DER SUPERGRIECHE.

[Artikelfoto: NIKOS Sergakis, der Prototyp eines Griechen, den man vorerst eher unterschätzt, bis man merkt, dass man ihn nicht nur mag, sondern liebt und mit ihm auch noch jenen Typus, den er nicht spielt, sondern einfach ist: den Typus des „Supergriechen“.]

Das Thema „Menschen auf der Flucht“, das spätestens 2015 und 2016 mit aller Kraft und Unwägbarkeit über Europa hereinbrach, ist komplex. Allein die Gründe dafür, alles in der Heimat zurückzulassen und zu fliehen – vor dem Krieg, vor dem Staatsterror, vor dem Terror fundamentalistischer Barbaren, später vor einem jahrelangen, gar lebenslangen (?) Überleben in einem Flüchtlingscamp im Libanon oder dem Nordirak ohne Perspektive – ist so ungemein komplex. Diesen Themenkomplex wenigstens einigermassen verstehen zu können, unvoreingenommen und differenziert, das ist Arbeit: anstrengend, und lohnend.

Dabei hilft nur genaues Hinsehen, Hinhören, sich in andere Biografien und Lebenssituationen eindenken zu wollen, so fern diese auch auf einen wirken. In einer Zeit, in der immer mehr Tendenzen zum „postfaktischen Zeitalter“ aufschäumen – Tendenzen, wo sauberen und unabhängig erhobenen Fakten nicht nur misstrauisch begegnet wird, sondern zugunsten des eigenen „Urteils“, „Glaubens“, selbstgezimmerten „Wissens“ einfach so zur Seite geschoben werden –, in dieser Zeit lernt man, wie sehr der WILLE FÜR AUFKLÄRUNG zentral wird für das gesellschaftliche Morgen, nicht nur in Europa.

Wer genauer hinschaut und hinhört, stellt bald einmal fest, wie sehr man dabei im Eilzugtempo AM LERNEN ist.

Man lernt von den Situationen, wie etwa dann, wenn ein Boot mit Menschen auf der Flucht am Ufer ankommt und man plötzlich vor jener Situation steht: „die Flüchtenden und ich“: konkret, ohne Ausweg, ohne Ausrede.

Man lernt von Ereignissen, die man auf europäischem Boden nicht für möglich hielt, wie in diesem Frühjahr 2016, als die „Balkan-Route“ zuging und an die 14’000 Menschen auf der Flucht im Dreck von Idomeni festhingen, und einfach keine staatliche Soforthilfe erfolgte: weder aus Griechenland, noch aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Schweden etc. Dass es sich dabei – die humanitäre Katastrophe vor Augen – um ein Nichts mit Kalkül handelte, musste man zuerst begreifen und widerwillig ins „Lernkästchen“ aufnehmen.

Lernen kann man vor allem von Menschen, von Individuen wie auch Menschen, die im Kollektiv agieren:

Von Menschen beispielsweise, die sich aus divers ausgeprägtem, humanistischem Antrieb auf einmal an den Brennpunkten des europäischen Dramas der Flüchtenden wiederfanden, und sich spontan, auf Zeit, aber sehr konkret zu „Transatlantischen Unionen von Freiwilligen“ zusammenschlossen. Dabei bleibe auch nicht unerwähnt, dass es eine Zeit lang auch fast so etwas wie „cool“ wurde, als Helfer in Griechenland zu weilen. Dieser „Volunteer-Tourismus“, wie er in Lesbos auch zu finden war, ist längst verflacht.

Wer an den Brennpunkten etwas zu tun sich anschickte und dabei in Kontakt mit den Menschen auf der Flucht kam, konnte vor allem von ihnen, den Menschen in Not lernen. Von ihrer Kraft nicht aufzugeben, von ihrem Willen, ihre eigene Würde nicht verlieren zu wollen, so hoffnungslos und elend die Situation gerade auch ist. Europa kann noch heute vom vergangenen „elendiglich-wunderbaren Idomeni“, wie ich es auch schon genannt habe, lernen: von der Schönheit, die man auch noch im grössten Elend finden kann, dank dieser Menschen auf der Flucht („Die Hand reichen. Idomeni ist auch ein Ort des Lernens.“) Am Lernen von dieser Schönheit, die man auch im bewusst geduldeten Elend nicht untergehen sah, sollte uns viel liegen. – Ich werde es nie mehr vergessen, und hoffe, ich werde auch nie vergessen, immer wieder davon zu berichten.

