COMMUNITY BUILDING. – Wie die privaten Helfer um „schwizerchrüz.ch“ Massstäbe setzen.

[Artikelfoto: Kraft der Neugier und Durst nach Wissen. Auftakt zum Schulunterricht im Camp Frakapor, und die Kinder wollen nicht mehr weg.]

Mensch sein entsteht durch Gemeinschaft.
Und Gemeinschaft erhält Menschlichkeit.

Überall.
Auch in den griechischen Camps, wo Menschen auf der Flucht seit Monaten bleiben müssen, ohne dass sie wissen, ob und wann ihr Leben wie weitergeht.

Das Leben in den Camps ist ein Leben im Gefrierstadium, obwohl es im sommerlichen Griechenland bis 40 Grad Celsius heiss wird. Es geht hier ums Überdauern, bis das eigentliche und in diesem Falle neu aufgelegte Leben wieder weitergehen kann. Es ist ein Überdauern, das den Menschen die Möglichkeit verwehrt, sich zu entwickeln, sich in eine neue Gemeinschaft einbringen zu können, von der sie nicht einmal wissen, ob es diese jemals gibt und wo diese sein könnte.

Man überlebt zwar, weil die griechische Armee dafür sorgt, indem diese in den Camps neben einem Dach über dem Kopf noch fürs Catering durch Dritte besorgt ist, sowie für Wasseranschlüsse und Toiletten. Für weitere services sind sogenannte „focal points“ zuständig: im Camp Karamanlis ist es die „IOM“ (International Organisation for Migration), eine Art Agentur des UNO-Kommissariats für Flüchtlinge „UNHCR“, und im Camp Frakapor die Nichtregierungsorganisation „IMC“ (International Medical Care). Erstaunlicherweise sieht man Vertreter dieser grossen, vom UNHCR mandatierten und reichlich bestückten Partner nur zwischendurch in den Camps, obwohl es an vielen Ecken und Enden Einiges zu tun gäbe. Dies so anzutreffen, scheint etwas merkwürdig, ja anstössig. Doch es hat auch viel Gutes: denn ihre nicht-offiziellen Partner, die dank ihrer ‚Zurückhaltung‘ nicht nur die ganze Aufbauarbeit, sondern auch die Alltagsarbeit umso freier und besser verrichten können, sind Freiwilligen-Organisationen wie „schwizerschrüz.ch“ (englisch: „swisscross.help“) unter der Leitung von MICHAEL Räber oder VANJA Cernojevics private Organisation „Borderfree Association“, die sich um das Yeziden-Camp in Petra bei Katerini kümmert (siehe die drei Artikel „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“ + „Für Dlovan“ + „Hoffnung für die verfolgten Yeziden“).

Man stelle sich das Normal-Setting vor: Über Monate hinweg nur durchgefüttert und medizinisch aufrechterhalten zu werden, hat etwas Tierisch-Zoo-Artiges. Es zersetzt schleichend die menschliche Natur und jene Gemeinschaft, in der die Menschen (über)leben müssen. So wie das VANJA weiss, so ist sich dies auch MICHAEL bewusst: dem IT-Spezialisten, der vom Urlauber in Griechenland zum humanitären Helfer auf Lesbos, in Idomeni und nun in den Camps Karamanlis und Frakapor in Sindos bei Thessaloniki geworden ist. Seit nun bald einem Jahr leistet er und eine durch ihn, seine Familie und MitstreiterInnen mobilisierte Hundertschaft an Freiwilligen aus der Schweiz, Deutschland, Griechenland und von anderswo eine im Wortsinn „aussergewöhnliche“ Leistung: freiwillig, nur aus Privatspenden finanziert, unabhängig und … unablässig. MICHAEL wollte ursprünglich ’nur‘ in jene Lücken springen, die durch staatliche oder nichtstaatliche Organisationen nicht oder zuwenig übernommen werden (können). Was auf Lesbos und Idomeni noch aufging, war mit der Verlagerung aller Flüchtenden in Griechenland in offizielle Camps der griechischen Armee nicht mehr möglich. Zugang in die Camps, auch für Hilfskräfte, bekommt man nur mit einer Bewilligung. Freies, auch spontanes Agieren wurde schwierig. So wurde der Miliz-Kompaniekommandant der Schweizer Armee – als Privatperson agierend – zum Partner der griechischen Armee beziehungsweise der „focal point“-Verantwortlichen. Aus dem in die Lücke Springenden wurde ein Mit-Betreiber von Flüchtenden-Camps.

