ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [Teil 1/7]

[Artikel-Foto:  2.5 Millionen Menschen sind im Nordirak vertrieben. Eine unermessliche Herausforderung. Eine kurdisch-appenzellerische Kooperation demonstriert den Weg: Vereint in Aktion. Daraus erwächst – so nebenbei – auch Freundschaft.]

Was passiert mit jenen Menschen, die sich gezwungen sehen, alles hinter sich zu lassen, um sich und die Familie in Sicherheit zu bringen? Was geschieht gleichzeitig mit uns, die in jenen Ländern in Europa leben, in denen diese Menschen – nur zum kleineren Teil – um Zuflucht bitten? Diese zwei Fragen stecken im Titel dieses Blogs „Die Menschen auf der Flucht und wir“. Ausgangspunkt ist Griechenland, neben Italien aktuell die wichtigste „Pforte zu Europa“.

Die Geschichten, die sich in den letzten achtzehn Monaten aus dem Geschehen und Erlebten aufdrängten, erzählt zu werden, waren vielfältig, manch eine auch unerwartet. Ein Aspekt blieb jedoch der Vorstellungskraft vorbehalten: Der Ursprung der Flucht. Das Erfahren der Heimat, aus der Menschen vertrieben wurden, weil sie um ihr Leben fürchte(te)n.

Ende Mai 2017 bot sich die Gelegenheit, etwas näher an gewisse dieser Ursprünge vorzudringen: Dank einer Delegation einer appenzellerischen Hilfsinitiative wurde es möglich, auf privilegierten Pfaden in die „Autonome Region Kurdistan“ im Nordirak zu reisen. Es wurde …

  • … eine Reise zu den Wurzeln der yezidischen Ethnie, Religion und Kultur, deren Heimat der Nordirak ist, was zahlreiche Heiligtümer und heilige Orte bezeugen – sofern sie nicht zerstört wurden.
  • … eine Reise zu jenem Teil des kurdischen Volks, das in Irakisch-Kurdistan weitreichende Autonomie erlangt hat, und nun mit Öl-, Wirtschafts- und Politikkrise, mit Krieg, Terror und Flucht von 2.5 Millionen Menschen klarkommen muss. Auch dorthin, wo ein Traum solange die Menschen umtreibt, bis er doch noch einmal wahr wird: jener Traum der Unabhängigkeit des grössten Volkes ohne eigenen Staat. Die Kurden als Volk werden auf dreissig Millionen geschätzt. Irakisch-Kurdistan träumt davon, als erste den Sprung in diese Unabhängigkeit zu schaffen, was Regional- und Weltmächte seit Jahrhunderten zu verhindern wussten. Seit der Niederschlagung des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg wurde Kurdistan aufgeteilt und vier Staaten, damals teils Kolonien unter französischer oder britischer Kontrolle zugeteilt: Türkei, Persien, Syrien und Irak. Bei einer Kurdistanreise im Jahr 2017 spürt man in verschiedenen Situationen, wie gross, ja unzerstörbar die Sehnsucht der Kurden geblieben ist, die dieser Traum auslöst.
  • … eine Reise zu den Wurzeln des vielleicht abstrusesten und brutalsten politischen Islams: der ‚Daesch‘, auch ‚Islamischer Staat‘ (IS) oder ‚Islamischer Staat im Irak und Syrien‘ (ISIS) genannt. Ein Kalifat, ein Gottesstaat, ist ihr Ziel. Eine wortwörtliche Auslegung des in einer ganz anderen Zeit und ihrem Weltverständnis geschriebenen Korans ist ihr Ideal und soll auch das einzig gültige Gesetz sein …wohlverstanden nach ihrem radikalen Gusto ausgelegt und als den wahren Islam verkündet. Jahrhunderte der Entwicklung und Anpassung des Islams würden damit weggefegt. Statt zeitgemässer Interpretation und islamischer Kultur, statt islaminterner Reform hin zu einer ‚Ökumene des 21. Jahrhunderts‘ ist die totale Unterwerfung und Unterdrückung der Plan. Dreizehn Jahrhunderte der Evolution sollen auf einen Schlag nichtig sein, wie wenn man die Geschichte mit einen Napalmbrandsatz einfach ausgelöscht hätte. Ähnlich Napalm ist auch ihre Panik provozierende Art, wie sie Krieg führen.
  • Demgegenüber steht die aufgrund der Aktualität fast vergessene Geschichte, dass dieser Raum des Zweistromlands zwischen Euphrat und Tigris die Wurzel unserer Zivilisation ist: Hier wurden wichtige Errungenschaften der Menschheit auf die Welt gebracht. Von hier stammt die erste Schrift: Es markiert den Übergang vom Piktogram zur Keilschrift. Ein neues, die Welt bewegendes Medium der Kommunikation wurde erschaffen. Mesopotamien ist geschichtlich so etwas wie die Urzelle zivilisierten Lebens. Die erste Rechtsordnung wurde hier entworfen, das Bier erfunden, die Keramik, der Ziegelstein. Hier machte Kultur und Technik riesige Entwicklungssprünge. Daraus entsprang auch das Wissen, wie man Städte baut.

