HOFFNUNG FÜR DIE VERFOLGTEN YEZIDEN? Für DASSIN und seine Familie?

[Artikelfoto: DASSIN mit seinen beiden Söhnen im Camp Petra: AMÌR, das Energiebündel der Familie, und der quirlige RAMÌ (rechts). ]

Der dritte – nochmals sehr persönliche – Bericht vom Camp Petra bei Katerini, wo ein Grossteil der aktuell in Griechenland ausharrenden yezidischen Menschen auf der Flucht leben und auf eine baldige neue Zukunft in einem europäischen Land hoffen.

Unter den Yeziden, die über Monate im ‚wilden‘ Camp in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze festhingen und nicht mehr weiter konnten, weil die Balkan-Route von Österreich, danach wie Dominosteinen gleich von Ungarn, Slowenien, Kroatien, Serbien und eben Mazedonien geschlossen wurde, freundete ich mich bei meinem Idomeni-Aufenthalt im März 2016 mit dem kleinen DLOVAN (siehe „Für DLOVAN“) an, … und mit DASSIN. Erstmals getroffen habe ich ihn noch im Hafen von Piräus, auf der Zwischenstation zwischen den griechischen Inseln und dem Hoffnungsort Idomeni. Dort sahen wir uns häufig, mit jedem neuen Wiedersehen wurde unsere Bekanntschaft herzlicher und vertrauter, obwohl wir wegen der sprachlichen Barrieren nur wenige Worte austauschen konnten.

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März 2016: DASSIN im Camp Idomeni, umgeben von 15’000 anderen Flüchtenden.

So habe ich DASSIN im Kopf, als ich ins Camp Petra komme. Ich frage nach ihm, die Buben AIMEN und DLOVAN erkennen ihn, als ich ihnen obiges Foto zeige. DLOVAN führt mich. Auf dem Weg zu DASSINs Zelt bricht er ab, er erkennt einen Jungen, den auch ich kenne: RAMÌ, einer von DASSINs Söhnen. Welch Freude!

Die beiden Jungen führen mich zu einer Baumgruppe, unter welchen zwei Männer Siesta halten. ‚Ach, jetzt weck ich sie noch auf!‘ AMÌR, der andere Sohn von DASSIN, der sich auch zu uns gesellt hat, macht keine Anstalten, dass dies ein Problem sein könnte: Er weckt seinen Vater! Dieser, noch etwas schlaftrunken, kann seinen Augen nicht trauen. Wir umarmen uns.

DASSIN lädt TAMARA, die frisch angekommene Helferin von „Borderfree Association“ von VANJA Crnojevic, und mich in ihr Familienzelt ein. Dort leben nicht nur DASSIN mit seiner Gattin ZINA und den vier eigenen Kindern, sondern auch noch seine Schwester, deren Namen ich vergessen habe, und die drei Kinder eines seiner Brüder – AYAS, FAUAS und ALA –, der mit seiner Frau im Nordirak zurückgeblieben ist, und gegen die Mördermiliz IS kämpft. Denn der Genozid an den Yeziden, der in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2014 begann, ist noch nicht vorbei (!). Diese Familienmitglieder, die ich hier also besuche, sind nicht nur Kriegsflüchtende, sondern Überlebende eines barbarischen Genozids.

Vordergründig spürt man dies diesen Menschen nicht an. Doch gerade in diesen Tagen, im Gedenken an den Beginn dieses Völkermords, ist diese Geschichte, diese Last, diese weiter lebende Angst allgegenwärtig.

Doch im Moment ist die Freude über das Wiedersehen grösser: zufriedene, strahlende Gesichter, musternde Blicke.

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DASSIN im Camp Petra.
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ZINA, die Mutter der vier Kinder und DASSINs Gattin.
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RAMÌ.
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Das war RAMÌ im März 2016, in Idomeni, mit Schlammspritzern im Gesicht.
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DASSIN und RAMÌ mit dem wildesten in der Familie: AMÌR.
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Auch hier ein Rückblick: AMÌR mit Papa beim kurdischen Festakt „Nawroz“ im März 2016 in Idomeni.
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Wieder in Petra: Die anfangs scheue MÀRIA, die eine der beiden Töchter.