Doch wie schafft man eine andauernde Dienstleistung, die nur aus Freiwilligen besteht? Wie weit darf man aus „betrieblichen“ Gründen gehen, eine Art Professionalierung aufzubauen, wenn doch die „Mitarbeitenden“ ohne Lohn mitwirken und oft branchenfremd sind, und dabei in ihrer Zusammenstellung ständig wechseln? Schwierige Fragen. Andere Volunteers wollten diese Verantwortung, zudem noch in Abhängigkeit vom griechischen Militär mit ihren nicht-zivilen Befehlsstrukturen, nicht auf sich nehmen. Auch aus Selbstschutz. MICHAEL Räber wagte es, zusammen mit seinem Bruder SÄM und JASMIN Helbling, die seit der Räumung des wilden Camps in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze im Mai 2016 den „Betrieb“ im Camp KARAMANLIS aufbauten. Die drei haben dort mit Hilfe einer grossen Zahl an Volunteers einen Prozess des COMMUNITY BUILDINGS angestossen. Als dies im Juli 2016 zu funktionieren begann, beschloss MICHAEL, diese Erfahrungen auch aufs Camp FRAKAPOR zu übertragen. Lange Zeit wurde er deswegen bedrängt: ‚Frakapor braucht Euch!‘ Andere, auch seine ‚Betriebsleiter‘ von Karamanlis warnten ihn davor. Wird es nicht zuviel? Müssen für diesen Effort in Karamanlis Abstriche gemacht werden? Oder anders formuliert: Soll man Karamanlis mit seinen 580 „Mitbewohnern“ zum Vorzeige-Camp formen, während andere Camps mit all den anderen tausend Schutz- und Betreuungsbedürftigen nicht von dessen Erfahrungen profitieren? Komplexe Fragen, worauf es keine einfachen Antworten gibt. Im Juli 2016 jedenfalls begann dann doch der Aufbau beschränkter Dienste im Camp Frakapor. Und dann sprach sich herum, was in Karamanlis und in Frakapor am Entstehen ist. Das UNHCR wurde nun aufmerksam. Ende Juli meinte ein UNHCR-Vertreter, der sich das Camp und die Dienste von „schwizerchrüz.ch“ genauer anschaute, es gehöre zu den zwei besten Camp-Settings, die er bislang gesehen habe: eines in Donetzk und … Karamanlis.

LORENZ Nufer – auf Recherchereise für ein Theaterstück und einem parallelen Filmprojekt von Anna Thommen und ihm –, MICHAEL und ich schauten uns verdutzt an, als wir dies hörten. Alle fragten wir uns Dasselbe: Wie kann das sein, dass ein zweifellos begabter Improvisator – zusammen mit der geballten Kreativkraft und dem Umsetzungswillen freiwilliger Helfer – „als Amateure“ (MICHAEL) innert zwei Monaten etwas zu entwerfen und umzusetzen schafft, was eine seit Jahrzehnten bestehende Banche offenbar nicht zu leisten vermag, gemäss Aussage des UNHCR-Vertreters? Wir staunen. Später diskutieren LORENZ und ich weiter: Wie kann das sein? Die UNO hat diese Wochen publiziert: 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Tausende Camps gibt es. Nicht erst seit gestern. Wenn das tatsächlich so sein sollte, dass die Improvisationen von „schwizerchrüz.ch“ Aufsehen erregen, dann gibt es aber zuhauf Ausbildungsbedarf der gut alimentierten NGOs wie IOM, IMC und wie sie alle heissen! Die UNHCR-Regularien hätten dann wohl auch Reformbedarf. Denn Projekte wie in Karamanlis darf deren Vertreter nicht unterstützen, auch wenn er es möchte, weil sie – bislang – nicht zu  den UNHCR-Konzepten passen. Und vor allem diskutieren wir auch: Wie kann dieser „Ultimativ-Konkret-Ansatz“ von Leuten wie MICHAEL Räber und anderen Freiwilligen-Organisationen, die aus der Notwendigkeit des Moments etwas Neuartiges aus dem Boden stampfen, für Dritte nutzbar gemacht werden? Fragen, die es erst noch zu beantworten gilt.

