ZURÜCK ZUM SEELENDEPOT

[Artikelfoto: Am Bahnübergang von Idomeni, zwischen dem Bahnhof von Idomeni und der Grenze zu Mazedonien. Die Bildhälfte links entstand am 21. März 2016, die rechts am 29. Oktober 2016.]

Idomeni.

Ein Ort, so unscheinbar und unbedeutend.
Ausser vielleicht, wenn sich die Griechen vom griechischen Makedonia her und die Mazedonier vom mazedonischen Makedonia her wieder einmal in die Haare kommen könnten.

Doch in Idomeni wurde in diesem Jahr Wichtiges begraben.
Es gibt dort kein eigentliches Massengrab.
Und doch, es war dort, spätestens im Frühling 2016, als die hehren Werte, auf welche Europa so stolz ist, sehenden Auges und wiederholt – „massenweise“ – begraben wurden.

Man kapitulierte.
Vor der Angst.
Vor der Verweigerung.
Vor der offenen und öffentlichen Verweigerung, den Schutz der Würde des Menschen allem anderen voranzustellen.

Man hielt die Grenzen dicht, und überliess die immer mehr an der geschlossenen Balkanroute auflaufenden Menschen, mehrheitlich Kriegsflüchtende, sich selbst.
Nur die Ärzte ohne Grenzen (MSF), unterstützt mit Mitteln des UNHCR, und „fliegende“ Freiwilligengruppen kümmerten sich um sie hungernden, frierenden, kranken, traumatisierten Menschen. So gut es eben irgendwie ging. Lange Zeit ohne ausreichende Mittel.
Ein Drama wie man es sich vorher in Europa nicht hätte vorstellen können.

Idomeni ist für jene, die das sahen, was es dort zu sehen gab, ein Symbol nicht nur für ein Versagen, sondern für ein Verbrechen Europas. Ein Verbrechen an Menschen in Not. Ein Verbrechen auch an sich selbst. Idomeni wurde innert Tagen, und blieb es über Monate: ein Schandfleck, den es in dieser Dramatik lange nicht mehr gegeben hatte, auf europäischem Boden.

Was jedem Menschen, dem menschliche Werte normal, deshalb per se richtungsweisend erscheinen, im Herzen weh tut, wurde im Falle von Idomeni einfach hingenommen. Mehr noch, es wurde als Abschreckung eingesetzt.
Kriegslogik für jene, die vor dem Krieg fliehen.
Der Vollzug dieser Logik fühlte sich an wie ein anhaltendes, nie enden wollendes Begräbnis.
Dieses Gefühl ist geblieben, nicht nur bei mir.

Im Mai 2016 räumte dann die griechische Armee das Camp.

Das Grab gibt es immer noch.
In den Köpfen und Herzen jener, die dort zwei, drei, vier Monate und länger überleben mussten. Auch in jenen, die Wochen, gar Monate Freiwilligenarbeit in Idomeni verrichteten. Denjenigen, die als Beobachter vor Ort waren, Bericht erstatteten, geht es auch so.

Seit meiner Zeit in Idomeni habe ich das Gefühl, dass ich ein Teil meiner Seele dort zurückgelassen habe. Zumindest auf Zeit deponiert, bis heute.

Als ich im Juli 2016 dorthin zurückkehrte, war ich geschockt, vom Anblick strahlend-gelber Sonnenblumenfelder rund um Idomeni. Dieser Ausdruck von strahlender Vitalität, von Licht, von Freude konnte ich zuerst nicht ertragen. Bald wurden die Blumen jedoch zum Trost, und zur Hoffnung, dass das Licht auch für jene wieder aufscheint, die nach der Räumung bis heute – seit fünf, bald sechs Monaten (!) – in den offiziellen Lagern um Thessaloniki, Katerini etc. unter menschenunwürdigen Bedingungen ausharren müssen. Viele von ihnen bis in den nächsten Frühling hinein. Niemand weiss wie lange. Ein klarer Wille zur Lösung dieses unhaltbaren Zustands ist nicht festzustellen. Ist das auch wiederum Abschreckung? Darf man mit dem Schicksal von rund 25’000 Kindern in den Camps eine Abschreckungspolitik betreiben?
Zu Gutem führt dies nicht.

