GEDENKEN AN DEN GENOZID AN DEN YEZIDEN. Im Flüchtlingscamp Petra, Katerini (GR), unterstützt von der Borderfree Association (CH)

[Artikelfoto: Vorbereitung für den Gedenktag an den Genozid an den Yeziden, begonnen am 3. August 2014.]

Der Genozid und die Flucht

Heute vor zwei Jahren fielen die Terroristen der Miliz des Islamischen Staats (IS), in der Region „Daesch“ genannt, in die yezidische Stadt Shingal ein. Sie plünderten und mordeten. Systematisch. Es war der Beginn eines Völkermords, im Jahr 2014. Es kam zu Massenexekutionen und Massenvergewaltigungen. Auf einen Schlag verloren Familien ihre Väter. Erschossen, geköpft durch den IS mit ihrer satanischen Ideologie, die nicht nur Menschen tötet und vergewaltigt, sondern auch den islamischen Glauben. Auf einen Schlag wurden Frauen und Mädchen verschleppt, als Sexsklavinnen verkauft. Kinder standen urplötzlich alleine da. Vollwaisen.

Die Yeziden lebten in Shingal nicht alleine. Sie waren Nachbarn der sunnitischen Bevölkerung. Diese sah zu, als die IS in die Stadt einbrach: aus Angst vor der IS oder weil sie die Yeziden nicht mochten oder verachteten, wegen ihrer Religion: „Eine der ältesten Religionsgemeinschaften des Vorderen Orients. Es gibt sie schon seit dem vierten Jahrtausend v. Chr. Man geht davon aus, dass alle Kurden einmal Yeziden waren, aber viele zum Islam zwangskonvertiert wurden. Die, die sich weigern zu konvertieren, wurden schon lange vor dem IS-Terror verfolgt, weil sie als Teufelsanbeter gelten“, sagt Düzen Tekkal, deutsch-türkische Journalistin, Kurdin und Yezidin (Quelle: watch-salon.blogspot.ch).

Rund eine halbe Million Anhänger dieser Religion lebte im Nordirak. Man spricht auch vereinfacht davon, dass der yezidische Glauben eine spezielle Form des Christentums sei. Vielmehr enthält er Elemente anderer Religionen wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Sie glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste: Tawusî Melek, ein Engel in Pfauenform, deshalb „Pfauenengel“ genannt, der im Christentum und im Islam als „gefallener Engel“ oder gar als Teufel gilt, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus der Verehrung dieser Figur, in der so manche Muslime eine Ähnlichkeit zum islamischen Teufel Iblis erkennen, gründet das – tödliche – Missverständnis, dass die Yeziden nicht nur immer wieder als „Teufelsanbeter“ verunglimpft werden, sondern auch verfolgt und systematisch getötet wurden. – Zu was Menschen doch fähig sind, lediglich auf der Basis von Unwissen oder Gerüchten, die als Grundlage tödlicher Propaganda dienen! – Der Angriff auf Shingal und weiterer yesidischer Dörfer im August 2014, von der UNO als Genozid anerkannt, soll der 74. Genozid (!) in der leidvollen Geschichte der Yeziden gewesen sein. Was für eine Tragödie, wenn man betrachtet, dass aus der Sicht der Yeziden der Engel mit seinem Verhalten lediglich eine Prüfung seines Glaubens zu Gott zu bestehen hatte. Die als Teufelsanbeter verunglimpften Yeziden verneinen grundsätzlich die Existenz eines Teufels. Das Konzept des Teufels, des Bösen, sei ihnen fremd. Nur der Mensch, kein höheres Wesen würde Böses tun. (Mehrere Quellen: Thomas Seifert (Wiener Zeitung), der SPIEGEL, Düzen Tekkal)

Das absolut Böse der Daesch/IS zwingt die Überlebenden des Angriffs auf Shingal vom 3. August 2014, in die Sindschar-Gebirge zu flüchten, um dort Schutz zu suchen. Sie werden vom IS eingekesselt. Ohne jegliche Ausrüstung führt dies zur nächsten Tragödie: „Wir verhungern, wir verdursten. Unsere Kinder vertrocknen. Wir mussten unsere eigenen Kinder unterwegs liegen lassen“  (Yezidischer Flüchtling im Sindschar Gebirge im Film „Háwar – meine Reise in den Genozid“ von Düzen Tekkal, 2015). Und weiter: „Bei uns in den Bergen sieht man tausende Leichen. Frauen, ältere Männer, Kinder, alle sind auf der Flucht verdurstet. Egal wer da hingeht, er wird heulen“ (Abdul, yezidischer Flüchtling). Das kurdische „Háwar“ bedeutet Hilferuf. Heute, sagt Düzen Tekkal, sei dieses Wort ein Synonym für „Völkermord“ geworden.