LARA, das zweite Töchterchen, sei seit längerem krank. Man bekomme sie einfach nicht gesund. ZINA und DASSIN sind besorgt, weil offenbar auch der medizinische Dienst im Camp nicht weiter weiss. LARA gesellt sich eine Zeitlang zu uns, ich mag sie in diesem Zustand nicht fotografieren, dann zieht sie sich auch zurück. Doch aus Idomeni habe ich ein Foto von ihr:

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Wir sprechen, so gut es eben geht bei mangelndem Englisch beziehungsweise Kurdisch, über die Zeit in Idomeni und über ihr offenes Schicksall hier in Petra. Abgesehen von LARA kann man in den Gesichtern der Familie lesen, dass es ihnen gut geht. Physisch. Wenn nur die Last der Angst nicht immer da wär: die Angst, in ihre Heimat zurückkehren zu müssen, was sie so gerne täten, wenn nicht diese Barbaren der Terrormiliz IS wären, die immer noch brandmarken und morden. Die Angst lebt solange, als dass man den Yeziden hier, allen 1’500 Seelen keine Information darüber gibt, wie es mit ihnen weitergehen soll. Diese Ungewissheit zehrt an ihrer Energie, an ihrer Zuversicht, dass es gut kommen wird. Schon vor vier, fünf Monaten, noch in Idomeni, war es nicht wirklich einzusehen, warum man diese in ihren Seelen, teilweise auch körperlich geschundenen Menschen keine echte Hilfe zukommen liess, ihnen eine Perspektive in Sicherheit vorenthielt. Ausbleibende Kommunikation, weil man wohl nichts zu kommunizieren hat: Ohne Wille zur Lösung gibt es keine Lösung, und das spüren DASSIN und die anderen Yeziden hier im Camp. Jetzt, in diesen Momenten, können wir fröhlich sein, ja lachen, doch die Stimmung im Camp ist und bleibt bedrückt. Die hier Festgehaltenen, auch die freiwilligen Hilfskräfte, ebenso die Besucher fragen sich alle: Wie lange soll das noch so gehen?

RAMÌ mit seinem so neugierigen Blick lenkt uns etwas von der Last der Frage ab:

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So schön das Sitzen im Schatten des selbst konstruierten Vorzelts ist, die Zeit läuft davon. Ich muss weiter zur Camp-Führung. Wir suchen SALOME von „Borderfree“, um uns von ihr noch mehr zeigen zu lassen. DASSIN und seine zwei Buben begleiten uns. SALOME treffen wir zusammen mit JÖRG und weiteren Helferinnen im Schatten einer Baumgruppe, mit Kindern am Musizieren und Singen.

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SALOME und JÖRG (beide Bildmitte) singen und klatschen in einer Gruppe von Kindern.

Doch dann ertönt aus der Nähe andere, laute, verstärkte Musik. Wie bereits im Artikel „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“ berichtet, probiert der yezidische Musiker SAMI die von „Borderfree“ organisierte Musikverstärkeranlage aus. Er hat ja den Plan, hier im Camp einen Musikworkshop anzubieten. So zieht es immer mehr Kinder und Jugendliche hin zu diesen Klängen aus SAMIs Maschine. Auch DASSIN, der SAMI offenbar gut kennt, ist dabei. Und wie! Die Musik schafft eine Perlenkette von Momenten der Leichtigkeit. Mittendrin mein Freund DASSIN.

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Dann der Tanz der beiden Männer.

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DASSIN und SAMI.

AMÌR gesellt sich ebenfalls zu den Tanzenden. Dann muss auch ich noch dazu, um den kurdischen Tanz zu versuchen. Es harzt etwas, aber mit der Freiheit, auf „Freestyle“ umzustellen, klappt’s besser. DASSIN strahlt, und lacht sein typisch heiseres Lachen.

Ja, die Musik, SAMIs positive Energie und Ausstrahlung fachen ein frohe Stimmung an. Nochmals intensive Momente totaler Unbeschwertheit.

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DASSIN mit seinem charakteristischen Zahnlückenlachen so ausgelassen und sorglos unter den jungen Männern und den Mädchen und Buben zu erleben, erfreut mich sehr. Denn ich erinnere mich auch an Momente in Idomeni, wo er nahe der Verzweiflung war. Oder dann stets besorgt, weil er nicht wusste, was nun kommt, was er machen soll. Junge Einzelgänger sind damals zunehmend aus Idomeni ausgebüchst, das konnte er als Oberhaupt einer 10-er Gruppe, worunter 7 kleine Kinder sind, nicht. Auch damals, als öffentlich wurde, dass der Grenzzaun zu Mazedonien westlich von Idomeni eine grosse Lücke aufwies und um die 2’000 Menschen sich in Bewegung setzten, um die Grenze zu überschreiten, traf ich auf dem Weg dorthin auch DASSIN an. Alleine. Ich fragte ihn, ob er es nicht auch versuche. Er schaute mich mit einem Gesichtsausdruck an, der sagte: Ich trau der Sache nicht. Dann sagte er es auch in Worten: Für ihn und seine Familie mit all den Kindern sei das zu riskant. Und so erlebte ich ihn all die Tage in Idomeni. Stets auf der Suche nach neuen Informationen, neugierig auf alles, was ihm neues Wissen bot – so wurde auch ich immer wieder ausgefragt –, doch immer sehr sorgfältig abwägend, was er seiner Familie zumuten kann. Und so wartet er auch hier, in Petra. Kein Risiko, das seine Familie einschliesslich der ihm verantworteten Kindern seines Bruders und seiner Schwägerinn im Irak gefährden könnte. So liefert er sich wie die anderen Yeziden hier im Camp Petra dem Willen beziehungsweise Unwillen der europäischen Staaten aus. Doch die widerstandsfähigste aller Kräfte hält: die Hoffnung.