Diese zivilisierte Welt und mit ihr eine ungemeine kulturelle Vielfalt wurde bereits in der Vergangenheit durch Verfechter eines politischen Islams angegriffen. Man spricht von Religion, meint aber Macht. Das war so und ist so geblieben. Als im Irak dem sunnitischen Despoten Saddam Hussein aus der sunnitischen Minderheit der Kopf abgeschlagen wurde, wuchs der Hydra gleich – mit Unterstützung des Westens – nicht nur eine sich rächende schiitische Regierung heran. Nein – es entstand über Jahre aus den in den Untergrund abgetauchten Verlierern der Armee und des Geheimdienstes Husseins auch noch die Ideologie und die Miliz des „Islamischen Staats Irak“ (ISI). Hinweise, ja inständigste Warnungen der Geheimdienste schlug man im Westen, gerade auch in den USA, aus anderweitig politischen Zielen in der Administration von Busch Jr. und Obama aus. Erst dank diesem Wegschauen wuchs zuerst im Norden vom Irak eine neue Ausformung radikalen Islamismus‘, die dank Krieg und Terroranschlägen zur globalen Bedrohung wurde.

Mangels Stützung damals noch vorhandener gemässigter Kräfte zerbrach das benachbarte Syrien zusehends. Bashar al Assad metzelte sein eigenes Volk nieder – und tut es zusammen mit Gehülfen aus dem Ausland immer noch – und trieb damit von insgesamt einundzwanzig Millionen ungefähr zwölf bis dreizehn Millionen Syrerinnen und Syrer in die Flucht, mehr als sieben Millionen ins Ausland. Wir alle wissen: Das ist ein Angriff auf die menschliche Zivilisation, auf das, was uns Menschen zu Menschen macht.

Für den IS war dieses brennende Syrien ab 2013 ein ideales, leicht zu radikalisierendes Terrain, um für sich selbst breiten Zuspruch und enorm viel Kraft aufzubauen. Die schwarze Fahnen wehende Mördermaschine nahm erst in Syrien so richtig Fahrt auf: Aus dem irakischen ISI wurde ein ISIS, der auch „Gross-Syrien“ einfassen soll. – Die USA verwendet die Abkürzung ISIL: „L“ für Levante. – Das „Kalifat“ nahm unübersehbar territoriale Formen an. Ähnlich zu Assads Teufelswerk sind die Folgen ihres Tuns: Verbrannte Erde, flächig niedergebombte Städte und Dörfer, Millionen von Flüchtenden, hunderttausende Zivilisten, die als Sklaven gehalten wurden. In Ar-Raqqa (Syrien) und Mosul (Irak) sowie einigen versprengten Dörfern befinden sich noch heute Zivilisten in der Gewalt des IS. Im Mosul sind es geschätzte 150’000 Menschen.