Die Yeziden fühlen sich ein weiteres Mal allein gelassen. Vian Dakhil, eine yezidische Parlamentarierin, ruft nach den Massakern im August 2014 im irakischen Parlament verzweifelt um Hilfe, bevor sie zusammenbricht. Worauf sogar US-Präsident Barack Obama Bezug nimmt und ankündigt: „Anfang dieser Woche schrie eine junge Irakerin in die Welt, keiner kommt, um uns zu helfen. Nun, heute kommt Amerika.“ Die USA fliegt fünf Tage nach dem Angriff Hilfsgüter ein, und startet Luftangriffe auf Stellungen des IS. Für den Kampf gegen die IS auf dem Boden beschliesst der deutsche Bundestag, zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg Waffen zur Selbstverteidigung und den Schutz der Yeziden an die irakisch-kurdische Peschmerga, die Kampfeinheit der selbsternannten „Autonomen Region Kurdistan“ im Irak, zu liefern. Doch die Peschmerga überlässt die Yeziden mehrheitlich – wie so oft in deren Geschichte – sich selbst. 10’000 Peschmerga-Soldaten fliehen. Dank der türkisch-kurdischen PKK, in weiten Teilen, vor allem von der Türkei als Terror-Organisation bezeichnet, gelingt es, die IS zurückzudrängen. Im „Weltspiegel Extra„-Bericht von Volker Schwenk (SWR/ARD, August 2015) meint der mit seiner Familie auf der Flucht befindende Yezide Ilyas Kassem, die PKK-Kämpfer seien Helden. Diese hätten sie aus der Umklammerung befreit, ohne PKK würde es 99% der Yeziden nicht mehr geben. – Ausgerechnet die PKK! In einer derart auseinandergebrochenen Region und den damit verbundenen machtpolitischen und sozialen Verwerfungen gibt es einmal mehr keine eindeutige Logik von Gut und Böse auszumachen.

Während Yeziden, aber auch weitere Menschen, vor allem Frauen und Mädchen sich in unbekannter Zahl in IS-Gefangenschaft befinden, zwangskonvertiert und zwangsverheiratet, versklavt, wie Vieh verschachert und nach Augenzeugenberichten von Frauen, denen die Flucht gelang, mehrmals täglich vergewaltigt werden, gelingt es yezidischen Kämpfern, mit der PKK und der Peschmerga doch, die IS etwas zurückzudrängen. Unter den Kämpfern sind auch Kämpferinnen: Wie Düzen Tekkal in einem Interview der Kultursendung „ttt – titel thesen temperamente“ in der ARD erzählt, „verteidigen viele Frauen ihre Ehre, wie sie es selber nennen, und gehen an die Front, um gegen die IS-Kämpfer ihre Ehre wiederherzustellen. Es hat sich ein Frauenbatallion gegründet, bei dem viele Yezidinnen dabei sind, die früher in IS-Gefangenschaft waren.“

Jedoch in die Dörfer zurückzukehren, ist gefährlich. Der IS verfolgt die Taktik der „verbrannten Erde“: Sprengfallen sollen möglichst viele Rückkehrer in den Tod reissen. Mit Erfolg. So werden letztlich hunderttausende Yeziden in die Flucht getrieben: weg aus ihrer Heimat, weg von ihrem größten Heiligtum, dem Tempel in Lalisch, mit zwei den Yeziden heiligen Quellen und der Grabstätte von Scheich Adi ibn Musafir, dem bedeutendsten Heiligen der Yeziden. Es ist, wie wenn die römisch-katholischen Christen aus Rom oder die Juden aus Jerusalem vertrieben würden. Mit der kompletten Vertreibung droht die Auslöschung der jahrhundertelangen yezidischen Kultur und Tradition oder zumindest die Zersplitterung in eine vielteilige Diaspora ohne Wurzeln in ihrer Heimat.

