SAMIS „MOVE“ – Tanzen gegen die Bilder des Genozids und für ein neues Leben

[Artikel-Foto: SAMI, 21-jähriger Yezide auf der Flucht, während eines seiner Tanz-Workshops im Camp Petra, bei Katerini, Griechenland.]

Vorbemerkung

Das Camp Petra ist das einzige Flüchtendencamp in Griechenland, das einer einzigen Ethnie und Minderheit vorbehalten ist: jener der Yeziden aus dem Norden des Iraks, die vom Daesh, dem sogenannten „Islamischen Staat“ speziell verfolgt und terrorisiert werden beziehungsweise wurden. (Siehe der Artikel „Gedenken an den Genozid an den Yeziden“.) Noch über 1’200 Menschen (über)leben hier in Petra.

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Im Camp Petra bei Katerini, 3. November 2016

Petra liegt fast fernab der Zivilisation, auf dem Areal einer ehemaligen psychiatrischen Klinik, am Fuss des Gebirges Griechenlands: dem Olymp. Rundherum nur hügeliges Waldgebiet. Eine besonders in der Herbstsonne malerisch wirkende Landschaft.

Das Camp ist ein reines Zeltlager, wobei in den letzten Tagen einige wenige der am schutzbedürftigsten Familien mit Kleinstkindern wegen der Kälte in provisorischen Räumen der ehemaligen Klinik untergebracht wurden. Alle hoffen – im Wissen, dass es diese Tage, Wochen, Monate keine Hoffnung auf „Relocation“ in ein anderes europäisches Land gibt – auf ein wintersicheres, wärmeres (!) Lager. Die griechische Armee hat einen Umzug auf den 17. November 2016 angekündigt. Niemand mag im Moment glauben, dass es auch so kommt. Man hört, dass die letzten Umsiedlungsplanungen in touristische Infrastrukturen gescheitert seien. Es gibt also immer noch keine Gewähr auf Besserung. Dass es im November sehr kalt werden würde, wusste man bereits im Juni. Nun ist November, und eine Lösung scheint immer noch nicht wirklich in Sicht. An den Tagen meines Besuchs, am 1. und 3. November 2016 lag das Thermometer morgens bei etwa 3 Grad Celsius. Und die Zeltinnenausstattung entspricht nicht etwa solchen moderner Outdoor-Aktiven.

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Typisches Bild im Camp Petra: Die Flüchtenden sammeln in den nahen Wäldern die Wärme für die kalten Abende und Nächte.

Trotz der herbstlichen Sonne über den Tag hinweg herrscht zusehends ein Klima von nicht nur physischer Kälte und von Hoffnungslosigkeit. Man sieht es bereits in den Gesichtern der erwachsenen „Insassen“. SALOME von der privaten Hilfsorganisation „Borderfree Association“, die seit dem Juli als Freiwillige in Petra dient, meint auf meine Frage, wie lange sie noch bleiben werde, dass in dieser Zeit des Wintereinbruchs und der geplanten Umsiedlung nach Kilkis (150 km entfernt) ihre Präsenz umso wichtiger sei: Um Beistand zu leisten in einer weiteren Notsituation, in die diese speziell schutzbedürftigen Yeziden ohne ihr Verschulden geraten sind. „Ich kann ich nicht weg, wenn’s am schwierigsten wird.“

Persönlich-politischer Einschub

Die meisten der Zeilen in diesem Artikel standen bereits, als mich trotz Vorahnungen der ‚Blues‘ der US-Wahlen heimsuchte. ‚Warum kommt es immer noch schlimmer?‘, frag ich mich, wie wohl viele andere auch. Ausgrenzung, Herabwürdigung von Mitmenschen, ja gar Hass und faschistische Züge werden salonfähig in aufgeklärten, offenen Gesellschaften. Sie nisten sich ins Zentrum unserer liberal-demokratischen Institutionen ein und richten zunehmend ihr Unheil an. Nicht nur gefühlt, sondern konkret. Der Kampf um die Demokratie ist längst entfacht, weil Demokratieverachter wie Trump, Erdogan, Putin, Orban und weitere sich raffiniert der Offenheit unserer Gesellschaft bedient haben und nun am Ruder sind oder noch dorthin wollen, wie Le Pen (F) oder Wilders (NL). Es sind Autokraten, die alle gegen Zuwanderung appellieren, ja gegen sie vulgär und voller Hass anbrüllen. Mit Erfolg.