Von diesem Ar-Raqqa nach Mosul verläuft eine strategisch sehr wichtige Achse. An dieser Achse liegt, – oder besser – lag die Stadt Sinjar (Sindschar), auf kurdisch Şingal genannt. Eine Stadt, in der Moslems, Christen und Yeziden miteinander lebten. Für die Yeziden war die Stadt eine Art Hochburg. Heute ist die Stadt vollständig zerstört. Menschenleer.

Meine persönliche Motivation, ausgerechnet in diese Stadt, in diese Region, zu fahren, war: Ich traf Menschen in Griechenland, die in Sinjar oder in den umliegenden Dörfern bis zum Angriff des IS im August 2014 lebten. Ich traf sie im Hafen von Piräus, in Idomeni an der geschlossenen Grenze zu Mazedonien, in Camps um Thessaloniki, Athen und Katerini. Kurdinnen und Kurden und zahlreiche ihrer Kinder. Darunter viele aus der Minderheit der Yeziden, die ich kennen- und schätzen gelernt habe. Ich porträtierte sie in Bildstrecken und Texten, wie etwa:

Als sich nun die Möglichkeit bot, auf quasi sicheren Wegen und begleitet von lokalen Kennern die Heimat der nach Europa Versprengten kurz aufzusuchen, musste ich hin: Um noch besser zu verstehen, was Fliehen bedeutet, um es vielleicht auch weiteren Menschen verständlicher machen zu können.

Der Respekt gerade für die über Jahrhunderte verfolgten Yeziden und ihre Geschichte war dabei eine wichtige Triebfeder, dorthin zu reisen und über ihre Heimat und das dort Erlebte zu berichten. Die letzten achtzehn Monate haben gezeigt, wie ungemein wichtig für Betroffene allein das Hingehen, Hinschauen und Zuhören ist. Bereits vor der Reise wurde mir dies einmal mehr in einfachster Form, und doch eindrücklich aufgezeigt: Um aus der Schweiz in die „Autonome Region Kurdistan“ – ein Kurdistan begrenzt auf den nordirakischen Teil, nicht den syrischen, türkischen oder iranischen – reisen zu können, braucht es eine Art inoffizielles Visum von der kurdischen Repräsentanz in Bern. Beim Warten auf das Visum kam ich beim Tee – eine Pflicht! – ins Gespräch mit einem seit fünfzehn Jahren in der Schweiz lebenden Kurden, der mit seiner Familie in einen sicheren Teil von Irakisch-Kurdistan zurückkehren will. Als wir uns verabschieden und uns dazu die Hand reichen, schaut er mir intensiv in die Augen und sagt: „Ich danke Ihnen sehr, dass sie Kurdistan besuchen kommen.“ Ich war etwas perplex. Dieser Dank hörte sich absurd an, fühlte sich schräg, ja falsch an. Dann wurde mir beim Spaziergang durch die Altstadt von Bern eines wiederum bewusst: Gerade Vertriebenen und/oder Völkern wie den Kurden, über deren Kopf hinweg ihr Schicksal immer wieder von Neuem bestimmt wurde, ist es wichtig, dass man sie überhaupt wahrnimmt, sie für voll nimmt, ihnen die Hand reicht.

Darum nun noch dieser Bericht eines sechstägigen Blitzbesuchs: Das sanfte wie auch stolze und wehrhafte Volk der Kurden auch nur ein Wenig in ihrem Zuhause kennenzulernen, bot sehr schöne Momente. Wie zu erwarten, waren auch andere darunter: Auch nur annäherungsweise das Ausmass von 2.5 Millionen Binnenflüchtenden – im offiziellen UN-Chargon internally displaced persons (IDP) benannt – zu begreifen, ist auch für ‚Flucht-nach-Griechenland-Erprobte‘ nicht wirklich nachzuvollziehen. Und mehr als einmal war die ganze Reisegruppe schlicht mit dem überfordert, was wir zu sehen bekamen. Wir standen bildlich gesprochen, aber real erlebbar an Abgründen, in welche Menschen andere Menschen stiessen. Alle waren überfordert. Nichtsdestotrotz wurde allen bewusst, jeder und jedem auf seine ganz persönliche Weise, wie wichtig es doch ist, sich dorthin vorzutasten und – wenn auch nur kurz – in diese Abgründe einen Blick zu wagen. Von diesen verstörenden Blicken soll deshalb auch erzählt werden.

