FÜR DLOVAN. Stopp dem Genozid. Eine Zukunft für die Yeziden!

[Artikelfoto: DLOVAN, getroffen und angefreundet in Idomeni (März 2016), wieder gefunden in Petra (Ende Juli 2016).]

Denkt man an all die Menschen in Not, die etwas mit jenen Kriegen und Verfolgungen zu tun haben, welche die europäischen Staaten direkt oder indirekt betreffen, bei den sie gar einmal mehr, einmal weniger Mitverantwortung tragen, kommen einem viele Menschengruppen in den Sinn.

Gerade ziehen einen die Gedanken hin zu den 300’000 Zivilisten, die in Aleppo, der ehemaligen syrischen Metropole und Kulturstadt, vollständig eingeschlossen sind. Opfer von Baschar al-Assad, der gar wieder Giftgas abwerfen lässt, Opfer von jenen ungenauen Bomben, die Wladimir Putin einsetzen lässt, weil es für Syrien auch noch die alten Kampfbomber tun, Opfer von den Islamisten von al Nusra, Opfer von syrischen Rebellen.

Oder der Gedanke an jene 3.1 Mio Flüchtenden, die (noch) in der Obhut des irrlichternden Recep Tayyip Erdogan in der Türkei leben. Wer weiss, wie es ihnen geht? Wer will es wissen?

Oder einfach ’nur‘ jene gut 57’000 Flüchtenden, die seit dem Festzurren der Balkan-Route in Griechenland, in den nur dank Freiwilligenhilfe einigermassen erträglichen Camps ausharren, ohne dass sie wissen, wie’s und ob’s überhaupt weitergeht.

Oder die 1’500 Yeziden, die in einem solchen Camp in Petra bei Katerini warten, auf ein Signal, dass es Perspektive auf nachhaltigen Schutz ihres Lebens und ihrer yezidischen Kultur gibt. Denn sie haben uns am 3. August 2016 in Erinnerung gerufen, dass der vor zwei neu begonnene Genozid an ihrer Gemeinschaft noch nicht gestoppt ist. (Siehe „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“.)

Die obigen Zahlen sind teils so unermesslich gross, dass die daraus entspringende Summe an Einzelschicksalen unmöglich nachvollziehbar, gar emotional fassbar ist.

Mein Besuch diese Tage in Petra hat mir persönlich aufgezeigt, wie schwer fassbar allein ein einziges Schicksal in dieser provisorischen (Un-)Sicherheit bleibt, auch wenn man dieses Schicksal doch besser als andere kennt.

Ich berichte deshalb im nächsten Artikel von DASSIN, einem Familienoberhaupt, den ich erhofft hatte, in Petra anzutreffen, weil ich von ihm wusste, dass es Yezide ist.

Nicht gerechnet habe ich aber mit dem Wiedersehen „meines kleinen Freunds aus Idomeni“. Hier nun mein sehr persönlicher Erfahrungsbericht.

Mein kleiner Freund aus Idomeni

Ich darf einem der ersten Schultage im Camp Petra beiwohnen, fotografiere mit Hingabe zeichnende Kinder (siehe „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“), bin gefesselt und fokussiert, auf einmal, als ich zwischendurch die Kamera am Arm runterhängen lasse, taucht vor mir neu, mit dem Rücken zu mir, ein Mädchen in mein Blickfeld. ‚Diese Haare kenn ich doch!‘, durchzuckt es mich. In Idomeni, vor vier Monaten, gab es unter den rund 5’000 Kindern nur ein Mädchen mit solch dunklen Haaren mit Goldlaub-Färbung drin.

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Ich muss sofort ihr Gesicht sehen. Tatsächlich!, sie ist es: DILVI! Sie mustert mich, ist noch etwas unsicher. Ich zeige ihr ein Foto von Idomeni, mit ihr, mit „meinem kleinen Freund“ DLOVAN und mir. Sie lächelt.

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Idomeni, 10.3.2016: Mit DILVI (rechts) und DLOVAN.

Was für eine Freude, sie wiederzusehen! Gleichzeitig denk ich an den kleinen DLOVAN: ‚Sie waren ja immer wieder einmal miteinander unterwegs.‘ Doch die zeichnende DILVI und ihr Bruder DIRHAM mit Schnuller lenken mich ab.

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DILVI (rechts) mit ihrem kleinen Bruder DIRHAM.
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Auch DIRHAM will aufs Bild. – Ein Nachtrag. SUSANA, eine Helferin in Idomeni im Frühling 2016 schreibt als Reaktion auf den Artikel: „Viele Male habe ich mich gefragt, was aus dem Mädchen … geworden ist. Ihr ‚erwachsener‘ Blick beeindruckt mich heute noch.“

Ich hätte es ahnen müssen. Vielleicht hätte der genauere Blick auf DIRHAMS Augenwimpern Aufklärung geschaffen. So vergingen noch ein paar Minuten, und dann stand er vor mir, „mein kleiner Freund aus Idomeni“: DLOVAN!