In der Folge nun jedoch eine Schilderung des von „schwizerchrüz.ch“ Aufgebauten bezüglich des „Community Buildings“. Doch zuerst – hauptsächlich in Fotos – mehr zur Lebenssituation in den Camps Karamanlis und Frakapor und den Menschen dort. Situationen, wie sie die griechische Armee aufbauen musste und in welche die Freiwiligen-Organisation „schwizerchrüz.ch“ technisch nur soweit eingriff bzw. nach Absprache eingreifen durfte, dass die Verhältnisse bezüglich Wasser, Hygiene, Strom für die Flüchtenden überhaupt erträglich wurden. Die eigentliche Investition erfolgte dann in die soziale Infrastruktur (siehe dazu übernächstes Kapitel).

(Nebenbei erwähnt: Das Fotografieren ist in allen Camps untersagt. Das Motto, um doch dem Öffentlichkeitsprinzip nachkommen zu können, heisst also: Sich nicht erwischen lassen.)

Die Camps Karamanlis und Frakapor, mit ihren ‚Bewohnern‘

Karamanlis und Frakapor liegen innerhalb der Gemeinde Sìndos, zugehörig zur Agglomeration Thessaloniki. Viele Industriehallen stehen hier schon seit Jahren leer. Die wirtschaftliche Krise in Griechenland fand schon in den Jahren 2005 und 2006 statt, ohne dass sich ein Ende abzeichnet. Für die griechische Armee, die mit dem Aufbau und Betrieb von Flüchtenden-Camps mandatiert wurde, war es naheliegend, in diesen verlassenen Strukturen die Camps zu schaffen. So wurden auch in leeren Hallen in der ehemaligen Gerberei (!) UNHCR-Zelte installiert: das Camp Karamanlis entstand.

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Die vier Hallen von Karamanlis, in denen 586 Menschen – mehrheitlich Syrer – untergebracht sind: die Hälfte war vorher im ‚wilden‘ Camp in Idomeni, die andere Hälfte war in Katerini.
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Der Schotterweg führt zu einer blauen Lagerhalle, die „schwizerchrüz.ch“ zu Teilen angemietet hat, um überhaupt Platz zu haben für weitere Dienste zugunsten der Flüchtenden: diese annähernd 100-Meter-Infrastruktur wird „Blue Whale“ genannt.

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Ausblick aus dem „Blue Whale“ in die Leere des angrenzenden Schilflands. Diese grosse, mit Spendengeldern gemietete Halle ermöglicht nicht nur die Unterbringung verschiedenster Angebote für die Flüchtenden, sondern hat auch den Vorteil für „schwizerchrüz.ch“, dass der „Blue Whale“ ihr Territorium ist beziehungsweise jenes der Flüchtenden: keine militärischen Befehlsstrukturen, freie Handhabe, Raum für freieres soziales Leben.

Das Wasser war schlecht, ja verseucht, aufgrund der Vergangenheit der offiziellen Gebäude, die als Lederfabrik dienten. „schwizerchrüz.ch“ hat dafür gesorgt, dass man getrennte saubere Zuleitungen für Brauchwasser und eine Wasserleitung mit Trinkwasserqualität bekam, damit man künftig kein Wasser in Flaschen herankarren muss.

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Karamanlis: Die stolze Tellerwäscherin, die sich selbst etwas kühlendes Nass gönnte.
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Karamanlis: Leben in den Hallen.