LERNEN VOM SCHÖNEN IM MENSCHEN. Wenn ich diese Worte selbst, ohne den vorangehenden Kontext lesen würde, hätt ich da meine Vorbehalte. Es würde fast etwas esoterisch klingen. Mit dem Kontext bekommen diese Worte jedoch eine politische Grösse: Wer sich darauf einlässt, kann dieses Schöne in der Haltung und im Sein anderer übersetzen, umformulieren zu neuen Formeln, die womöglich auch in Entscheide politischer Schönheit münden.

Geht es ums „Lernen vom Schönen im Menschen“, kommt man in Griechenland nicht um die Griechinnen und Griechen herum. Jede(r), die/der in Griechenland nah genug an die Menschen auf der Flucht geht, kommt auch den Griechinnen und Griechen nah. Viele haben schon die Erfahrung gemacht, dass die Griechen in Bezug zu den Menschen auf der Flucht (extrem) viel weniger selbstbezogen sprechen und handeln als es ausserhalb Griechenlands feststellbar ist. In Griechenland, so scheint es, ist so etwas wie eine ‚unverdorbenere‘ Form von Mitgefühl erhalten geblieben. Sprach und spricht man über die Menschen auf der Flucht, fühlen viele, erstaunliche viele Griechinnen und Griechen zuerst mit den Anderen in Not mit. Die Seufzer, dass ausgerechnet sie mit ihrer eigenen politischen und wirtschaftlichen Krise von den Tausenden Menschen auf der Flucht sosehr betroffen sind, und die Suppe für Europa auslöffeln sollen, kommen dann schon auch, aber später, und auch dann dominiert nicht diese sonst so dominierende Selbstbezogenheit.

Diesen „greek style of humanity“ gilt es deshalb in der heutigen Debatte zur europäischen Krise im Umgang mit Flüchtenden – nicht etwa „Flüchtlingskrise“ – immer wieder in Erinnerung zu rufen. Auch wenn die griechische Regierung, die ihr zugeteilte Verwaltung und auch die Armee, die im Widerspruch zu ihren eigentlichen Kompetenzen auf einmal Flüchtende-Camps aufbauen und bewirtschaften muss, nicht die beste Falle machen: das ist die andere Seite der griechischen Medaille. Doch dies mag das Mitfühlen und entsprechende Handeln, das in der griechischen Bevölkerung immer noch – wie lange noch? – vorhanden ist, nicht verdrängen.

Ich schrieb über jenes Griechenland im März 2016: „Deine Entspanntheit und Würde ist ein Geschenk an Europa“, am 4. April 2016 bekannte ich: „Verliebt in die Griechen – Und danke für die Lektion.“ In anderen Blog-Artikeln kam ich ebenso nicht drum herum, immer wieder einmal vom konkreten, griechisch-humanistischen Stil zu berichten.

Und an dieser Stelle soll nun noch die Stufe eines einzelnen Individuums herausgegriffen werden: So wie man Griechenland wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten unterschätzen kann, so könnte dies einem auch passieren, wenn man NIKOS Sergakis nur auf die Schnelle kennenlernt. Ein Kretaner im Pensionsalter, der wegen seiner Liebe namens LULA auf Lesbos lebt. Er wirkt wie ein Abziehbild eines Griechen: Ein wie ein Kaminschlot rauchender Lautsprecher, für den es fast nur eine Lautstärke gibt, dann auch wiederum ein nicht viel sagender Brummbär. Doch bald erweist sich dieser Kerl als ein richtiger ‚Kerl von Mensch‘. Eine Fahrt mit dem automobilen Heissblüter reicht aus, und man mag ihn: „Nikos – Ankunft mit dem Insel-Lewis“ (12. Dezember 2015). Fünf Wochen später waren wir längst Freunde geworden – da bilde ich mir nichts drauf ein: (fast) alle, die ihn kennenlernen, werden zu seinem Freund –, und er meinte beim Fliegen über die kurvenreichen Strassen von Lesbos zum Etikett „Lewis Hamilton von Lesbos“, das ich ihm gab: Er sei mehr der Niki-Lauda-Typ (schriftlich festgehalten in „Tschüss NIKOS“, 10. Januar 2016). Und der NIKOS jener Tage blieb über all die Monate der privaten Hilfsorganisation „schwizerchrüz.ch“ („swisscross.help“) treu: bei allen Schritten war er ohne Murren dabei. Murrte er doch, dann war klar, was er meinte: „Ok, ich mach’s.“

