübergang Kelebija (500 m entfernt). Direkt an diesem Zaun befinden sich die Zelte / Verschläge der Menschen auf der Flucht.

Damit wird auch eine andere Grundhaltung gewahr, die sich in Europa durchgesetzt hat: Die Flüchtenden werden seitens staatlicher Einheiten registriert, kontrolliert, gezählt, auf Schritt und Tritt beobachtet, während man umgekehrt keinen wirklichen Einblick in die behördliche Aktivitäten gewähren will. Das erinnert – zumindest ansatzweise – doch mehr an ‚Kulturen‘ totalitärer Systeme als an good governance im Sinne demokratischer Grundordnungen. Als Verfechter starker demokratischer Staaten, in denen öffentlich wirksame Check-and-Balance-Verfahren stets von Neuem das Vertrauen in die staatlichen Institutionen aufrecht erhalten, wird es einem an den Brennpunkten der Migration in Europa wiederholt sehr unwohl. Gerade weil das Vertrauen ständig untergraben wird.

Im Camp Kelebija warten vor allem Syrer und Iraker auf einen Grenzübertritt. In Horgoš sind es Afghanen und Pakistani. In beiden Camps führen die Flüchtenden selbst die Transit-„Liste“. Das ist das Allerwichtigste hier. Hier spüren die Menschen trotz Entbehrung und Unterdrückung so etwas wie Zuversicht. Der Grund dafür: DIE LISTE! Wer in Subotica ankommt, trägt sich unverzüglich in diese Liste ein. Je nach Nationalität in die Liste Kelebija oder in die Liste Horgoš. Auch jene, die im offiziellen Camp ausharren, gehen in die Transit-Camps, um sich einzutragen. Was erstaunt: die Liste wird von den Flüchtenden selbst geführt, ohne dass es zu Konflikten käme.

Die zwei Listen besagen: Jeden Tag werden die obersten 14 Personen in der Liste, die als Familien warten, plus eine Einzelperson von der Liste gestrichen und dürfen die Grenze zu Ungarn überschreiten. Dies bedeutet also: Pro Transit-Camp dürfen 15 Flüchtende nach Ungarn übertreten. So rückt man Tag um Tag höher in der Liste, bis man sich in der Pole-Position befindet. Die Liste wird zum Symbol einer konkreten Perspektive: Rüber nach Ungarn, und weiter hinein in die EU, in ein neues Leben, eines ohne Schrecken, ohne Terror, ohne weitere Tote, und stattdessen mit der Hoffnung auf eine Lebensperspektive.

Die Familien werden nach der Grenze in einen Bus gesteckt, um sie möglichst schnell durch Ungarn hindurchzuschleusen. Die „Einzelgänger“ werden direkt an der Grenze von der ungarischen Grenzpolizei in Empfang genommen und für 28 Tage in einen als „Käfig“ bezeichneten Drahtverschlag interniert. Erst dann dürfen auch sie weiter. Ausser Abschreckung ist kein Argument zu finden, warum diese Individuen unter eine solche politische Quarantäne gesetzt werden. Wer aus Horgoš als Afghan oder Pakistani nach Ungarn will, muss zuerst drei Monate ausharren, dann darf man sich in die Liste eintragen, und nach dem Grenzübertritt warten 28 Tage im „Käfig“ auch auf die Familien. Was man von Flüchtenden in Erfahrung bringen kann, seien die ungarischen Polizisten freundlicher. Nicht jeder ist ein ‚Orbanist‘ mit diktatorischen Allüren.

MANDAH war einer jener Flüchtlinge, die nun den Schritt nach Ungarn genommen haben. Wir trafen ihn vor einigen Tagen ein paar hundert Meter vor dem Camp Kelebija. Dort, wo nun seit etwa zwei Wochen die Volunteers um CYRILL Romann Lebensmittel verteilen. MANDAH hilft mit, obwohl er eigentlich schon heute hätte über die Grenze treten sollen. Etwas hat dann doch nicht geklappt. So hilft er wie die Tage zuvor bei der Essensausgabe aus: denn ohne Organisation und Kommunikation endet eine Verteilung im Chaos. CYRILL, der junge Präsident des Vereins „Fair“, mit seinem Team sowie Michael „GROSI“ Grossenbacher vom Verein „The Voice of Thousands“, mit dem ich unterwegs bin, sind über die letzten Monate zu „Profis“ in Sachen Distribution geworden. (Mehr zu ihnen und weiteren Beteiligten im nächsten Artikel). Doch nun zurück zu MANDAH. Ich frage ihn: „Bist Du nervös vor dem morgigen Tag, wo Du nach langem Warten über die Grenze darfst?“ Nervös? Diese Kategorie kennt der junge Mann nicht, nach Monaten des Fliehens. Er freut sich. Er sei glücklich. Sein Gesichtsausdruck sagt das Gleiche.