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Erst auf Einwirken von „schwizerchrüz.ch“ bekamen die Bewohner ausreichend Zugang zu Strom: für Licht, für Kochplatten, vor allem auch fürs Handy-Aufladen, …

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Als ich sein markantes Gesicht sah, sagte ich spontan: „I know you! From Idomeni.“
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Und ich kenne SIE!
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Solche Blicke vergisst man nicht mehr. Es war in Idomeni: fotografiert im März 2016, beim Freiluftfriseur.
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Zurück zu Karamanlis: LORENZ und sie freunden sich rasch an. Sie üben sich in Percussion mit der Bratpfanne.

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Ich wollte eigentlich nicht. Er wollte aber unbedingt fotografiert werden: Superman mit dem melancholischen Blick.
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LORENZ und ein anderes Mädchen filmen uns: mich und die Fotografin, denn dieses Foto stammt nicht von mir, sondern von ihr …
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Die Fotografin!
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Karamanlis: Ausserhalb der Hallen.
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Ansturm der Kinder! LORENZ als Teil eines Multipacks.
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Auch ich werde bestürmt: Festgehalten von einem anderen Kind, das den Auslöser drückt.

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Der Sprung hin zu Frakapor: Ein Camp für 560 Flüchtende. Ein Teil davon muss sich mit Zelten auf dem (heissen) Asphalt im Freien begnügen.
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Die Meisten sind in den Hallen untergebracht.

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Frakapor: Die Waschstation vor den Hallen.

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Zurück in den Hallen von Frakapor.
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In der linken Reihe leben fünf kurdische Familien aus Nord-Syrien, die sich gemeinsam auf der Flucht befinden.
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Der Ingenieur für Textilien, aber auch im früheren Leben als Uhrenflicker tätig, erzählt beim Kaffee, zu dem wir eingeladen wurden, dass sie im Verbund der fünf Familie vier Monate in Idomeni an der geschlossenen Grenze zu Mazedonien ausharrten, und nun seien sie seit zwei Monaten in Frakapor.
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FIDAN kommt später dazu: Denn sie hat gerade in der von „schwizerchrüz.ch“ neu eingerichteten Schule ausgeholfen (dazu weiter unten mehr).
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Zum Familienverbund zählt auch die Grossmutter. – In vielen anderen Familien blieb die Seniorengeneration im Kriegsgebiet zurück, während sich die Mütter und Väter, selbst bedroht, aber auch wegen der Kinder auf die Flucht wagten.

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Wie überall auf der Welt: Ist Besuch da, werden viele Kinder übermütig. So auch er: Zeltstangenklettern muss vorgeführt werden.
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Oben angekommen.
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In der neuen Sportart gibt es noch Andere, Geübtere.
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Eintopf.

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Community Building

Der Ansatz des „Community Buildings“ ist grundsätzlich einfach: Nicht für Flüchtende arbeiten, sondern MIT IHNEN. Nicht mit aufgesetzter humanitärer Geste, sondern möglichst als Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Oft ist es in humanitären Kreisen etwas anders: Schnell schleicht sich Betriebsblindheit ein, schnell übernimmt eine industrielle Bewirtschaftung, gar Bevormundung das Zepter. Um aber den Menschen ins Zentrum zu stellen, geht man bei „schwizerchrüz.ch“ in einem ersten Schritt von Zelt zu Zelt, um schrittweise persönliche Beziehungen aufzubauen, und fragt nach: „Woher kommt ihr? Wohin wollt ihr? Welche spezifischen Probleme plagen euch? Was könnt ihr?“ Alles wird dokumentiert, und entsprechend der Antwort auf die letzte Frage weiss man dann auch, welche Talente in einem Camp zusammenkommen. Talente, die es für die temporäre Camp-Gemeinschaft zu nutzen gilt. Gleichzeitig bieten sich einzelnen, teils sehr unterforderten Individuen wieder Möglichkeiten der Entfaltung und der Befriedigung.

Am Anfang waren die Handwerker, der Zimmermann sehr wichtig, um die vorhandene Infrastruktur zu verbessern, und für die Schule etc. neue aufzubauen. So entstand auch die „Boutique“ für Schuhe und Kleider, die von den Flüchtenden selbst betrieben wird.