Der Sieg der Angst greift um sich. Es werden Menschenbilder entworfen, von denen man glaubte, sie für immer überwunden zu haben, zumindest im entwickelten Westen. Menschenbilder, die nun beitragen zu verhindern, dass es zur „Relocation“ der ca. 70’000 Flüchtenden in Griechenland kommt.

Was hat dieses Jahr bereits an menschlich Unerträglichem in Griechenland hervorgebracht, vor dem Hintergrund einer scheinbar emotional erkaltenden westlichen Welt. Und nun finde ich persönlich ausgerechnet in Griechenland, im Camp Petra in der Begegnung mit den Kindern dort, wegen eines Kinderprojekts, und in der (zweiten) Begegnung mit einem aussergewöhnlichen Iraker namens SAMI den einzigen wirksamen Trost, um das gerade nicht zu Ertragende doch irgendwie auszuhalten.

SAMIs Move – Eine kurze Geschichte zu einem anderen Menschenbild.

Dazu treten wir ein in den durch Spenden finanzierten Schulraum der Organisation von „Borderfree Association“.

Verzaubert durch den Tanz

SAMI ist nicht nur ein Yezide aus dem Nordirak, der vor dem Genozid der Daesh flüchten musste. Er gehört mit 21 Jahren auch zu jenen jungen Männern, denen gewisse Kreise einiges zuzusprechen pflegen, um Ängste gegen Fremde zu schüren. Nur hält sich SAMI nicht dran. Vielmehr ist er einer, der die Gabe besitzt, den Menschen, vor allem den kriegsversehrten Kindern, die Ängste zu nehmen.

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SAMI (21)

Schon beim ersten Kennenlernen im Juli 2016 im Camp Petra wirkte der keck seine Kappe auf dem Kopf Tragende sanftmütig, bescheiden. Und doch, er liess auch erkennen: Er hatte einen ganz bestimmten Plan. Diesen hat er mittlerweile umgesetzt. Dank der Unterstützung der privaten „Borderfree Association“ von VANJA Crnojević hat er eine kleine portable Musikverstärkeranlage und Räumlichkeiten bekommen, in denen er seinen innigen Wunsch erfüllen konnte: Mit Kindern jeden Tag Tanz-Workshops durchzuführen.

Wenn man mit ihm spricht – was nicht einfach ist, weil sein Englisch immer noch sehr brüchig ist, er finde wegen des Tanzens einfach keine Zeit zum Englischlernen –, dann lässt er einen vor allem Eines spüren: Seine grosse Dankbarkeit gegenüber „Borderfree“, die ihm diese Chance ermöglichte. Ja, er ist vollgesogen mit Dankbarkeit. „Sami und alle Kinder danken Borderfree“, sagt er immer immer wieder. – Als SALOME, die als Vertreterin der privaten Hilfsorganisation inzwischen so etwas wie zur allseits geherzten „Camp-Mutter“ der Geflüchteten geworden ist, mitten in den Workshop in die Klasse der Mädchen hineinplatzt, zeigt sich, dass diese Worte nicht gelogen sind. Spontan beginnen die Mädchen zu klatschen.

In diesem – im Wortsinn – aussergewöhnlichen Leben zählt für SAMI nur Eines: die Kinder und die Jugendlichen. Sechs Tanzklassen hat er aufgezogen. Diese Klassen sind sein Leben.