In diese schwarzen Gedanken drängt sich wiederum das Bild der Sonnenblumen in meinen Kopf. Ja, Milliarden von Sonnenblumen sollen dieses gerade dunkel gewordene Europa überwachsen. Denn was dunkel werden kann, kann auch wieder erhellen.

Im Idomeni vom Juli 2016 gab’s neben Sonnenblumen auch viel Mais. Dort, wo Kinder, Frauen und Männer im Wasser und Schlamm lebten, und etwas weiter weg auf freiem Feld ihre Notdurft verrichteten, stand ein Maisfeld in fettem Grün. Was für ein Anblick! Ich brachte diese Gegensätze nicht zusammen. So schnell ist alles überwachsen.

Nur ist meine Seele kein Maisacker, wie jene von Tausenden Anderer.

Kaum hatten wir dies damals im Juli gesehen und realisiert, wurden wir von der griechischen Grenzpolizei entdeckt, und vom „Areal“ gewiesen. Ein Areal wie an tausend anderen Stellen Makedonias: profanes Ackerland, Wiesland, durchstossen von einer kaum befahrenen Eisenbahnlinie, und in 90 Grad dazu von einer Landesgrenze. Doch hier zu verweilen, ist untersagt.

Diese profane Welt wollte ich ein weiteres Mal sehen, es doch noch fotografisch festhalten, in Bildern das Gestern und Heute gegenüberstellen. Gut vorbereitet zog ich los, im Wissen, dass die Grenzpolizei weiterhin präsent ist und niemanden im Grenzland zu Mazedonien duldet.

Frühmorgens war ich gestern vor Ort.
Im Ort Idomeni, der für Tausende von Flüchtenden zum Ende ihrer Hoffnung geworden ist: Denn die meisten von ihnen hängen immer noch in Griechenland fest, niedergeschlagen, entmutigt, ohne Perspektive, mit dem Gefühl, in ihrem Schicksal von Europa allein gelassen zu werden.

Wegen der Präsenz der griechischen Grenzpolizei bin ich also gezwungen, mich mit ihr auf ein Katz-und-Maus-Spiel einzulassen, um den schicksalhaften Ort nochmals heimsuchen zu können. Anschleichen wie ein Verbrecher, um ein Stück Landwirtschaftsland zu sehen und zu fotografieren.

So schrieb ich nach getaner Arbeit ins soziale Netz:

„I got it!
Das war spitz. Bei Sonnenaufgang beginn ich in der EKO-Station bei Polikastro zu fotografieren. Dann, vor Idomeni, wähle ich letztlich jenen Vorschlag, um mich auf der Rückseite des Bahnhofs von Idomeni anzuschleichen. Doch ein erstes Mal fliege ich bereits auf, als mich zwei Hunde am Bahnhof, auf der anderen Seite der Geleise, dann doch wahrnehmen und endlos loskläffen. Das erste Anzeichen, dass mein Vorhaben schief gehen könnte. In der sogenannten „Old Train Station“ angekommen, wo im Frühling hunderte Yeziden lagerten, will ich drei vorbereitete Fotoeinstellungen machen, wie bereits im März. Im Geleisegraben im Innern des Gebäudes mache ich eine dieser Fotografien, nicht ideal, weil – oh Schreck! – gerade vor dem Gebäude ein Polizeiauto steht, 30 m entfernt. Ich aber im Geleisegraben, flüsternd vor mich herfluchend, und mit einer piepsenden „gopro“-Kamera (für den Dokumentarfilm von ANNA Thommen und LORENZ Nufer im Jahr 2017). Das Piepsen hätte mich verraten können. Die auf meiner Fotokamera angebrachte kleine Filmkamera gibt also im falschen Moment Laute von sich und sagt auch noch: „SD error“. Was für ein Fiasko: Polizei und „Error“.

