DERIN (7), Herzensbrecherin, unschuldig.

[Artikel-Foto: DERIN im November 2016 im Camp Petra bei Katerini, auf dem Festland Griechenlands, noch vor der Evakuierung des Camps im Schnee.]

Dies ist eine Liebeserklärung.
An ein kleines Mädchen.
Es heisst DERIN und ist sieben Jahre jung.

Dies ist auch eine Liebeserklärung.
An tausende und abertausende Kinder, die wie DERIN irgendwo auf der Flucht vor Krieg, Misshandlung, Versklavung feststecken, …

  • …in Syrien, weil Erdogan eine unüberwindbare Mauer an der Grenze zu Syrien errichten liess.
  • … in der Türkei, von wo die meisten Menschen, die Schutz bedürften, allein gelassen vergessen gehen.
  • … auf den Ägäis-Inseln, wo die Verhältnisse in den gefängnisähnlichen Camps für Flüchtende menschenverachtend sind, und zuviele unwissend glauben zu wissen, es sei gut.
  • … auf dem griechischen Festland, wo tausende Menschen in eiskalten Fabrikhallen Feuer machen, um wenigstens etwas Wärme zu haben, im Wissen, dass sie krank werden – wegen der Kälte, wegen des Rauchs, aus Verzweiflung, weil sie sich aus gutem Grund im Stich gelassen fühlen.
  • … in Bulgarien, in Mazedonien, in Serbien, in Ungarn, in Kroatien, wo immer wieder versucht wird, Nothilfe zu verweigern, zuweilen gar zu verbieten, unter Anwendung von Gewalt, aus Verachtung und mit dem Ziel, abschreckend zu wirken.

(Mehr Informationen und Quellen zu diesen Aussagen im vorangegangen Artikel „Die Macht des Sinnhaften. – Die Geschichte von Eura, der Schönen“.)

Dies ist eine Liebeserklärung an jene Menschen auf der Flucht, von denen nicht alle, aber die meisten seit vielen Monaten, ja Jahren, trotz grossen Gefahren, trotz Misshandlungen und obwohl ihnen der Schutz ihrer Würde viel zu oft verwehrt wurde und wird, gerade um diese Würde, ihre eigene, tagein tagaus kämpfen. Diesen Kampf, aber auch dieses häufige Lächeln trotz der erlebten Niedertracht mit eigenen Augen zu sehen und mitzuerleben, ist schwer zu ertragen und gleichzeitig ein Geschenk. Man wünschte diese Erfahrung jeder und jedem Einzelnen der 743 Millionen Europäerinnen und Europäer.

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November 2016, Camp Petra bei Katerini: DERIN (7), Yezidin aus dem Nord-Irak

DERIN lernte ich anfangs November im Camp Petra bei Katerini kennen, wo ausschliesslich Irakerinnen und Iraker der yezidischen Minderheit seit dem Frühling 2016 sehnlichts auf ein Weiter- und vor allem Ankommen hofften. Wenige Tage später fielen die Temperaturen in der Nacht unter null Grad. Die Menschen froren in ihren unter freiem Himmel stehenden Zelten. Sie froren auch tagsüber. Dann endlich, erst gegen Ende November / Anfangs Dezember wurde das Camp durch die Verantwortlichen der griechischen Armee evakuiert. In Etappen. Die yezidische Gemeinschaft, besonders traumatisiert und schutzbedürftig wegen des Genozids, der durch den IS an ihnen verübt wurde, wurde auseinandergerissen. Sie stiegen in Busse, und wussten nicht, wohin es geht und ob sie ihre Freunde wiedersehen werden. Warum wird unter die verunsicherten und verängstigten Menschen immer wieder von Neuem Unsicherheit gesäht? Warum?

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VIÀN (12), ein etwas älteres Mädchen als DERIN, antwortete auf einen Brief von einem Mädchen aus der Schweiz mit mehreren Zeichnungen. Eine davon ist die obige, die ich als „Postman“ jedoch nicht an die noch zu junge Adressatin weiterreichen konnte. Eine Zeichnung, die etwas von dem vermittelt, was die so fröhlichen Kinder sonst noch für Geschichten mit sich tragen.

 

Wenigstens konnten sie endlich warme, trockene Quartiere beziehen. SALOME Buess von der privaten Hilfsorganisation „Borderfree Association“, die sich seit dem Juli 2016 jeden Tag um die geflüchteten Yeziden in Petra kümmerte, berichtet: den auf verschiedene Orten verteilten Menschen „geht es nun gut.“ DERINS Grossfamilie ebenfalls. Ebenso meinem „kleinen Freund von Idomeni“, DLOVAN, seiner Schwester DILVI, seinem Bruder DIRHAM, der ganzen Familie. Ebenso seinem Freund und begabten Tänzer KAZE. Auf jegliches Nachfragen weiss SALOME Bescheid … scheinbar über jede diese versprengten Seelen! Die letzten im Camp Verbliebenen mussten jedoch so lange warten, dass sie mehrere Tage in schneebedeckten Zelten ausharren mussten. Ein weiteres Mal hatten sie, ohne dass sie Schuld auf sich luden, vermeidbares Leid zu ertragen.