Als ich zum ersten Mal ins Camp Karamanlis kam, wurden wir von TAHA, dem syrischen Übersetzer in Diensten von „schwizerchrüz.ch“, durchs Camp geführt.

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Schnell finden wir uns in einer Deutschstunde von JUTTA für Erwachsene wieder: Wer diese hier besucht, träumt nicht nur, nach Deutschland zu kommen, sondern hat offenbar einen Plan im Kopf, wie der Unternehmer rechts im Bild. Er will die Zeit nutzen, um dann parat zu sein.

Am nächsten Zelt angekommen, es wird gezeichnet, springt mich ein Mädchen, SHAWA, mit einem riesigen Lächeln im Gesicht an. Ja, genau so kenne ich sie! Auch sie traf ich in Idomeni. Ich erinnere mich ganz genau an den Moment, der uns zusammenbrachte. Anlässlich einer Demonstration zur Öffnung der Grenze zu Mazedonien war auch sie unter den hunderten Menschen am Bahnübergang, dem politischen Dreh- und Angelpunkt von Idomeni. Ich bemerke SHAWA, beinahe etwas erdrückt in der sitzenden Masse, zusammen mit zwei noch kleineren Kindern. Wir mustern uns, lächeln uns an. Da löst sich die Demonstration auf, bevor sie abhuscht, reiche ich ihr aus meiner Jackentasche nicht nur ein, sondern für alle Drei ein Lollipop. Ihr Lächeln, ihren herzlich dankenden Blick hab ich bis heute im Kopf. Nun steht sie wieder vor mir und lächelt mich auf ihre unnachahmliche Art wieder an.

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SHAWA

Und will mir nun alles zeigen.

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Auch ihr Familienzelt will sie mir vorführen.
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TAHA drängt auf Fortsetzung der Führung. SHAWA drängt drauf, in ihr Zelt zu kommen. Wir wissen, da kommt man so schnell nicht wieder raus. Aber wenigstens ein spendiertes Glas Wasser aus der Tasse muss schon sein!

Ich muss mich also loslösen, solange uns TAHA weiter zur Verfügung steht, das Lager zu besichtigen, unterfüttert mit seinen kompetenten Kommentaren, begleitet von seinem herrlich authentischen Lachen. – In der Zwischenzeit hat er mit seiner Familie einen Weg gefunden, in die Schweiz zu gelangen und dort Asyl zu beantragen.

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TAHA, der Übersetzer.

So kommen wir auch zum „Blue Whale“, in dem neben einem „Warehouse“ sonst mehrere andere Einrichtungen aufgebaut wurden. Zentraler Ort ist der „Karamanlis Shop“.

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JASMIN Helbling und MICHAEL Räber erklären, wie der „Karamanlis Shop“ funktioniert.

Da das Essen im Camp gelinde gesagt „unlecker“ aussieht, und auch so schmecken soll, und über Monate verabreicht, zu Mangelernährung führen würde – Eisenmangel ist beispielsweise ein Problem –, hat „schwizerchrüz.ch“ eine Zusatzernährungseinrichtung geschaffen. Der lokale Caterer liess durchaus mit sich reden, das Essen etwas anzupassen. Doch dann kam ein neuer Kommandant im Generalstab und bemerkte, dass „nicht nach Befehl gekocht“ wurde, und die Produktion von unappetitlichem ‚Essensmatsch‘ war wieder eingeführt. Von da an erst recht verabreicht die Freiwilligenorganisation weitere, bedürfnisgerechte Lebensmittel, nicht gekocht, sondern zum selber Zubereiten: täglich Gemüse und Früchte, dazu bekommt man Salz, Öl, Eier, Reis, im weiteren auch Hygieneartikel etc. Es wird jedoch nicht einfach verteilt, sondern jede Familie, abhängig von der Grösse, und jeder Einzelflüchtende bekommt pro Tag eine gewisse Anzahl Punkte zugesprochen. Und jedes Produkt hat seinen eigenen „Punkte-Preis“. Entsprechend dieser Punkte darf man ‚einkaufen‘. Sind die Punkte verbraucht, muss man auf eine neue Zuteilung warten. Wenn man nichts oder nicht alle Punkte benötigt, kann man die Punkte an anderen Tagen einlösen. So entsteht eine Art Guthabenwährung. Total simpel, aber es funktioniert prächtig. Und seitdem geht’s im Camp jeden Tag, zu den Öffnungszeiten, zum Shopping. Ein Teil der angestrebten Aktivierung der Menschen, einschliesslich einem Minimum an Selbstbestimmung wurde dadurch möglich.