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DLOVAN im Camp Petra, 30. Juli 2016.

Und jetzt kapier ich erst: die drei sind Geschwister. Die Buben, vor allem DLOVAN, mit Augenwimpern, so lang, man könnte fast Weihnachtsschmuck dran hängen. Und wieder dieser verträumte Blick.

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Sofort funkt’s wieder zwischen DLOVAN und mir. Doch nun beginnt sein Schulunterricht. Beim Gedanken DLOVAN und Schule werden Schlussworte wach, die ich in einem Beitrag „Die Würde der Kinder, Frauen und Männer von Idomeni“ zum Buch „Zwischen Kommen und Gehen. Ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik“ schrieb, das diesen Oktober in Berlin erscheinen wird. In diesen Worten schweifte ich abschliessend gerade hin zu diesem Jungen, DLOVAN, mir vorstellend, dass er in Europa Fuss fasst, Orientierung, Bildung und Freiheit findet, und sich dort in die neue Gesellschaft einbringt, auch mit dem, das er in Idomeni gelernt hat. Und nun sitzt er vor mir! Mit einem neuen Schulheft und Stift ausgerüstet, wobei der Stift nicht so recht will – ich steck ihm meinen zu. Verrückt, gerade jetzt findet er hier, in Petra, in dieser Baracke, dank der „Borderfree Association“ wieder etwas Bildung. Das bewegt. Es erfüllt mich mit grosser Freude und Dank. Und ich spüre bereits, wie die letzten Monate und nun der Sprachunterricht Wirkung zeigen: DLOVAN kann inzwischen ein winzig klein Wenig Englisch. Auf einmal können wir uns unterhalten. In Idomeni, wo wir uns fast jeden Tag sahen, war vorerst nur ein „Hello, my friend“ möglich. Wir freundeten uns nur mit Blicken und Beisammensein an, fast ohne Worte. Und nun das: Er hilft mir über den restlichen Tag in Petra manchmal gar als Übersetzer aus. Bildung, Bildung, Bildung! Diese ermöglicht es offenbar auch, dass wir zwei uns noch näher kommen. Der kleine Bub weicht den ganzen Tag nicht mehr von meiner Seite. SALOME von „Borderfree“ meint: „Er wird ganz anhänglich. So süss.“ So festigt sich die Freundschaft unter den so Ungleichen.

In der Folge eine Fotostrecke über DLOVAN. Für DLOVAN. Und nicht nur für jene, die Kinder und Fotos von ihnen mögen, vielmehr für alle, die an Integration und gesellschaftliche Bereichung durch diese glauben.

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Lustvolles Händewaschen und dabei auf English bis 30 Zählen.

 

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Der Unterricht ist leider bereits wieder vorüber.
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Der Grund, dass im Camp Petra zunehmend Knaben und Männer – so auch DLOVAN – mit schnittigen Frisuren auffallen, liegt darin, dass es den Flüchtenden vor kurzem ermöglicht wurde, selbst einen Friseursalon zu eröffnen.
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Mit dem Griechen GIMI vom für Petra zuständigen Putz- und Ordnungsteam.
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Und mit PANAGIOTIS.

Die griechische Truppe sei nicht nur dank ihrer offenen und mitfühlenden Art ein Teil des Camps geworden, wie SALOME von „Borderfree“ berichtet, es sei auch augenfällig, wie oft sich der kleine DLOVAN bei ihnen aufhalte. Er würde die Nähe zu Männern suchen. Womöglich liegt es daran, dass er ohne Vater, nur mit Mutter und seinen Geschwistern vor dem Genozid der Terrormiliz IS geflohen ist. Ich spreche – auf Deutsch! – mit PANAGIOTIS, ein weiterer Grieche mit grossem Herz. Ich erzähle von DLOVANS und meiner Vorgeschichte. Alle drei Griechen freuen sich, über die Geschichte, am Buben. Zu meiner Freude ist DLOVAN nun auch ihr Freund geworden … und ihr Nutzfahrzeug zu DLOVANs.

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Byebye, my friend!
Ich weiss, Du warst traurig, beim Abschied.
Wir sehen uns wieder.

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PS.
Was geschieht mit DLOVAN, was mit DILVI und DIRHAM, was mit ihrer Mutter, was mit all den yezidischen Familien hier in Petra, was mit der Gesamtheit der 1’500 Yeziden in Petra, wenn die Zeit weiterhin verstreicht, wenn die europäischen Länder weiterhin keine Anstalten machen, diesen Menschen zu helfen, sodass der Winter aufzieht, und sie nochmals an einen anderen Ort in Griechenland verschoben werden müssen, wieder von vorne beginnen, ohne dass sich eine Perspektive öffnet, die Zuversicht, Optimismus und Selbstbestimmung ermöglicht?

 

 

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