Als ich DERIN traf, waren’s am 1. und 3.  November 2016 noch zwei sonnige Herbsttage. Umringt von einigen Kindern – ich verteilte gerade Briefe von Kindern aus der Schweiz an Kinder im Camp – hörte ich ein herannahendes Mädchen keck rufen: „Hello BABY!“. Ein kleines, vorwitziges Mädchen ruft mich Brocken von Mensch „Baby“. Herrlich! Ab diesem Moment bin ich ihr Baby. Nicht etwa, weil sie nur dieses eine englische Wort beherrschen würde. Ihre Freundin WAFA (10) ist voller Ehrfurcht vor der jüngeren DERIN, weil diese sich die englische Sprache schnell aneignen würde.

Auf diese Weise lerne ich DERIN kennen. Ich wohne ihrem Spiel bei, beobachte, wir sprechen miteinander, so gut es geht, wenn beide Seiten auf Empfang gestellt sind. So keck wie das Mädchen ist, so gerne ziert sie sich, fotografiert zu werden. Doch irgendwann schmilzt das Eis. Und am Schluss, nach zwei Tagen drängt sie mich: „Photo me! Photo me!“

Dies nun die Fotostrecke, begleitet von den Worten:

Hello Baby!
Hallo Europa!
Das ist DERIN, aus Sindschar im Irak,
Geflüchtet vor den Barbaren des „Daesch“ (IS),
Gestrandet im Niemandsland innerhalb der Grenzen des Schengenraums,
Festgehalten in einer der „Zwischenablagen“ der europäischen Asylpolitik dieser Tage,
In denen es zu systematischen und andauernden Menschenrechtsverletzungen kommt,
Verübt durch jene Institutionen, zu deren höchsten Werten die Wahrung der Würde des Menschen und der Schutz dieser Menschenrechte gehörten.
Doch DERIN ist nicht nur nicht kleinzukriegen,
Nein!, sie ist schlicht grossartig.

Frohe Weihnachten.
Merry Christmas!

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Beim Spiel mit YAZMIN (links), der Tänzerin (siehe „SAMIS Move“).

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Zusammen mit WAFA.

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„Photo me! Photo me!“

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Falls jemand Spenden möchte, kann ich wärmstens folgende kleinen, privaten Initiativen und Organisationen empfehlen, die ich seit Dezember 2015 in Griechenland persönlich kennengelernt habe:

borderfree association (VANJA Crnojević et al.):
Unterstützt Flüchtende direkt in Camps in Griechenland und Serbien.
CHF Konto – IBAN: CH71 0900 0000 6159 3305
EUR Konto – IBAN: CH58 0900 0000 9155 0838 2
BIC: POFICHBEXXX
borderfree association, Zentralstrasse 156, CH-8003 Zürich
Website: borderfree association

The Voice of Thousands (Michael GROSI Grossenbacher und BETTINA Konetschnig et al.)
Unterstützt ausgewählte Flüchtende direkt in Camps in Griechenland und anderswo.
PC-Konto: 89-869498-8
IBAN: CH85 0900 0000 8986 9498 3
The Voice Of Thousands, Eidmattstrasse 2, 8032 Zürich
Website: Verein The Voice of Thousands 

schwizerchrüz.ch (MICHAEL Räber et al.)
Unterstützt Flüchtende (Community building) direkt in Camps in Griechenland und in der Türkei, und Hilfeleistung auf Lesbos.
Migrosbank 8010 Zürich Mülligen
IBAN CH11 0840 1000 0592 3559 4
Auf den Namen: Rahel Räber, Effingerstr. 17, 3629 Kiesen, Schweiz.
(BIC/SWIFT MIGRCHZZXXX, ClearingNr/Bankleitzahl 8401)
Website: schwizerchrüz.ch

KHORA (LISKA Bernet et al.)
Social center in Athen. Khora is a co-operative foundation, based in Greece. We offer ongoing compassionate support for refugees in Athens.
Kontoname: Khora
PC-Konto 91-974246-8
IBAN: CH5609000000919742468
BIC: POFICHBEXXX
euroSIC Clearing Nr.: 090002
Bank: PostFinance AG Mingerstrasse 20 3030 Bern
Website: KHORA

Verein Fair (CYRIL Romann et al.)
Unterstützt Flüchtende direkt in Griechenland, Serbien und der Türkei.
Kontoinhaber: FAIR.
Adresse: Schlossstrasse 12, 2560 Nidau, Switzerland
Kto-Nr.: 60-729289-0
IBAN: CH65 0900 0000 6072 9289 0
Mitteilung: Direkthilfe
Website: Verein Fair

Ceriba – Soziale und Humanitäre Hilfe (SASH Wegmüller et al.)
Nach einer schöpferischen Pause wieder „on track“: Hilfseinsätze im Ausland (Griechenland, Balkan-Route), Online-Betreuung, Social Media Austauschplattform „MoveForLife“, …
CERIBA / 3000 Bern
Postkonto: 61-864758-2
IBAN CH29 0900 0000 6186 4758 2
BIC (SWIFT-Code) von PostFinance: POFICHBEXXX
Website (Facebook): Ceriba

Save Assist Outreach – Frauen für Frauen auf der Flucht (RAQUEL Herzog et al.)
SAO sorgt für Wetterreporte, sichere Bootsankünfte, ein grosses Warenlager auf Lesbos, Kindernahrung, für Rückkehr für im Zielland angekommene Frauen ins Studium.
Spenden-Button auf website (nur Paypal)
oder
Raiffeisenbank Würenlos
IBAN CH34 8074 7000 0021 0307 7
BIC RAIFCH2274
Kto. von SAO Save Assist Outreach
Website: SAO Save Assist Outreach

 

 

 

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