Es ist ein Bericht in sieben Teilen:

  1. Die Katholiken von Teufen und ihr humanitärer Einsatz jenseits konfessionellen Denkens
  2. Lalish – Die geistige Heimat der Yeziden oder wie Menschen, die die Idee eines Teufels nicht kennen, zu verfolgten Teufelsanbetern wurden
  3. Dschabal Sinjar – Berg der Zuflucht, Berg der Begierde
  4. Sinjar-City – Apokalyptisch
  5. Ztteli – Wo das Gebet auch dem Agnostiker wichtig wurde
  6. Blick in den Abgrund – Wenn einem aus der Versklavung befreite (Kinds-)Frauen in die Augen schauen
  7. Die Kraft des Lachens – Damit das Unerträgliche nicht den Blick in die Zukunft verstellt

 

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1/7 _
Die Katholiken von Teufen und ihr humanitärer Einsatz jenseits konfessionellen Denkens

Ein Besuch des chaldäisch-christlichen Klosters in Alqosh aus dem 7. Jahrhundert – im 2. Jahrhundert kam das Christentum auch ins Zweistromland – war ein guter Anlass, um über die Rolle der Religionen bei der humanitären Hilfe nachzudenken. Eskandar Salih, von allen „ALEXANDER“ genannt, stellvertretender Leiter des Hauptquartiers der „Barzani Charity Foundation“ in Erbil, meinte: Zahlreiche Organisationen kämen hierher, um zu helfen, jedoch mit einem religiösen oder politischen Hintergedanken. Ein „Exactly“ springt als Entgegnung aus mir heraus: Der beste Weg, die Wurzeln des Übels nicht beheben zu wollen, ist religiöse oder politisch einseitig motivierte Ideologie. Und jetzt eine Hilfsinitiative, die den Ursprung in der katholischen Pfarrei Teufen-Bühler-Stein in Appenzell Ausserrhoden hat, man möchte meinen, ach je!, solche missionarischen Initiativen kann Kurdistan nun wirklich nicht gebrauchen. Doch dem ist nicht so: Unter der Leitung des Diakons der Teufener Kirche, STEFAN Staub, wird zwischenmenschliche Hilfe im ureigensten Sinne geleistet. Egal ob Christen, Yeziden oder Muslime, egal ob Kurden, Araber oder sonst eine Volkszugehörigkeit: Menschen in Not wird geholfen, ohne es an Bedingungen zu knüpfen.

Seit eineinhalb Jahren sammeln die Teufener Spendengelder und Kleider. Das Geld wird ohne administrative Abzüge in die Hilfe vor Ort in Kurdistan eingesetzt, dort, wohin viele internationale Organisationen oder Gruppierungen kaum oder gar nicht hinkommen. Die Appenzeller finanzieren und liefern: Milchpulver für Babys und Kleinkinder, Hygieneartikel, zwei Schulbusse, ein Trinkwassertankwagen, einen Traktor mit Anhänger, vier Hochleistungsgeneratoren zur Elektrifizierung der Camps, Medizin für Krankenstationen im kurdischen Niemandsland, Spielbälle für die tausenden Kinder in den teils riesigen Flüchtenden-Camps und Weiteres mehr. Weit mehr als 200’000 CHF wurden bereits dafür eingesetzt. Ihr Wirken zeigt langsam Wirkung auf Dritte: Man kennt die Appenzeller zunehmend in den Hilfsstrukturen wie UNHCR, das grundsätzlich die minimale Infrastruktur für Camps liefert, diese aber nicht selbst betreibt. Man kennt sie vor allem in den Camps: „Our friends.“