So kommt es, dass die Menschen von Kelebija fast so etwas wie ‚zufrieden‘ wirken. Besonnen. Ruhig. Solidarisch. Obwohl hier ebenfalls das unwürdige Regime des serbischen Kommissariats gilt. Kein Zutritt für Non-Refugees. Du brauchst auch hier eine Bewilligung, die Du letztlich nicht erhältst, auch wenn Du Dich darum bemühst. Und ebenso gilt: Brot, Dosenfisch, Pastete und Wasser. Punkt. Zum Glück gibt es noch die durch Spendengelder unterstützten Volunteers, die „Ergänzungsleistungen“ ausserhalb des Camps sicherstellen.

Zu Abendstunden kann man nicht nur ausserhalb des Camps Essen verteilen, sondern es endlich versuchen, ins Camp zu gelangen. Dann, wenn das Kommissariat Feierabend hat. GROSI, LORENZ, DAGMAR, THOMAS und ich treffen uns vor dem Lager mit KERIM, der mit seiner Familie aus al-Malikiya im Nordosten Syriens geflohen und nun hierhin gelangt ist. GROSI hat ihn und seine Familie in Idomeni kennengelernt hat. HÜSSEYIN, an anderer Helfer aus der Schweiz hat GROSI unterrichtet, dass KERIM in Subotica sei. Das ist nichts Aussergewöhnliches: Helfer und Flüchtende bleiben immer wieder einmal in Kontakt. So wird KERIM zu unserem Erstkontakt vor Ort. Etwas Besseres kann uns nicht passieren. Ungefilterte Informationen. Unplugged. Denn wir wollen herausfinden, wie’s hier wirklich ist und wie man konkret helfen könnte. Schlicht ausgedrückt: Bedürfnisabklärung. Und vor allem eines: Anteilnahme. Gerade daran scheint es an der Balkan-Route – bei allen Ausnahmen – in grösserem Ausmass zu mangeln. Die Griechen seien freundliche und hilfsbereite Menschen gewesen. Die Serben würden sich hier grösstenteils nicht um sie kümmern. Wenn man als Flüchtender fragt, ob man sein Handy aufladen könne, müsse man zahlen. Jegliche noch so kleine Leistung ist nur für Geld zu haben. Die staatlichen Einheiten sorgen dafür, dass die Flüchtenden zwar nicht verhungern oder verdursten. Mehr darf nicht sein. Mangel an allen Ecken und Enden ist gewollt. ABSCHRECKUNG war, ist und bleibt das probate Mittel der europäischen wie auch nationalstaatlichen Flüchtlingspolitik.

Kelebija_Lost_Subotica_web

So führt uns KERIM hinein ins Camp Kelebija. Und ehe wir es versehen, sitzen wir im Familienverschlag von ihm, seiner Frau NERMIN, der Tochter DERYA und ihrem Baby ABDULLAH. Sie berichten, wir hören zu, fragen nach, lachen mit ihnen und trinken gemeinsam Chai.

Kelebija_Familie_Subotica_web
Zu Besuch bei KERIM (rechts), ABDULLAH, DERYA und MOSTAPHA (links).
Kelebija_Nermin_Subotica_web
NERMIN, die Frau von KERIM. Im Hintergrund die (noch) scheue, doch neugierige RONAS aus der Nachbarsfamilie.
Kelebija_Mädchen_Subotica_web
DERYA, mit dem Handy der Eltern spielend wie Millionen von Mädchen in Europa.
Kelebija_Wiege_Subotica_web
Die Wiege für ABDULLAH.

KERIM will mit der Familie nach Deutschland, wo bereits Familienangehörige leben würden. MOSTAPHA, der Bruder von NERMIN, ein Forstingenieur, möchte explizit nicht nach Deutschland, nein, in die Schweiz wolle er, wo sein Bruder untergekommen sei.