Fliehen vor dem Völkermord. Bis zum heutigen Tag! Viele Yeziden finden Unterschlupf in Flüchtlingslagern im Nordirak oder in der Türkei. Einige fliehen weiter nach Griechenland, übers tödliche Meer der Ägäis auf die griechischen Inseln und dann aufs Festland. Und so kommen einige im Frühjahr 2016 auch bis nach Idomeni, dem griechischen Ort an der griechisch-mazedonischen Grenze, wo mit der abrupten Schliessung der „Balkan-Route“ eine ‚wilde‘ Zeltstadt von maximal 15’000 Menschen (März 2016) entsteht, wo das Überleben schlicht unmenschlich ist. Und dies geschieht vor den Augen der europäischen Öffentlichkeit, ohne dass – abgesehen vom Médecins sans Frontiers und diversen Volunteer-Gruppen – echte staatliche Hilfe aus Europa erfolgen würde (Siehe die Artikel „Bewundernswert, die Flüchtlinge von Idomeni“ + „Die Hand reichen“). Unter den 15’000 Menschen befinden sich nach Einschätzung yezidischer Flüchtenden etwa 1’600-1’800 Yeziden. Die Meisten von ihnen haben sich im Camp am Rande angeordnet. Der Kontakt mit ihnen macht immer wieder von Neuem spürbar, welch zusätzliche Angst ihnen als religiöse Minderheit im Nacken steckt. Man spürt auch in Idomeni eine gewisse Form von Isolation, aufgrund ihrer Erfahrung, von Muslimen gering geschätzt bis als „Ungläubige“ verachtet, von den ‚durchgeknallten‘ Islamisten des IS als „Teufelsanbeter“ systematisch verfolgt geworden zu sein. Doch das gemeinsame Schicksal der Flucht vor Krieg und Verfolgung scheint diese Ausgrenzung zumindest in Idomeni abgeschwächt erscheinen. Eine friedliche Koexistenz war in diesen Tagen, Wochen, Monaten möglich. Zumindest war dies mein persönlicher Eindruck.

Mit der Auflösung des Camps in Idomeni verteilte dann das griechische Militär die Flüchtenden auf verschiedene Camps, möglichst die Volks- bzw. ethnischen Gruppen voneinander getrennt. Die Yeziden wurden nach Katerini verfrachtet, genauer: nach Petra.

Im Camp Petra bei Katerini

Das Camp Petra liegt am Fusse des berühmten Olymps. Umgeben von Nichts ausser Wald. Auf dem Gelände einer ehemaligen psychiatrischen Klinik.

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Blick aus dem Camp Petra auf die Gebirgskette des Olymps.
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Das Camp Petra, errichtet auf dem ehemaligen Gelände einer psychiatrischen Klinik, in den Bergen ausserhalb von Katerini.

Früher wurden psychisch Kranke hierhin weggestellt, wo man sie nicht bemerkte. Heute sind es 1’500 Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror. Diese isolierte Stellung macht den Yeziden zu schaffen. Sie können nirgends hingehen, um etwas anderes Zivilisatorisches zu sehen als das Camp, um einzukaufen oder Ähnliches. Aber es hat auch sein Gutes: Die Abgelegenheit schafft auch Schutz, fördert das Gefühl von Sicherheit, vor allem für die Frauen, meint SALOME von der privaten, humanitären Hilfsorganisation „Borderfree Association“ anlässlich eines Besuch im Camp Petra vor vier Tagen.

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Ein weiterer Vorteil der Lage am Berg ist, nach erfolgter Reparatur der Wasserhähne, dass man hier Wasser in Trinkqualität ab Hahn bekommt – in manch anderen Camps in Griechenland ein Traum.