Er erinnert mich an ZAKI, mit Übernahmen ZIKO (ZEKO), einem Flüchtenden aus Syrien, der von Dezember 2015 bis Februar 2016 für „schwizerchrüz.ch“ als Volunteer arbeitete. (Siehe Artikel „Mhd ZIKO’s story – Sergeant, Refugee, Volunteer and Friend“.) Ein Flüchtender im Dienste der Flüchtenden. Ähnlich aufopfernd wie SAMI. Ähnlich die Gabe, auf eine smarte Art anführerisch zu sein und grundlegende Werte zu vermitteln. Von ähnlich viel Kreativität durchsetzt. Während ZAKI nun seine syrischen Flüchtenden-Freunde der „Dance Factory“ in Berlin filmt, tanzt SAMI selbst. Er hat es sich selbst beigebracht, inspiriert durch moves auf Youtube. Tanzen ist seine Leidenschaft. Eine, die ihn beseelt. Eine, die ihm hilft, die Freude am Leben zu erhalten, ja diese den verwundbarsten unter den vom Krieg und Genozid Versehrten – den Kindern – zu vermitteln. Oder ist es ein gemeinsames Entdecken, das ihnen der Tanz eröffnet?

Dass SAMI zu eigenen samples aus ‚westlicher‘ Musik tanzt, mögen nicht alle im Lager. Doch die Kraft der Freude der Kinder ist stärker. Und natürlich, wie überall auf der Welt kam rasch auch Neid und Eifersucht einer Gang aus Jugendlichen auf. Denn SAMI wurde schnell zum Star im Camp. Leise zwar, aber der Kinder ihre Begeisterung ist unüberhörbar und -sehbar, auch ausserhalb des Schulraums. Immer wieder erspäht man im Camp ein Kind, das so nebenbei einen einstudierten move einstreut.

SAMI selbst kann sehr fokussiert wirken. Dann spürt man, wie er sich seiner Verantwortung, die er sich mit seinem Tanzworkshop aufgebürdet hat, auch neben dem Workshop, sehr bewusst zu sein scheint. Doch es gibt jene Momente, in denen er dann doch wie ein „Stern“ strahlt. – Vielleicht muss es hier so sein: Der „Olymp“, nach der Mythologie als Sitz der olympischen Götter geltend, wird auch als „der Leuchtende“ genannt. – In jenen Momenten, wenn SAMI vor sich sieht, mit welcher Hingabe, mit welcher Freude und Lebensenergie, mit welcher Selbstvergessenheit die Kinder sich mit der Musik bewegen.

[Beispiel: SOLEAN (8) bietet uns spontan eine Freestyle-Performance.]

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ganz ehrlich: Dies selbst zu erleben, ist erschaudernd. Gedanklich an dem spiegelnd, was die Yeziden gerade an Massenexekution, an Versklavung, an Fluchttraumatas, an Monaten im Elendscamp Idomeni und nun im Freiluftcamp Petra erlebten, erschüttert einen dieses Bild der tanzenden Mädchen im Guten wie wohl nur Weniges. Die Leichtigkeit der tanzenden Kinder, ihre leuchtenden Augen dabei, und das Lachen SAMIS, das zeigt, wie entfernt ihnen und ihm in diesen Momenten die Last des Erlebten gerade ist. Verzaubert vom Tanz.

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In der vordersten Reihe (von links): NAHNAM (12), HELEAN (11) und YAZMIN (11).

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Es ist herzergreifend und begeisternd zugleich, dies zu erleben. Draussen im Camp übernimmt die Hoffnungslosigkeit das Zepter, und hierdrin ist das Leben pur. Wer hätte gedacht, dass man beim Thema „Menschen auf der Flucht“ solch beglückende Momente erlebt.