Damit diese Hilfe nahtlos zu den in Not geratenen Menschen gelangt, arbeitet man mit der „Barzani Charity Foundation“ (BCF) zusammen, einer Organisation von 450 Angestellten. Ohne den Namen Barzani geht in Irakisch-Kurdistan wenig: Treibende Köpfe der Autonomiebestrebungen seit den 1930er Jahren waren die Brüder Ahmed und Mustafa Barzani. Ein politisches und kriegerisches Katz-und-Maus-Spiel mit der Zentralregierung in Bagdad, teils von Mustafa auch aus dem Exil im Iran gelenkt, führte 1970 zur Teilautonomie von Irakisch-Kurdistan. Nach dem Tod von Mustafa übernahm 1979 sein Sohn Masud den Vorsitz der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP). Über den zweiten Golfkrieg 1991 und über den Irakkrieg und den Sturz Saddam Husseins im 2003 wurde 2005 eine weitreichende Autonomie in der irakischen, föderalen Verfassung festgeschrieben: Die „Autonome Region Kurdistan“ wurde Tatsache, und blieb bislang die einzige Föderation innerhalb des Staats Irak, der auseinanderzubrechen droht.

Der heute siebzig Jahre alte Masud Barzani ist seit 2005 Präsident der Regionalregierung, Ministerpräsident ist sein Neffe Nêçîrvan Barzani. 2013 war die präsidiale Amtszeit abgelaufen, sodass das Regionalparlament eine ausserordentliche Verlängerung beschloss. Als 2015 auch diese ablief, kam es zum Eklat: Mitglieder der Gorran-Partei – „Partei des Wandels“ –, die mit der KDP die Regierung stellten, sich aber gegen eine weitere Verlängerung wandten, wurden aus Parlament und hohen Ämtern entfernt. Neuwahlen und die Präsidenten-Nachfolge sind seitdem ausgesetzt. Masud Barzani regiert ohne parlamentarische Legimität weiter. Die Begründung: Man müsse zuerst diese Irakkrise in stabilen Verhältnissen überstehen. – Eine schwerwiegende Belastung für die junge Demokratie im irakischen Kurdistan.

Als vielleicht letzter Akt seiner eigentlich bereits abgelaufenen Präsidentschaft strebt Masud Barzani nun, wo sich die Befreiung Mosuls abzeichnet und Irak aus dem unmittelbaren Kriegzustand befreit werden könnte, ein unabhängiges, vom Zentralstaat Irak vollständig abgelöstes Irakisch-Kurdistan an. Am 7. Juni 2017 kündigte er ein Unabhängigkeitsreferendum für den 25. September 2017 an. 2014 geschah dies schon einmal. Das Vorhaben wurde dann infolge des Schocks durch die IS-Invasion fallengelassen. Nun aber soll die Gunst der Stunde genutzt werden. Wirtschaftlich und politisch liegt zwar Vieles im Argen. Doch kaum je hatte man dank des Befreiungskriegs gegen den IS eine so starke Position gegenüber der Zentralregierung wie auch gegenüber der Weltöffentlichkeit: „Ein Referendum wird der internationalen Gemeinschaft zeigen, was die Bürger wollen.“ Und es könnte auch dazu dienen, mittels Referendum den offenen Streit unter den irakischen Kurden – zwischen KDP, Gorran und der „Patriotischen Union Kurdistan“ (PUK) des vorangegangenen Präsidenten Dschalal Talabani – zu überwinden. Der gemeinsame Gegner eint. Weiterstreiten kann man ja auch in der Unabhängigkeit. – Sollte es zum Referendum kommen, ist ein deutliches Ja zur Unabhängigkeit zu erwarten. Barzani meint in einem Interview mit „FOREIGN POLICY“ vom 12.6.2017: „We are going to start serious, peaceful negotiations and dialogue with Baghdad.“ Ein Referendum widerspiegle auch die Werte der internationalen Gemeinschaft: „… the peaceful, democratic right of people to express their own decisions about their destiny.“ Gegen ein Referendum zu sein, bedeute, man sei auch gegen die Demokratie. So Masud Barzani. Nur wird die Türkei dies nicht zulassen, und so verrückt die westliche Welt das diktatorische Werk Erdogans auch einschätzt, man wird das NATO-Land Türkei nicht fallen lassen. Einmal mehr werden die Kurden enttäuscht werden. Einmal mehr wird man Gründe für Wut und Abwendung liefern. Einmal mehr…