In Petra habe ich auch die zwei engsten Bekanntschaften, die ich im März und April 2016 in Idomeni gemacht habe, wieder getroffen. Was für ein Wiedersehen! Der Zufall wollte es, dass ich mich während meiner 16 Tage in Idomeni ausgerechnet mit zwei Yeziden am meisten ‚anfreundete‘. Zum Einen mit DASSIN, dem Patron einer Flüchtendengruppe von zehn Personen. Zum anderen mit „meinem kleinen Freund aus Idomeni“: DLOWAN. (Siehe dazu die nachfolgenden zwei Artikel.)

Heute nun, am 3. August 2016, zwei Jahre nach den Massakern des IS, wird von den Yeziden im Camp Petra ein Gedenkanlass durchgeführt. Seit Wochen sind sie an den Vorbereitungen, unterstützt von „Borderfree Association“ aus der Schweiz, gegründet von VANJA Crnojevic.

VANJA war im jugoslawischen Bürgerkrieg – 12-jährig – selbst Flüchtlingskind aus Bosnien, kam schon damals über die Balkan-Route mit ihren Eltern in die Schweiz, „in die Ferien“, bis man ihr eröffnete, dass man nicht zurück könne, weil Krieg herrsche, die Grenzen geschlossen seien und sie in der Schweiz bleiben müssten. Dies erzählte sie kürzlich gegenüber den SarajevoTimes. Sie wuchs in Parpan auf und spricht heute breitestes Bündner-Dialekt. Ihre selbst aus dem Boden gestampfte Organisation, die sie in eine Stiftung umbauen möchte, war bereits an der Balkan-Route im serbischen Presevo an der mazedonisch-serbischen Grenze humanitär tätig, danach in Idomeni, an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland, und ist seit dessen Räumung nun hier in Petra. SALOME erzählt mir, dass sie VANJA kaum richtig zu Gesicht bekomme, wenn sie im Camp sei. Sie sei immer etwas am Organisieren, immer unterwegs, immer unter Strom. Wer sie schon einmal sprechen gehört hat, weiss Bescheid: full power!

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Nachfolgende Worte und Bilder versuchen nun, das Leben der Yeziden in Petra in Kürze zu schildern, aber auch die Arbeit des Teams von VANJA. Sie selbst konnte ich in Petra nicht antreffen, weil sie angestossen durch unseren Aufenthalt in Subotica (siehe die Artikel „Vergessen in Subotica“ + „Also, geben wir Gas!“) und auf Drängen von Michael GROSI Grossenbacher ein zusätzliches Hilfsprojekt für Subotica gestartet hat und für einige Tage an der serbisch-ungarischen Grenze weilt. Ich erinnere mich, wie GROSI bei unserer Fahrt von Subotica nach Thessaloniki vor ein paar Tagen von seinem Telefonat mit VANJA erzählt und sich dabei sehr am gegenseitigen Vertrauen freut: „Waisch GROSI, wenn du saisch, dass i kho söll, dänn khummi!“ (Weisst Du, wenn Du sagst, ich solle kommen, dann komm ich.“)

SALOME, seit vier Wochen in VANJAS Team als Freiwillige tätig und im ganzen Camp von allen liebevoll nur als „SALO“ oder „SALONIKI“ gerufen oder gegrüsst, führt mich so behutsam durchs Camp, dass ich an all den Stationen genügend Zeit zum Beobachten, Nachfragen und Fotografieren finde.

Zuerst führt der Durchgang in eines der beiden Gebäude der ehemaligen Klinik, in dem sich „Borderfree“ ihre Basis eingerichtet hat. Dort geht es diese Tage nur um Eines: den Gedenkanlass vom 3. August. Junge Frauen und Männer schreiben Transparente, zeichnen kunstvolle Plakate oder bereiten weitere Anlassinhalte vor. Die Räume sprudeln über mit motivierten Menschen. Man spürt: Hier geht es um etwas ganz Wichtiges, ja um nichts weniger als um ihre Identität und um die Vergewisserung mit dieser.