Für perfekte Zwischenverpflegungen, für jene, die es vermögen und die Volunteers gibt’s auch einen Falafel-Stand. Frisch zubereitet, toll schmeckend.

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Der Falafel-Stand. Sowohl das Dankeschön als auch das das Einkassieren machen den Verantwortlichen bereits zufrieden, das Kompliment stolz.

Wer einen Kaffee braucht, geht zu METHAQ: Er führt den Coffee Shop. Er stammt aus dem Irak, war dort Polizeikommandant – er zeigt stolz Fotos von ihm in Uniform –, wurde durch eine Autobombe verletzt – wieder will er’s zeigen, alle seine Narben am ganzen Körper –, und erzählt von seiner Familie, seinem Töchterchen, dem die Kehle durchgeschnitten wurde …und wieder ein Foto, auch davon. Unerträglich. Doch die Menschen, die solch Schreckliches erlebt haben, wollen es anderen Menschen, so fremd sie diesen auch sind, zeigen. Teil der Verarbeitung. Aus dem eher fröhlichen Moment wird auf einen Schlag ein beklemmender. Daraufhin spendiert mir METHAQ einen Becher eiskalten Wassers: heiss ist’s, auch hierdrin im „Blue Whale“.

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METHAQ, während einer Besprechung von MICHAEL Räber mit einem Vertreter des UNHCR im „Karamanlis Coffee Shop“.
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Ein seltsamer Anblick, wenn man bedenkt, dass METHAQ (links) ehemaliger Polizeikommandant im Irak war, und GADAN General in der syrischen Armee. Vereint im Flüchtenden-Camp in Griechenland.

Wie in Idomeni, wie im Camp Petra so ist auch hier der Friseur wichtig. „Barber Shop“!

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Der Coiffeur.
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Gerade ist sein Sohn Kunde: noch etwas skeptisch.

Und da es einen professionellen Näher im Camp gibt, gibt’s auch ein Nähstudio: „Tailor-Shop“.

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Der Profi ABRAHNEH, mit der einfachen Nähmaschine. Doch sie reicht für die kaputte Hose von LORENZ Nufer. Dieser meint: „Perfekt. Besser als im Nähstudio in Basel.“
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Das Nähstudio hat auch Mitarbeitende.
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… und Mitarbeiterinnen. Sie präsentiert uns das gerade Geflickte bzw. neu Genähte.

Um die Frauen aus den Hallen und Zelten zu locken, wurde ein „Women Space“ eingerichtet. Genauso wie ein betreuter „Kids Space“ und eine neue „Kinder Bibliothek“.

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So wie es weltweit überall aussieht: Platz fürs Einordnen, aber auch für Eigendynamik.

Vom „Kids Space“ hab ich auch meinen persönlichen Lieblingsmoment im Camp Karamanlis mitgenommen: Ein wunderbarer Moment. Einer, der auch als das perfekte Kompliment für das Team von „schwizerchrüz.ch“ aufgefasst werden kann:

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Ein Moment unbeschwerten Lernens und Spielens. – Was für ein freudiger Anblick, wenn man weiss, was für schicksalhafte Erlebnisse diese Kinder hinter sich haben.

Ein Hinweis: Wer spenden möchte – MICHAEL und sein Team benötigen in Karamanlis 3 EURO pro Person und Tag, in Frakapor etwa die Hälfte. Jeden Tag! – siehe die Angaben zum Spendenkonto am Schluss des Artikels.