Vier Monate hätten sie in der Zeltstadt Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze ausgeharrt. Dann seien sie ausgebüchst, und mit Hilfe von Schleppern hätten sie es nach Mazedonien geschafft. Seit zwölf Tagen sind sie nun hier, und irgendwo in der Mitte der Liste angekommen. Natürlich wird im Kopf durchgerechnet, wann man mit einem Grenzübertritt rechnen kann. Die Zahl „14“ wird bestimmend: Jeden Tag rücken sie um 14 Positionen nach vorne. Ihre Zuversicht wächst. So mögen sie auch nicht klagen, obwohl es zahlreichen Grund dafür gäbe. Doch Flüchtende haben letztlich nur einen Fokus: nach vorne, in die Zukunft, in eine bessere Zukunft. Erst wenn die Zuversicht abhanden kommt, wie damals in Idomeni und heute, wie ich von GROSI erfahre, in den offiziellen Camps in Griechenland, mache sich so etwas wie Verzweiflung breit. Hier jedoch haben die Menschen offenbar das Gefühl, ihre bessere Zukunft sei schon zum Greifen nahe. Natürlich versucht man im Gespräch davor zu warnen, sich Illusionen hinzugeben. Dass es auch am Zielort nicht leicht werden werde. Sogar sehr hart. Die Worte werden schon gehört, kommen aber nur bedingt an. Uns erginge es gleich: Hätten wir Familienangehörige und Freunde im Krieg verloren, hätten auch wir Assads Fassbomben als Geräusch im Kopf, oder Putins Streubomben, oder das Gebrüll der Schlächter des IS oder irgendwelcher türkischer Grenzer oder Schlepper, dann hört sich dies halt doch nicht wirklich schwierig an. Die Zuversicht ist Medizin dagegen, deshalb auch stärker. KERIM und seine Familie strahlen dieses positive Denken aus.

Nach dem herzlichen Besuch im ‚Hause‘ KERIMs schauen wir uns, begleitet durch die ganze Familie, im Camp Kelebija um. Was man sieht, kennt man in etwa aus Idomeni. Einfach kleiner, achtzig bis hundert mal kleiner. Teils unter wild wuchernden Robinien haben sich die Flüchtenden Verschläge aus Zelten, Blachen und Decken gebaut, in denen sie zu überleben versuchen, bis sie – so ihre Hoffnung – weiterziehen können.

Kelebija_Wäsche_Subotica_web

Kelebija_Ankleiden_Subotica_web

Kelebija_Zelt-UNHCR_Subotica_web

Kelebija_Bett_Subotica_web

Kelebija_Kabine_Subotica_web
Eine der Umkleide- und Wasch’kabinen‘, die in den nächsten Tagen eine von THOMAS und LORENZ konstruierte Dusche bekommen.

Eine Wasserstelle mit zwei Hähnen ist die einzige Quelle fliessenden Wassers. Selbstverständlich eingesehen von einer Überwachungskamera.

Kelebjia_Schlauch_Subotica_web
Kelebija: 1 Wasserstelle, 2 Hähne (Handy-Foto von THOMAS Podlipny)

Kebelija_WC_Subotica_web

Kelebija_Partytischchen_Subotica_web

Kelebija_Turm_Subotica_web

Kelebija_Frauen_Subotica_web2
Frauen und Kinder aus Syrien und dem Südirak.

Kelebija_Subotica_web

Kelebija_Kochen_Subotica_web
Abendliches Kochen direkt am Grenzzaun, …
Kebelija_Zoll_Subotica_web
…, während wenige Meter entfernt der serbische Zoll 24 Stunden brummt.