Ich verkrümle mich. Was nun? Ich fasse die Devise: Soviel fotografieren, bis man mich erwischt. Los geht’s, strammen Schrittes. Nach ersten Fotos auf dem freien Feld duck ich mich, angekommen am Abhang zu den Geleisen Richtung Skopje weg, da ich mich daran erinnere, dass ich die zweite SD-Karte ja doch eingepackt habe. Also geht das Foto-Gehetze weiter, einschliesslich des Filmens. Für genauere Fotoeinstellungen – für ein relativ präzises Vorher-Nachher habe ich Fotos von Frühlingseinstellungen auf dem Smartphone mit dabei – ist kaum möglich. No time. Ich muss aus der Erinnerung improvisieren.

Mitten auf dem Gleisfeld stehend fährt dann eine Lokomotive vor, „sie“ stösst ein lautes Warnsignal aus. Es gilt mir, das ist klar. Dann fährt mich nun auch der Begleiter des Lokführers an: „Not here!“ Ich kleinlaut: „O.k.“. Die Lok fährt weiter, über die Grenze. Ich hetze weiter, dorthin, wo die Demos waren, dorthin, wo im Frühling der eine Junge stand, vor dem Schlammfeld, dorthin, wo das MSF-Center war. Dann auch zum nun abgeernteten Maisacker, wo im Frühling die Zelte im Wasser standen. Das wollte ich unbedingt festgehalten haben. Yes! Hetz, hetz. Ich steh nun mitten im Acker, mit Kamerablick Richtung Mazedonien, da heult sie nun: die Polizeisirene. Ich winke und grüsse beim Annähern: „Jassas.“ Pflichtgemäss unfreundlich werde ich zurechtgewiesen: „Military area. No fotos!“ Während der demonstrativ fauchende Beifahrer meine Passnummer aufnimmt, und nach dem Namen meines Vaters fragt – „Why!“, er starb bereits 1998 –, fährt der zweite Grenzpolizeiwagen vor. Doch sie wollen letztlich nichts mehr von mir. Uff! Mit meiner Aktion ist zwar Schluss, sie bleibt unvollendet. So ziehe ich unter Beobachtung zu Fuss ab. Doch das Meiste des Angestrebten ist – irgendwie, wenn auch der Situation geschuldet – im Kasten.

Tschüss Idomeni, mein Seelendepot!

Dann aber doch auch Erleichterung: I got it! Euphorisch brettere ich Richtung Saloniki, mit Zwischenhalt in Polikastro, in die hübsche Bar mit gutem Kaffee, und genehmige mir ein Club-Sandwich.

Hélas – Hellas! – das war knapp!“

Beispielgebend in der Folge drei Vorher-Nachher-Dokumentationen von Idomeni im Jahr 2016. Mehr davon später, in einem separaten Foto-Projekt, unter dem Label einer neu entstehenden Projektplattform (mehr dazu im 2017): 1000impacts – a brand for humanity. Und vielleicht, das wissen nur die Filmemacher, im Dokumentarfilm von ANNA Thommen und LORENZ Nufer.

idomeni_gegen-abend_web
Idomeni, 8. März 2016.
idomeni_day-after_menschenmenge-rauch_web
Der gleiche Ort am 29. Oktober 2016.
idomeni_kinder_liegend_web
Idomeni am 18. März 2016.
idomeni_day-after_kinder-am-gleis-liegend_web
Gleichenorts am 29. Oktober 2016.
idomeni_demo-am-gleis_web
Idomeni am 21. März 2016.
idomeni_day-after_demo-am-gleis_2_web
An demselben Ort am 29. Oktober 2016.
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