Dem Camp Frakapor kommt nun Ähnliches zugute wie dem Camp Karamanlis, jedoch in reduzierter Form. Doch zuerst musste die Beseitigung von Tonnen von Abfall organisiert und durchgeführt werden. Dieser eigentlich in der Pflicht der griechischen Behörden liegende Abfall plus die benachbarte Fabrik für Bioabfälle führten dazu, dass Frakapor von Millionen von Fliegen ‚verseucht‘ war. Nachdem „schwizerchrüz“ kurzum Abhilfe schaffte, konnte man sich auf die eigentliche Rolle fokussieren: Auf der Basis der Gespräche mit den Flüchtenden wird nun auch dort COMMUNITY BUILDING ‚betrieben‘. Der „Frakapor Shop“ ist vergleichbar zu Karamanlis gut angelaufen. Daneben nimmt die aufgrund der begrenzten Möglichkeiten bescheidene Form von Schule bereits einen zentralen Platz im Camp-Leben ein.

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Der Auftakt des „Kalimera Cultural Centers“ zeigt sowohl einen Stundenplan ….
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… als auch Lehrpersonal wie FARED, dem Mathematik-Lehrer.
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28. Juli 2016: Auftakt zur Schule in Frakapor. Nach dem begeisterten Stürmen des Schulraums durch die Kinder, ursprünglich wollte man nur den Auftakt feiern, musste sofort der Unterricht mit Mathematik und Englisch beginnen. Der Wissensdurst war und ist riesig.
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Als ob es nie etwas Anderes gegeben hätte.
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Was für ein Hochgefühl, diese – von Krieg, Terror und Flucht versehrten – Kinder im Unterricht mitmachen zu sehen!

MICHAEL Räber schreibt am 10. August 2016 über die Sozialen Medien zur Frakapor-Schule: „Wir haben den Unterrichtsbetrieb vor gut zwei Wochen aufgenommen. Wir unterrichten etwas mehr als 200 Kinder, zur Zeit mit einer Lektion pro Tag. Wir würden gerne einen weiteren Klassenraum schaffen um die Lektionen zu verdoppeln. – Im „schwizerchrüz Cultural Center“ im Camp Karamanlis, Sindos, werden mehr als 200 Kinder bereits heute mit 2 Lektionen pro Tag beschult. Unser erklärtes Ziel ist es, 4 Lektionen pro Tag und Kind anzubieten und die Bildungsangebote für Erwachsene massiv auszuweiten. – Die Menschen in den Camps haben zur Zeit keine Perspektive. Sie haben keine Ahnung, wie lange sie warten müssen, bis sie einen ersten Schritt in eine neue Zukunft machen können. Lernen ist der einzige Lichtblick in dieser traurigen Situation. Gibt es eine bessere Möglichkeit, in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren? Helft uns zu lehren und zu lernen!“ (Siehe Spendenkonto am Schluss des Artikels.)

***

Zum Schluss eine persönliche Würdigung dessen, was „schwizerchrüz.ch“ seit bald einem Jahr vollbringt, und seit Mai nun in neuer Form auch im Camp Karamananlis sowie seit Juli im Camp Frakapor bei Thessaloniki:
Liebe Schwizerchrüzler, speziell JASMIN, SÄM und MICHAEL als den in den letzten Monaten Verantwortlichen: ICH VERNEIGE MICH VOR EUCH. CHAPEAU!

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JASMIN Helbling, seit Januar bis Ende Juli 2016 bei „schwizerschrüz.ch“, die längste Zeit davon sieben lange (!) Tage die Woche im Einsatz, zuerst im aufwühlenden Camp in Idomeni, danach im ‚Militär-Camp‘ Karamanlis. Im Netz wird sie von Flüchtenden auch als die „Queen of Humanity“ bezeichnet.
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Samuel „SÄM“ Räber, MICHAELS jüngerer Bruder. Er trug bereits im Dezember auf Lesbos bewusstlose Bootsflüchtende ans sichere Ufer. Später schmiss er seinen Job als Barkeeper und wurde zuerst zum „schwizerchrüz“-Verantwortlichen auf Lesbos, dann rief Idomeni auch ihn, worauf die Betriebsführung vom Camp Karamanlis zusammen mit JASMIN folgte. Sie hätten sich perfekt ergänzt, erzählt er.
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Der „Maestro“, ein Humanist, Stratege, Improvisator, Macher und selbsternannter „Effienzienzfreak“ in Einem: MICHAEL „Michu, Michi, Mike, Mik“ Räber. Seit August/September 2015 ohne Lohn in Griechenland und der Schweiz für sein rein privates und ausschliesslich aus Privatspenden finanziertes  Projekt „schwizerchrüz.ch“ tätig.