Spätestens in Idomeni entstand in mir jene Anklage, dass sich zu 99-komma-irgendetwas Prozent der Entscheidungsträger nicht den Schneid hätten, sich dorthin vorzuwagen, wo es im Herzen weh tut. Dieser Prozentsatz jener, die die Geschicke der Flüchtenden eigentlich politisch lenken, verpassen leider auch jene Lektion, die „der junge Mann“ SAMI tänzerisch leicht erteilt.

Was können wir nur tun, dass die Entscheidungsträgerinnen und -träger solcherart lebens- und „herznahe“ Erfahrungen wieder machen können? Um mitzuerleben, worum es doch eigentlich ginge.

Es tönt abwegig: Politik und Tanz. Und tatsächlich: SAMI macht keine Politik. Doch sein Wirken hat, ohne dass er es ahnt, es gar sucht, auch politische Komponenten. Abertausende werden an den Aussen- und den wieder aufgezogenen Innengrenzen Europas verprügelt, wie in Ungarn gar in Käfige gesteckt, in Griechenland über nun neun, zehn Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten und schlecht wie recht ‚durchgefüttert‘,
… und SAMI tanzt mit den Kindern.

Es ist ein Tanzen „gegen“ Einiges, vor allem jedoch „für“ sehr Vieles:

  • Er und die Kinder tanzen GEGEN den Krieg. Gegen den Genozid. Gegen das Trauma. Gegen das Aufgeben.
  • Er und die Kinder tanzen FÜR das Rückerobern eines neuen Lebensgefühls. Für das Entwickeln eines Selbstwertgefühls. Für das Entdecken neuer Möglichkeiten des Ausdrucks, des Hinstehens und dann gemeinsam etwas Entwickelns. Für ein menschenwürdiges Leben.

SAMI wirkt dabei immer wieder nicht streng, aber bestimmt, mit Ansprüchen. Dies strahlt aus. Die Kinder sind meist hochkonzentriert, lauschen seinen Anweisungen, seinen Korrekturen. Dann setzt die Musik ein, die Gruppe der Mädchen bewegt sich, SAMI schaut genau zu, gibt Zeichen, zeigt es vor.

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SAMI instruiert SALEA (11).

Und dann tanzen sie, als ob es nur noch dieses Tanzen gäbe. Man sieht’s in ihren Gesichtern: diese Konzentration, diese Glücksgluckser, dieses Lächeln und Strahlen. SAMI nimmt’s nun nicht einfach nüchtern hin. Er strahlt. Er ist am Ziel. Mehr will er nicht, wie er sagt, er will nur diese Kinder glücklich sehen. Und findet dabei sein eigenes Glück.

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Hier in Petra, in dieser schönen Landschaft am Olymp.
Hier in Petra, in einem dieser Abstellräume der europäischen Politik nicht für, sondern gegen die Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror.

SAMIs Moves erzählen das „Für“ und das „Gegen“ umgekehrt.
Man möge den Blick auf dieses Kinderglück-Wirken richten.
Er könnte den Weg weisen.

Den Kindern ist der junge Mann ein Vorbild.

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Mit KINAN (6).
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Mit einem meiner Freunde aus Idomeni: KAZE („Kasi“ (11), in der Mitte) und einem weiteren Buben.

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Die Knaben wie KAZE mögen’s auch akrobatischer.

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Wen verwundert’s.

Danke SAMI.
Danke SALOME.
Danke VANJA.

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Das Spendekonto der „borderfree association“ von VANJA Crnojević:

CHF Konto – IBAN: CH71 0900 0000 6159 3305 7
EUR Konto – IBAN: CH58 0900 0000 9155 0838 2
BIC: POFICHBEXXX
borderfree association, Zentralstrasse 156, CH-8003 Zürich

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3 Gedanken zu “SAMIS „MOVE“ – Tanzen gegen die Bilder des Genozids und für ein neues Leben

  1. und Danke Thom Held, dass du weitermachst und uns auch an den, wenn auch wenigen, hoffnungsvollen und positiv berührenden Momenten teilhaben lässt !
    Elvira Jagmetti und Peter Fischer, die Eltern von Jan

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