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Nichts weniger als die Angst vor der „Auslöschung“ treibt die Yeziden um.
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Ein Transparent auch in griechischer Sprache verfasst: „Save Yezidi and Christians from persecution and terrorism!“ („Schützt die Yeziden vor Verfolgung und Terror!“)
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ALIYA, die Zeichnerin mehrerer Transparente.
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In Arbeit.
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Das Vorbild für das Transparent, gemalt von ALIYA, ist auf ihrem Smartphone gespeichert. Es zeigt Nadia Murad Basee Taha, eine yezidische Vorkämpferin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist zur Identifikationsfigur der Yeziden geworden. Sie wurde im August 2014 aus ihrem Dorf Kocho in Sindschar von dem IS verschleppt und gute drei Monate in Gefangenschaft gefoltert und sexuell versklavt, bevor sie sich befreien konnte. Am 5. Januar 2016 wurde sie von der irakischen Regierung für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Der norwegische Politiker Audun Lysbakken traf sich mit Frau Murad und reichte daraufhin beim fünfköpfigen Nobelpreis-Komitee die Nominierung offiziell ein. „Wir möchten einen Friedenspreis, der die Welt dazu aufrüttelt, gegen sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg zu kämpfen“, erklärte Lysbakken gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

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Im Gegensatz zu anderen Camps um Thessaloniki und Athen ist dieses Camp im Grunde ein Zelt-Camp. Die grosse Sommerhitze verhindert tagsüber den Aufenthalt in den Zelten. Viele flüchten unter die konstruierten Vordächer oder in den Schatten der zwei Gebäude und der verschiedenen Baumhaine.

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Einige der Zelte in der heissen Mittagssonne.
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Nachmittags.

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„SALO“ erzählt, dass am Anfang die Aktivierung der Menschen, vor allem der Kinder übers Spiel erfolgte, bevor dann immer mehr die Bildung in den Fokus gerückt sei. An mehreren Orten im Camp hängen deshalb einfach Schaukeln, die rege benutzt werden. Dabei fällt auf, dass die Kinder untereinander, wie bei der Essensausgabe, eine Linie bilden. Wer ausschert, wird diszipliniert.

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Zentrales Projekt von „Borderfree“ ist die Einrichtung einer Schule. Zwei gerade neu errichtete Gebäude, die frisch gestrichen werden, werden auch der Schule dienen. Bis diese bezugsfähig ist, hat man mit dem Unterricht in einem anderen Holzgebäude begonnen. „Die Kinder selbst wollen alle lernen. English, english, english!“, berichtet „SALO“. Das die Wissbegierigkeit und Kreativlust der Kinder fast übersprudelt, kann ich selbst erleben, als der noch etwas improvisierte Unterricht losgeht. Kaum sind die Stifte und das Papier bereit, gibt es kein Halten mehr. Innert Sekunden übernehmen die Kinder das Zepter und sind im Nu vollkommen ins Zeichnen vertieft.

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Sehnsucht I
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Sehnsucht II

Dann folgt für die etwas Älteren der Sprachunterricht durch JÖRG aus Berlin und durch SALOME. Auch hier: Der Eifer der Kinder, ihr ausdrücklicher Wunsch, englisch, aber auch deutsch zu lernen, ist bewegend. JÖRG ist raffiniert genug, das Englische und Deutsche stets auch mit dem Kurdischen zu verbinden. Gebannte Blicke, lebendiger Unterricht.

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JÖRG im Element.
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„SALO“ SALOME, rechts von ihr der Musterschüler AIMEN.

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> Hinweis: Um den Schulbetrieb weiter aufzubauen und zu konsolidieren, sucht „Borderfree“ noch Spendengelder. Die Angaben zum Spendenkonto sind am Schluss des Artikels aufgeführt.

Es kann sein, dass die Organisation „ATRA“, als sogenannter „Focal point“ für den Betrieb des Camps Petra verantwortlich, öffentlich die Schule und andere Angebote für sich in Anspruch nimmt, obwohl diese von „Borderfree Association“ initiiert und umgesetzt werden. – Schäbigkeit ist überall zu finden, auch im humanitären Bereich. In den Camps in Thessaloniki, die von schwizerchrüz.ch unter MICHAEL Räber betrieben werden, ist es ähnlich. (Mehr darüber in den nächsten Artikeln.)

Zum Schulunterricht gehört auch das in einem solchen Camp so elementare Thema Hygiene. Spielerisch wird das richtige Händewaschen geübt, und parallel dazu gelernt.