Die Lebensmittelhilfe in Kelebija durch die Freiwilligen läuft. Weitergehende Unterstützung – mit Kochutensilien und Weiterem – ist GROSI schrittweise am Umsetzen. Kurzum: Kelebija „funktioniert“. So wollen wir uns ans Camp Horgoš heranwagen, von dem wir nicht nur wissen, dass es grösser ist, sondern auch viel schwerer zugänglich. Doch nun wollen wir dorthin. Um die Lage zu „checken“, um herauszufinden, woran es am Meisten und Dringlichsten mangelt. GROSI hat glücklicherweise einen Kontaktmann im Camp: SABOOR. Ein junger Afghane, studentisch-intellektueller Typ mit längerem Haar und dunklem Sonnenhut. Geflüchtet vor den Taliban, Daesh (IS) und lokalen, die Bevölkerung unterdrückenden Gruppen, weil er sich unter anderem als Journalist mit ihnen angelegt habe, wie er erzählt. Nach vier Monaten der Flucht ist er nun seit zwölf Tagen im Camp Horgoš: aktuell auf Platz 90 in der Liste. Somit also – als Einzelperson unterwegs – noch 90 Tage bis zum möglichen Grenzübertritt. Mit SABOOR wird am späten Nachmittag eine spontane Verteilaktion im Dorf Horgoš, etwa eine halbe Stunde Fussmarsch vom Camp entfernt, organisiert. Für etwa 60 Personen. Danach meint SABOOR auf unser Nachfragen, dass man es nun wohl wagen könnte – es ist nun etwas nach 19 Uhr –, um sich im Camp umzusehen. Wir fahren mit dem Auto auf etwa 1.5 Kilometer Entfernung zum Camp vor. Dann geht es zu Fuss weiter. Im aufgelockerten Tross mit den Flüchtenden, sie mit grünen Säcken mit Hilfsgütern in der Hand. Fast beim Camp sieht man es bereits: Idomeni-Style auch hier. Dahinter der hohe Grenzzaun. Daran anschliessend, wie in Kelebija, eine zu einer Mauer angeordneten Reihe aus blauen Containern. Doch hier sitzt die bewaffnete ungarische Grenzpolizei auf den Containern. Das Camp steht unter ständiger Beobachtung: Top-Down-Methode.

Nur, wir kommen nicht bis zum Camp. Zwei serbische Grenzpolizisten haben uns ausgemacht, fahren vor, fragen, was wir hier zu suchen haben, machen unmissverständlich klar, dass ein Aufenthalt ohne Bewilligung untersagt sei. Unsere Erklärungen, wir würden nur herausfinden wollen, was die Camp-Insassen am Dringlichsten an Hilfsgütern benötigten, interessiert sie nicht. Ihr Auftrag ist klar: Kein Zutritt für fremde Gestalten, auch wenn sie etwas weniger fremd sind als die Menschen auf der Flucht. Ja gerade deshalb. Wir sind eine Bedrohung. Somit drohen sie: „Sofort zurück oder Polizeistation!“ THOMAS, GROSI und ich ziehen unverrichteter Dinge ab. DAGMAR macht geistesgegenwärtig das Beste aus der Situation: Denn wenn sie in die Camps geht, hat sie sich angewöhnt, dass aus DAGMAR eine DAGMA mit Kopftuch wird. Und tatsächlich, die Polizisten sehen in ihr eine Flüchtlingsfrau. „Go back to the Camp!“, werden SABOOR und sie angefaucht. So trotten wir zurück und sie vor.

Auf dem Rückweg zum Auto machen wir zwischenzeitlich Halt, um auf DAGMA(R) zu warten. GROSI beginnt im Schutz einiger Bäume mit seiner The Voice of Thousands-Liveschaltung auf Facebook. Da kommt das Polizeiauto zurück. Sie haben uns offenbar vermisst. Wir weichen aus zur Autobahn, die über den Grenzposten Horgoš nach Ungarn führt, gehen ihr entlang, dann drüber, und auf der anderen Seite warten wir wiederum auf DAGMA(R). GROSI war die ganze Zeit auf Liveschaltung und führt sie fort. Und endlich, DAGMA(R) und SABOOR tauchen auf. GROSI interviewt live zuerst sie, dann ihn. Aber dann, wie aus dem Nichts, stehen die zwei Polizisten wieder vor uns. Nun sind sie ziemlich sauer gestimmt. Wir werden im rüden Ton angepfiffen. Wiederum: „Go back or police station!“. Ohne Worte ziehen wir ab, GROSI weiterhin auf Liveschaltung. DAGMA(R) und SABOOR werden gleichfalls angemault: „Go to the camp or police station!“ Die Grenzpolizisten folgen den Beiden auf die andere Seite der Autobahn. Dabei will der eine Polizist doch noch mehr über DAGMA(R) wissen. Sie stellt sich unwissend. Denn sie will SABOOR nicht in Gefahr bringen, währenddem er erklärt, sie sei ein Refugee wie die anderen auch. Aus Afghanistan. Sie sagt nur: „No passport.“ Die Polizisten lassen die zwei nun gewähren. Doch als DAGMA(R) sich nochmals zu uns durchschlagen will, sind sie wieder zur Stelle. Rabiat werden die zwei angefahren. Also weiter in Richtung Camp, bis DAGMA ihr Kopftuch abnimmt und wieder zur rothaarigen DAGMAR aus Wien wird, und sie sich alleine zur Zollstation vor der Grenze durchschlagen will. Der besorgte SABOOR beharrt inständig darauf, dass sie sein Handy mitnimmt, um sich mit uns in Verbindung setzen zu können. Sein Handy (!), ohne das er schlicht verloren wäre. Man fände schon einen Weg für die Rückgabe.