Soviel der Geopolitik. Ebenfalls 2005 wurde die Barzani Stiftung (BCF) selbst gegründet. Zum Wiederaufbau eines neuen, föderalen Iraks brauchte es nicht nur internationale Organisationen, Unternehmen und Stiftungen mit ihren handfesten Eigeninteressen, sondern auch irakische …und kurdische. So posiert nicht nur auf allen Plakaten, Flaggen, Wandfotos Kurdistans das Gesicht von Mustafa Barzani (1903-1973), er trohnt auch über dem Logo der BCF. Die Stiftung gilt als politisch unabhängig: eine international anerkannte Non-Profit- und Non-Governmental-Organisation. Es wäre aber naiv zu glauben, dass der Barzani-Hilfsflügel nicht mit dem politischen Barzani-Flügel verbunden wäre. – Allein unser Fahrzeug-Convoy zeigt es: einen SUV stellte die Stiftung, zwei die Administration des Präsidenten.

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Entscheidend ist jedoch, dass die Foundation unverzichtbare Arbeit leistet, finanziert mit Geldern aus der Erdölförderung, aus Immobilien etc., aber auch von ausländischen Geldgebern. Da Kurdistan seit Langem geo- und ressourcenpolitisch betrachtet von strategischer Bedeutung ist, wollen viele einen Schuh in der Region haben. Das macht sich die Barzani Stiftung für ihre humanitäre Mission zunutze.

Im Nordirak gibt es 51 Camps, die mehr als eine Million Menschen betreuen: Internally Displaced Persons (mehrheitlich Iraker) und Refugees (mehrheitlich Syrer). Die restlichen, grob die andere Hälfte der 2.5 Millionen Vertriebenen – befinden sich meist unbetreut irgendwo in den Dörfern und Städten im Norden Iraks.

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Blick auf die Karte mit den Standorten der 51 Flüchtenden-Camps, vor allem zwischen Mosul und Erbil.
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Alltag in einem der 51 Camps in Irakisch-Kurdistan: heiss, trocken, trostlos, zermürbend. (Im Bild: Camp „Chamakor“)
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Camp „Hassansham U2“.

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In allen Camps hält die Stiftung ein eigenes Büro, in manchen übernimmt sie lediglich einzelne Funktionen, in vierzehn Camps trägt sie selbst die Verantwortung fürs ganze Camp-Management.

Einer dieser Manager ist AHMED, der Leiter des Camps „Hassansham U2“ mit 1’300 Zelten, das erst vor einer Woche neuen Zustrom aus Mosul bekam und wo nun jene Familien mit Kindern und Babies mit Milchpulver – 3’000 Dosen – , finanziert durch die Teufener, versorgt werden. AHMEDS Dankbarkeit ist ungespielt.

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Camp-Manager AHMED (rechts) mit UELI Schleuniger (links) und Diakon STEFAN Staub.

Ein anderer Camp-Manager ist TWANA Anwer. Wir sitzen mit ihm in einem Container im Camp „Khazir M2“ zusammen. Das Camp ist neu errichtet: 7’000 Zelte, davon sind 6’000 besetzt. Es zählt 35’900 ‚Einwohner‘ – soviel wie etwa die schweizerische Kantonshauptstadt Chur. Wir diskutieren die Lage, er erzählt und erklärt: die politische Lage, jene im noch umkämpften Mosul, wo noch 400’000 Menschen leben, ein Drittel davon vom IS festgehalten, von wo weiterhin Menschen in neu geschaffene Camps rund zwanzig Kilometer östlich von Mosul beziehungsweise westlich von Erbil flüchten. Man ist bestrebt, die Flüchtenden ausserhalb der Städte zu betreuen: wegen der Kontrolle und auch um zu betonen, dass die Camps nur auf Zeit anzusehen sind; das Ziel ist die Rückkehr in ihre Heimatorte.

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Camp im „JWD“ zwischen Mosul und Erbil.