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Hände richtig und gut mit Seife waschen, indem man auf englisch auf 30 zählt: „One, two, three, …“. – Der zweite Bub von links ist DLOWAN, „mein kleiner Freund aus Idomeni“: mehr über ihn im nächsten Artikel.

Als die Schullektionen vorrüber sind, schwärmen die Kinder aus. Wir werden spontan zu einer selbst gekochten Pasta eingeladen. SALOME berichtet, sie nehme nie etwas zum Essen ins Camp mit, weil sie sowieso irgendwo zum Essen eingeladen wird. Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern ‚bewirtet‘ uns. Dazu setzt sich auch AIMEN, ohne Interesse am Essen. Offensichtlich ist er der Wissbegierigste unter den Camp-Kindern. Er sei immer am Lernen, erklärt „SALO“. Sein neues Heft füllt sich bereits wieder mit Begriffen: geordnet und systematisch. Die eine Spalte ist mit den Begriffen auf Kurdisch gefüllt. Danach schreibt er sich die englische und deutsche Übersetzung in kurdischer Phonetiksprache auf. Tatsächlich: Es funktioniert! AIMEN lächelt verschmitzt, hält aber nicht inne, sondern reiht einen Begriff an den nächsten. Ein toller Bursche, zudem sehr integer, wie „SALO“ anklingen lässt, als jemand später hinweist, er müsse den Basketball, den er mit sich trägt, aber wieder zurückbringen. Denn neben dem Lernen hat der hochgeschossene Bursche noch eine zweite Leidenschaft: Basketball!

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AIMEN.

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Ein weiteres Kreativunterrichts-Projekt stammt von einem Flüchtenden selbst: SAMI, Musik-Entertainer. Er möge und mache Vieles: „Von Hip Hop bis Michael Jackson.“ Unter Muslimen wäre eine solch Musikausrichtung wohl eher weniger zu finden. Er will einen „Musik-Workshop“ anbieten. Dafür hat er bei „Borderfree“ nachgefragt, ob er einen Verstärker bekommen könne. Und siehe da: „SALO“ bringt ihm einen solchen. Es kann also losgehen. Ein spontanes Ausprobieren im Freien findet dann auch sofort Zuspruch: „SAMI! SAMI!“ Auch wenn’s noch nicht seine Musik ist, die er abspielen kann, wird getanzt, geklatscht. So einfach kann ein aktivierender Impuls gesetzt werden: Wie das Spielen, so ist auch Musik so universal, dass es ganz wenig braucht, dass etwas Gemeinschaftliches passiert. Die Leute von „Borderfree“ wissen’s.

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SAMI.
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Die neue Verstärkeranlage für SAMIs Musik-Workshop.

Wie universal Musik sein kann, zeigt ein noch ganz anders gelagertes Beispiel: In jedem Camp gibt es auch Einzelschicksale, die eine spezifische Betreuung erfordern. „SALO“ und JÖRG führen mich zu einer Familie mit drei Kindern, zwei davon behindert: SYDRA (2.5 Jahre), körperlich und geistig stark behindert, und SURU (7.5 Jahre), etwas geistig handicapiert. Gerade die Besuche in dieser Familie sind immer wieder sehr wichtig. Sie kämen kaum aus dem Zelt, offenbar aus Scham wegen ihren handicapierten Kindern. „SALO“ berichtet über deren Schilderungen, dass der Vater SYDRA auf der ganzen Flucht aus dem Nordirak hierhin auf sich getragen habe. MUHAMAR (5 Jahre), das gesunde Kind, muss in dieser Familie nicht nur Einiges zurückstecken, sondern auch einstecken. Sei man zu Fuss unterwegs gewesen, hätte er immer gehen müssen. Nun ist im Zelt aber die von JÖRG vorgetragene Gitarrenmusik angesagt, live and unplugged.

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SYDRAs Lächeln, kaum hat JÖRG mit der Gitarre zu spielen begonnen.
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Der Vater kämpft um die Contenance, als er sieht, wie sehr SYDRA mit Freude auf die Musik reagiert.
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Die Mutter.
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SURU beim Selbstversuch. Sie kann nicht mehr aufhören, auf die Gitarre zu trommeln und an den Saiten zu zupfen.