Und so ist er auch im Juli und August 2016 immer noch dabei, als wir uns wieder in den Camps Karamanlis und Frakapor trafen (siehe „Community Building – Wenn die privaten Helfer um ’schwizerchrüz.ch‘ Massstäbe setzen“). MICHAEL Räber, der Kopf von „schwizerchrüz.ch“, braucht den Lesbos-Griechen weiterhin, auch auf dem Festland: als Türöffner, als Improvisationsmitgehilfe, als Chauffeur. Irgendwie, ich geb’s zu, war’s ein bübisch-erhebendes Gefühl, diesem leuchtend gelben Sportwagen hinterherzubrettern, dabei das Mietauto voll ans Limit zu drücken, um den ‚verrückten‘ NIKOS nicht aus den Augen zu verlieren, und dabei schelmisch zu schmunzeln, wie MIK, der humanitäre Zampano aus „Helvetìa“ von NIKOS, dem Niki ‚el greco‘ Lauda, durchs Land gekarrt wird, überallhin, wohin auch immer es die Menschen auf der Flucht hintreibt.

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Der bezüglich Motorenkraft verstärkte, leuchtend gelbe Flitzer von NIKOS, seit Monaten auf Mission für „swisscross.help“.

Wie erwähnt, ist NIKOS ein „Brummbär“: Wenn man etwas von ihm will, hört er zu, brummelt etwas vor sich hin, man weiss vorerst nicht so recht, was nun passiert, bis er Gas gibt, nicht nur mit dem Auto: Will man was, er macht’s. Meist sehr schnell, meist mit einer Prise Schlauheit, der er sich selbst bewusst ist, und drum immer auch gerne ein Schmunzeln in seinen Mundwinkeln zeigt, wenn’s vollbracht ist.

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Typische Szene: Für alle ein offenes Ohr.

Von seinen Landsleuten hält er dann, aber wohl nur dann wenig, wenn sie nicht vorwärtsmachen, egal ob beim Verkäufer, beim Arzt, beim Amt: Da wird er laut und bestimmt. Er wird zum Chef der Situation. Wenn es um etwas geht, ist es Schluss mit der ägäischen Geduld, und auch mit dem Verständnis fürs Verschleppen.

Kaum in Karamanlis angekommen, ist es NIKOS ein Anliegen, mir zu erklären, wie das hier läuft, wenn man sich bei der Migrationsbehörde als Flüchtender anmeldet, um einen Antrag auf Asyl beziehungsweise auf „Relocation“ – Asylantrag in einem gewünschten europäischen Land – zu stellen. Der Mann mit Tendenz zu einem kugligen Habitus wird zur explosiven Ladung: Aufgebracht berichtet er, dass es jede Woche am Donnerstag von 9-10 Uhr über Skype die Möglichkeit gäbe, sich für ein Verfahren anzumelden. Pro Woche eine Stunde! Die ‚Bombe‘ NIKOS platzt fast vor Wut. „One hour!“ Er will mir unbedingt das Foto zeigen vom entsprechenden Formular, das sie angetroffen haben, als er und TAHA, dem Flüchtenden aus Syrien und Übersetzer in Diensten von „schwizerchrüz.ch“ mit einer ‚Busladung‘ voll Flüchtenden sich anschickte, beim Amt die entsprechenden Registrationen zu tätigen. „Eine Stunde!“ Das Futter für seine Entrüstung ist klar: Er weiss genau, auch die verantwortlichen Leute an den zuständigen Stellen wüssten, dass dies so nicht funktioniere: über Skype, bei dieser so langsamen Netzleistung, für soviele Menschen auf der Flucht. Für ihn – und für alle Betroffenen – eine bewusste Schikane, zumindest Hinhaltetaktik. Deshalb beruhigt sich NIKOS kaum. Man spürt heraus, da fühlt er sich als Grieche nicht nur nicht richtig vertreten, sondern verraten. Stellvertretend für diesen Verrat wettert er über Ministerpräsident Tsypras: „Er nimmt von der EU Geld ‚for better days‘ für die Flüchtenden, und macht daraus ‚badder days‘.“

Mit der gleichen Entrüstung berichtet er mir, dass das Wasser im Camp Karamanlis verseucht war, als man mit den Flüchtenden aus Idomeni ankam, bevor die Privaten von „schwizerchrüz.ch“ für Abhilfe sorgen mussten. Das Gleiche für die 30 Tonnen Abfall, die vor dem Camp Frakapor herumlagen, erbärmlich stanken und Millionen von Fliegen anzogen. Es widert ihn, den Griechen, an, von diesem unverantwortlichen Nichthandeln zu berichten, wenn doch soviele Menschen in Not in dieser Umgebung leben müssten. Sein Mitgefühl für sie verbietet ihm ein Verständnis für behördliche Unverantwortlichkeit.