Wer beispielsweise die Bilder und die anklagenden Worte vom Autoren, Publizisten und Pazifisten Jürgen Todenhöfer berücksichtigt, wie beispielsweise das bereits befreite Mosul-Ost dermassen „in Grund und Boden bombardiert“ ist, mag an der Umsetzbarkeit dieses Ziels zweifeln. TWANA berichtet denn auch, dass nach Mosul-Ost heimgekehrte Menschen vor der totalen Zerstörung der städtischen Infrastruktur, ihres eigenen Hab und Guts, ihres Hauses oder ihrer Wohnung kapitulierten und nun wieder in die trostlosen Camps zogen: Dort gibt es trotz dem Fehlen vieler Dinge wenigstens ein Zelt, etwas zu Essen und zu Trinken. Doch was sind die Perspektiven für die Zukunft? Todenhöfer, der es wagt, auch zur westlichen Anti-IS-Allianz kritische Distanz zu behalten, klagt an: „So zerstört man nicht den IS, nicht den Terror. So zerstört man Mosul und so züchtet man den Terrorismus.“ Zumindest bedenkenswert sind diese Warnungen. Das zerschmetterte Sinjar zeigte uns selbst, wie hoffnungslos eine Rückkehr erscheint. – Mehr dazu in Teil 4/7 „Sinjar-City – Apokalyptisch“. – Fehlen auf lange Zeit die Zukunftsperspektiven, wurden diese weggebombt, findet früher oder später jede Form von Radikalismus ihren Nährboden.

TWANA, der Camp-Manager, muss sich zusammen mit seinen zwanzig Angestellten aktuell ums Überleben der aus der Terror- und Anti-Terror-Hölle Geflüchteten kümmern. Er ist ein junger Mann, kein smarter Manager, nein, Smartness wäre hier irgendwie auch unangebracht. Ein ernsthafter Mensch, mit einem sympathischen Lächeln.

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TWANA Anwer, Camp-Manager im Camp „Khazir M2“.

Alle aus unserer Gruppe sind beeindruckt von ihm, wie er ganz ruhig berichtet, wie er mit seiner Erscheinung spürbar macht, was er später selbst sagt: Es sei für ihn eine Ehre zu helfen. „Wir sind hier 24/7.“ Es sei hart, physisch und psychisch. Sie würden hier versuchen, jenen Ehrenkodex, zu dem Präsident Barzani sie ermuntere, auch umzusetzen. TWANA hat ihn bereits verinnerlicht: Er empfinde beim Helfen Freude und Befriedigung. „Es ist ein Gefühl, das du mit keinem Geld kaufen kannst.“

Ich beobachte UELI Schleuniger, der von TWANA als „Our man for difficult missions“ genannt wird. Dieser UELI, ich kenne ihn von Lesbos 2015/2016, einer vom Typ ‚humanitärer Cowboy‘, mit Offizierserfahrung in der Schweizer Armee, dieser UELI zeigt Rührung bei den Worten TWANAS. Uns sagt er später, ausserhalb des Containers: Er empfinde es seinerseits als eine Ehre, mit Menschen wie TWANA zusammenzuarbeiten. Wer den Cowboy kennt, weiss, er meint es ernst. – Die Appenzeller und die Kurden können gut miteinander.

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Das Team, das die kurdisch-appenzellerische Kooperation sicherstellt. Von links: HUNER Askar, der liebenswürdige Fahrer der BCF-Stiftung, UELI Schleuniger, der „Effizienz-Freak“ aus der Schweiz, und Eskandar „ALEXANDER“ Salih, der ihn immer wieder daran erinnern muss, dass sie hier in Kurdistan agieren. Den kulturellen Unterschieden zum Trotz: Es funktioniert.