***

Angaben zum Spendenkonto:

Migrosbank 8010 Zürich Mülligen
IBAN CH11 0840 1000 0592 3559 4
Auf den Namen: Rahel Räber, Effingerstr. 17, 3629 Kiesen, Schweiz.
(BIC/SWIFT MIGRCHZZXXX, ClearingNr/Bankleitzahl 8401)

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “COMMUNITY BUILDING. – Wie die privaten Helfer um „schwizerchrüz.ch“ Massstäbe setzen.

  1. Ich habe den sehr informativen bericht aufmerksam gelesen .freue mich über die fortentwicklung von swisscross seit jan/feb 16wo ich 3 wochen auf lesbos mit dabei war als alberto luludia. Ich war seither vorort mit projekten gebunden. Dieser bericht motiviert mich im laufe des 2. Halbjahres 16 euch wieder vor ort zu unterstützen. Lg albert scheible aus alemania

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  2. Einmal mehr ein eindrücklicher Bericht mit berührenden Bildern, Danke. Ich bin nach all dem was ich über das Camp Karamanlis gehört und gelesen habe, auch überzeugt, dass es ein Vorzeigecamp ist. Ich wünschte mir, dass es noch viele Michael Räber und schwizerchrüz-Helfer geben würde! Noch sehr viele Lager sind nicht menschgerecht, menschenwürdig. Ginge es um einen Zoo, hätte der Tierschutz eingegriffen. Ich bin auch froh, Thom Held, dass du die grossen Organisationen erwähnst. Seit unserem ersten Einsatz im Dezember 2015 sind wir ernüchtert. UNHCR ist eine schöne Statistik-Fabrik geworden: ich finde die statistische Aufbereitung der Flüchtlingszahlen jeweils eindrücklich, aber das ist für mich nicht Flüchtlingshilfe. Es darf doch auch nicht sein, dass man (=UNHCR) Container aufstellt, diese dann abschliesst und alles ins Leere laufen lässt.

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  3. Lieber Thom Held, ganz herzlichen Dank für deine inhaltlich wie emotional immer wieder ergreifende Berichterstattung gegen das Verdrängen und Vergessen! Tolle Fotos, wunderbar emphatische Worte! Ich teile gerne, überweise erneut einen kleinen Beitrag und ergänze noch die Überweisungsmöglichkeit per PayPal direkt an Michael Räber: michael.raeber@gmail.com

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  4. Lieber Thom
    So wie Jasmin unter den Flüchtenden als „Queen of Humanity“ bezeichnet wird, bezeichne ich dich als „our eye for humanity“! Herzlichen Dank für deine Berichte in Wort und Bild welche das Nachdenken über die unsägliche Katastrophe wach halten, ein Nachdenken das in unserem Dasein leider viel zu oft einschlummert und blind macht. Mich hast du mit deinen Berichten aus dem Sommerschlaf wach gerüttelt und ich werde morgen versuchen, in meinem Umfeld das Nachdenken und noch wichtiger das Spenden-handeln anzuregen!
    Herzliche Grüsse an dich, an die freiwilligen Helfer und an alle Flüchtenden
    Jan

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  5. Lieber Thom Held, ganz herzlichen Dank für deine inhaltlich wie emotional immer wieder ergreifende Berichterstattung gegen das Verdrängen und Vergessen! Tolle Fotos, wunderbar empathische Worte! Ich teile gerne, überweise erneut einen kleinen Beitrag und ergänze noch die Überweisungsmöglichkeit per PayPal direkt an Michael Räber: michael.raeber@gmail.com

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