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Mit der Hoffnung auf ein „Victory“ wollen alle für mich, für alle Blogbesucher posieren. Wie kann ich – der für Posen doch nicht empfänglich ist – da noch ablehnen? Mit AMÌR (ganz links unten), RAMÌ (in der Mitte der vordersten Reihe) und mit „meinem kleinen Freund“ DLOVAN (unten rechts), hinten SAMI und DASSIN.

Dies die Momente der Unbeschwertheit, am 2. August 2016. Am Folgetag ist der grosse Gedenktag (siehe für die Vorbereitungen dazu den Artikel „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“) angesagt.

Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit sind weg.

VANJA Crnojevic, Gründerin und Leiterin der „Borderfree Association“, schreibt auf Facebook: „Ich war etwas spät dran, wir waren im Krankenhaus und das hat gedauert. Angekommen im Camp höre ich Geschrei, weinende Menschen, man trägt in Ohnmacht gefallene Frauen weg. Die Gesichter unserer Volontäre sprechen Bände. Ratlosigkeit. Ein Arzt und eine Krankenschwester, unsere Krankenschwester Conny… Ich möchte helfen, weiss aber nicht wie. – Eine 22 jährige Frau liegt da, verkrampft. Szenen wie aus dem Krieg. Ihr ganzer Körper ist so stark verkrampft, dass der Arzt 15 Minuten lang versucht, ihr etwas in den Mund zu stopfen, damit sie ihre Zunge nicht verschluckt. Ihr Kiefer lässt sich nicht aufmachen. Dann Schaum aus ihrem Mund. Ich frage den Arzt, was sie hat. Vielleicht Epilepsie? Nein, es sei ein Schockzustand. Warum? Meine naive Frage finde ich selbst dumm, aber ich muss es wissen. Die Antwort lähmt. Sie musste zuschauen, wie man ihrem Bruder die Kehle durchgeschnitten hat. Ich möchte die Geschichte nicht zu Ende hören. Draussen wartet der Bruder von ihrem Mann. Er weint. Später gehe ich raus und finde ihn in der Embryo-Stellung am Boden. Ich setze mich zu ihm und sage ihm: ‚Alles wird gut, sie kommt wieder zu sich.‘ Er schaut mich an und sagt: ‚Bist du sicher?'“

 

*****

Das Spendekonto der „borderfree association“ von VANJA Crnojevic:
CHF Konto – IBAN: CH71 0900 0000 6159 3305 7
EUR Konto – IBAN: CH58 0900 0000 9155 0838 2
BIC: POFICHBEXXX
borderfree association, Zentralstrasse 156, CH-8003 Zürich

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “HOFFNUNG FÜR DIE VERFOLGTEN YEZIDEN? Für DASSIN und seine Familie?

  1. Lieber Thomas Held

    Über den AVU bin ich auf Deine Blogseite gestossen.
    Marco Peng war mein Freund, darum habe ich Deine Lebensstationen in Bruchstücken mitbekommen – ich würde sagen, Du bist zurück zu Deinen Wurzeln gekommen:
    Die Fotos sind sensationell, Dein Text ist sensationell,
    der Inhalt ist unerträglich, weil so nahe der Wahrheit.

    Was abgeht, ist einfach schlimm- und ich fühle mich beim Lesen Deines Blogs völlig hilflos.

    Andreas Kofmel, Friedensrichter von Uster

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    1. Lieber Andreas Kofmel.
      Danke fürs Kompliment.
      Einen Marco Peng kenn ich nicht. Vielleicht liegt eine klassische Verwechslung mit meinem Namensvetter vor. Drum schreibe/publiziere ich ja seit langem unter „Thom Held“. Am Inhalt ändert dies jedoch nichts. Danke.
      Gruss Thom Held

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