Wenig Verständnis hat er auch für die Auflage, dass man nicht wissen solle, wie’s in den Camps aussieht und im Alltag zu und her geht. So lenkt er die Armeeangehörigen, die das Camp Frakapor führen, ab, damit ich mit der Fotoausrüstung ins Camp hineinhuschen kann. Drinnen zeigt er mir die Zustände, die nun „schwizerchrüz.ch“ bezüglich der sozialen Infrastruktur (siehe „Community Building“) laufend verbessert. Es ekelt ihn, den Lesbos-Griechen, der als ehemaliger Fernfahrer schon vieles in Europa und im Nahen Osten gesehen und erlebt hat, und der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt und auch in solchen mit seiner Frau LULA in Molivos auf Lesbos lebt. Ich spüre, dass es ihm ein Anliegen ist, dass ich dies so ungeschminkt, wie es ist, erfahren kann. Sein Blutdruck ist erhöht. Was er da sieht, will einfach nicht in sein Weltbild passen.

Denn im Grunde ist er nicht nur ein ‚cooler‘ Typ, mitunter von mediterraner Emotionalität beseelt, vielmehr ist er zuvorkommend und mitfühlend. Er spürt, wie es den in den Camps ‚eingepferchten‘ Menschen, trotz der Unterstützung wie von „schwizerchrüz.ch“ nicht gut geht, wie sie an der menschenunwürdigen Situation langsam zerbrechen, immer mehr die Zuversicht auf eine selbstbestimmte Zukunft verlieren. NIKOS sieht das, und denkt sich das Seinige – er ist ein fundierter Denker, genug hat er zeitlebens erlebt. So zitiert er mich, er im Auto sitzend und auf MICHAEL wartend, mit Handzeichen zu sich, und ‚befiehlt‘ mir dann: „You must write a book! … and I say you also the title of this book: ‚People without a tomorrow‘.“ Einerseits schmunzelt er wegen seiner vorwitzigen Art, mir dies zu sagen, andererseits ist sein Blick so leer, wie ich ihn bislang noch nicht kannte.

Denn zumeist ist NIKOS erfüllt von viel Herzeswärme, die er auch offen zeigt, von der alle etwas mitbekommen, die mit ihm zu tun haben: gerade auch Helfende und Flüchtende.

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NIKOS mit seinen jüngsten Freunden: in der zum „Blue Whale“ umbenannten Fabrikhalle in Sindos (Thessaloniki) von „schwizerchrüz.ch“, bereit für die nächste Fahrt.

Fremd sein mit Fremden scheint er nicht zu kennen. Das führt dazu, dass dieser Saftbrocken von einem Griechen der Freund aller ist beziehungsweise im Nu wird.

Ich selbst habe den Verdacht, dass er nicht nur für alle zum Freund wird, den man mag, bald heiss liebt, sondern dass man bewusst oder unbewusst von diesem aufrichtigen, griechischen Teufelskerl lernt. Eine Lektion, die man nicht mehr vergisst.

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NIKOS, der Freund aller.

Ein SUPERGRIECHE halt, wie man ihn im „Krisenland“ Griechenland noch mehr antrifft. Dieser „Typus eines Supergriechen“ hat nichts mit einem Superman mit Superkräften zu tun. Es sind ‚einfache‘ Menschen aus zumeist ‚einfachen‘ Verhältnissen, ausgestattet mit einer ursprünglich anmutenden Mitmenschlichkeit, die im Alltag einfach da ist und in Zeiten der Not nicht etwa von Angst verdrängt wird, vielmehr erst recht auflebt, und wenn nötig auch mit zivilem Ungehorsam und einer guten Portion Cleverness standhaft verteidigt wird.

NIKOS Sergakis ist einer dieser Supergriechen. Wer ihn jemals kennenlernte, wird ihn auch nicht mehr vergessen. Kann es sein, dass er uns etwas vorlebt, wofür wir ihm dankbar sind?

Ich bin es. Danke NIKOS!

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Der Link für Spenden zugunsten „schwizerchrüz.ch“.

 

 

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