„SALO“ erklärt, dass das weitere erklärte Ziel sei, die nicht selten traumatisierten Frauen vermehrt aus ihren Zelten zu holen, um sie stärker in die Camp-Gemeinschaft und in gezielte Aktivitäten einzubinden. In den zwei neu erstellten Gebäuden sollen deshalb auch Workshops für Frauen durchgeführt werden.

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Die gerade neu errichteten Gebäude: für den Schulunterricht, für die Musik- und die Frauen-Werkshops, …

Die Arbeit mit den Kindern mache den Kontakt mit diesen sich zurückgezogenen Frauen einfach: Die Kinder würden sie sowieso ohne Aufforderung mit in die Zelte nehmen, um ihnen ihr Heim, ihre Familie, so auch ihre Mutter zu zeigen.

Das Essen, das Caterer im Auftrag der Armee, die das Lager bewacht, ins Camp bringen, ist wie anderswo in den offiziellen Camps in Griechenland sehr sehr eintönig. Öfters verkocht. Man versuche, so „SALO“, auf die Caterer einzuwirken, etwas vielseitiger und gesünder zu kochen. – Von anderer Stelle weiss man, dass das Militär eine Tagespauschale pro Person bezahlt, die einiges mehr zuliesse als der tatsächlich verabreichte „Matsch“. Wie immer und überall, gibt es Gewinnler, die an der Not anderer gut zu verdienen wissen. – So gut es geht, organisieren sich die Flüchtenden deshalb selbst, um an Ergänzungsnahrung zu kommen. Für jene, die es sich leisten können, sind dafür kleine Shops entstanden.

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An wenigen Orten wurden von den hier ausharrenden Flüchtenden auch Backöfen eingerichtet, um Ergänzung beziehungsweise Ersatz für das verteilte gummige Weissbrot zu schaffen: Öfen zur Produktion ihres geliebten Fladenbrots. Auch dies muss abseits der offiziellen staatlichen Unterstützung organisiert und finanziert werden.

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Beim Abschied nehmen stellt sich die Frage: Was nun? Wie geht es weiter? Wann wird eine Lösung für diese über so lange Zeit notgeplagten Menschen gefunden, die hier im Niemandsland ausharren müssen? Verdammt zum Warten. Ohne dass es etwas zu tun gäbe, ausser Warten, Kochen, Essen, Schlafen und die Kinder über die Runden zu bringen. Es ist immer mehr zu befürchten, dass es Griechenland zusammen mit den Europäischen Ländern nicht auf die Reihe bekommen, mit der rechtzeitigen „Relocation“, der Verteilung auf verschiedene Länder, bevor der Winter kommt. Denn in Bezug auf die Yeziden ist die Lage alternativlos: Die Schutzbedürftigkeit ist unbestreitbar. Ein Rückschaffung in ihre Heimat vor einer Niederschlagung des IS und anderen islamistischen Gruppierungen undenkbar. Genauso wie eine Überwinterung hier in Petra. Kommt der Winter, ohne dass sich hier etwas ändert, droht eine weitere Umsiedlung der 1’500 Yeziden innerhalb Griechenland. Noch mehr Unsicherheit schaffen, noch mehr Angst unter verängstigten Menschen schüren?

Was nun, Europa?

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Und dann das! Ein liebevoll gepflegter Vorgarten im Flüchtlingscamp. Was für ein Anblick! Was für eine Überraschung! – Was nun Europa? Überrascht Du uns auch?

Überrascht Du uns auch im positiven Sinne?
Oder weiterhin den schwarzen Peter, und damit auch Menschen in Not hin und her schieben?
Wäre es nicht Zeit, Fakten zu schaffen?
Willst Du nicht versuchen, es wie VANJA anzugehen?

„Waisch, wenn du saisch, dass i kho söll, dänn khummi!“ /
„Weisst Du, wenn Du sagst, ich solle kommen, dann komm ich.“

 

*****

Das Spendekonto der „borderfree association“ von VANJA Crnojevic:

Vermerk „Schule“
CHF Konto – IBAN: CH71 0900 0000 6159 3305 7
EUR Konto – IBAN: CH58 0900 0000 9155 0838 2
BIC: POFICHBEXXX
borderfree association, Zentralstrasse 156, CH-8003 Zürich

 

 

 

 

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