Und so kommt’s, dass DAGMAR einen Lastwagenfahrer beim Zoll bittet, sie doch bitte an die etwa 800 Meter entfernte Tankstelle mitzunehmen. Dort trifft sie auf uns, noch in Sorge um sie. Sie lacht darüber, sagt: „Aah gehhh!“ und berichtet: Es hätte im Camp Horgoš „so viele kleine Kinder.“ Viele der Kleinen „ohne Gewand“, nur in Unterwäsche oder Windeln. Es sei im Camp sehr schmutzig. Die Flüchtenden hätten den Müll in Bodenvertiefungen angesammelt. Aber es überquillt. Es gäbe zudem keinen Schatten im Camp. Deshalb hätten sie die Zelte mit vielen Ästen abgedeckt. Ein skurriler Anblick. Favela-Style an der Schengengrenze. Keine einzige Dusche sei vorhanden. Nur ein Wasseranschluss mit Schlauch. Für mehr als 600 Menschen. Direkt am Grenzzaun stünden zehn Toiletten, die aber nicht regelmässig geleert würden. Über 24 Stunden am Tag seien sie unter der Kontrolle der auf den Containern Wache haltenden, ungarischen Grenzpolizisten. Intimsphäre gäbe es keine, ausser man verziehe sich ins heisse Zelt oder gehe mal weg aus dem Camp. SABOOR hat zudem auf dem Marsch zum Camp berichtet, dass glücklicherweise ein ungarischer Arzt inoffiziell jeden Tag über die Grenze ins Lager komme, um wenigstens das Nötigste sicherzustellen. Das sei bitter nötig: vor allem unter den Kindern seien viele krank. Er macht’s kurz: „Die Ungarn sind gut. Serben nicht.“

Horgos_Favela_Subotica_web
Camp Horgoš (Handy-Foto von THOMAS Podlipny aus Eisenerz, Südsteiermark. Er hat es am Folgetag unentdeckt ins Camp hineingeschafft.)

CYRIL, GROSI und die weiteren Volunteers planen nun, wenigstens für die nächsten zwei Wochen den prekären Verhältnissen in Camp Horgoš mit konkreter Hilfe zu trotzen.

Lange Tage. Wider des Vergessens.

Kelebija_Spielzeugauto_Subotica_web

Nachtrag:
SABOOR zwei Tage später, bei der Essenverteilung in Horgoš.
Froh übers Wiedersehen.

Horgos_Saboor-1_Subotica_web

Horgos_Saboor-2_Subotica_web


Teil II:
„Also, geben wir Gas!“ – Wenn humanitäre Hilfe nur mit zuviel Ungehorsam möglich ist

 

*****

SPENDEN für die direktestmögliche Hilfe vor Ort
können auf folgende Konti überwiesen werden:

The Voice of Thousands (Michael GROSI Grossenbacher)
PC-Konto: 89-869498-8
IBAN: CH85 0900 0000 8986 9498 3
The Voice Of Thousands, Eidmattstrasse 2, 8032 Zürich

Verein Fair (CYRIL Romann)
Bank: PostFinance AG, Mingerstrasse 20 3030 Bern, Switzerland
Bic/Swift: POFICHBEXXX
Account Holder: FAIR.
Adress: Schlossstrasse 12, 2560 Nidau, Switzerland
Account Number: 60-729289-0
IBAN: CH65 0900 0000 6072 9289 0
Message: Direkthilfe

Vielen herzlichen Dank sagen GROSI und CYRIL mit ihren Teams.
Mehr noch zu ihrer Tätigkeit im nächsten Artikel hier im Blog.

 

 

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s