Dieser UELI, ehemals Unternehmensberater, ist einer jener, von denen man sagt, sie wären nun „im Ruhestand“. Ruhen und Stehen sind aber nicht seine Dinge. Kreative Unruhe steht ihm besser an. Darum ist er so etwas wie e der Teufener Initiative vor Ort in Kurdistan geworden. Seit Januar 2016 war es nun sein siebter Aufenthalt hier. Er klärt den Bedarf in den Camps vor Ort ab, fragt kritisch nach, und wenn ihn etwas nicht überzeugt, fragt er noch hartnäckiger nach. Man hat sich dabei gut eingespielt: Die Kurden machten sich anfänglich noch Hoffnung auf anderweitige Hilfe aus der Schweiz: politische, manche gar militärische. – Siehe dazu auch den Artikel: „Kommen drei Appenzeller nach Kurdistan“ von Christian Zeier im Tages-Anzeiger-MAGAZIN Nr. 26, 2.7.2016. – Heute ist klargestellt: Die Teufener leisten humanitäre Arbeit.

Wenn also der Bedarf kritisch geprüft ist, denken sich UELI mit ALEXANDER von der Barzani Stiftung Lösungsansätze aus und der Schweizer trägt dann die Anliegen heim nach Teufen.

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Die Köpfe vor Ort: Eskandar „ALEXANDER“ Salih, Vize-Chef des Büros der Barzani Stiftung in Erbil, mit UELI Schleuniger anlässlich eines Treffens mit dem kurdischen Landwirtschaftsminister im Headquarter der Stiftung. Mit dabei auch der PR-Chef.

Dort wird beraten und unbürokratisch entschieden. Kein Wunder: Gemessen am Sound des Katholizismus‘ ist Diakon STEFAN einer von unkonventionellem Wesenszug. Lebensfreudig, humorvoll, voller Tatendrang. In seiner Welt muss etwas laufen. Um dies zu erreichen, muss man zügig zum Handeln kommen. So entstand auch die Hilfsinitiative: Der frühere Zahnarzt von Teufen, Fauzi Kaddur – „üse FAUZI“ – , heute „Botschafter“ der Autonomen Region Kurdistan in Bern, durfte – wie vor ihm Künstler, Komiker, Banker – in der Kirche Teufen über das Schicksal seines kurdischen Volkes erzählen. Nach diesen Worten war es um die Teufener geschehen. Angetrieben durch STEFAN musste etwas zum Laufen gebracht werden.

Mit von der Partie bei dieser Kontroll-, Einweih- und Zwischenbilanz-Reise nach Kurdistan waren noch MARIANNE Krummenacher, die Verantwortliche für die Kleidersammlungen, INGE Schmid, Biobäuerin und SVP-Gemeindepräsidentin vom Nachbarort Bühler, FABIO Malinconico, Integrationsbeauftragter in der Ostschweiz, FELIX Herkert, kriegs- und naturkatastrophenerprobter Chirurg a.D., und ERICH Gmünder, Chefredaktor der „Tüüfner Poscht“, der Dorfzeitung von Teufen.

Die Teufener im Einsatz:

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UELI Schleuniger sorgt für Übersicht, mit MARIANNE Krummenacher (links) und INGE Schmid (rechts).
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Bananen-Stopp: nährend und auch für Anderes nützlich. – In der Mitte FELIX Herkert.
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Der Integrationsbeauftragte FABIO Malinconico mit einem Jungen im Camp „Hassamshan U2“.
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Begrüssung durch HADJI, dem Chefmechaniker der Barzani Stiftung, vor dem Zentrum auf dem Sinjar Mountain. – Mehr zu diesem Berg in Teil 3/7.
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Empfang beim Leiter des BCF-Centers auf Sinjar Mountain.
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Ein Austausch über kulturelle, politische und religiöse Grenzen hinweg.
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Einweihung der Spendengüter – „Donation from Friends“. Ein Traktor für Sinjar Mountain.

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Ein Trinkwasser-Tankwagen gegen das semiaride Klima auf und um den Sinjar Mountain.
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Die Teufener vor einem der zwei über sie finanzierten Schulbusse.
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Es war schulfreier Feiertag. Trotzdem fanden sich im Nu eine Schar neugieriger Kinder ein. Und der Diakon STEFAN Staub sorgt für Animation.
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Einer von vier Energy Boosters …
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… by Appenzell Power.

 

[Ende Teil 1/7 – Teil 2/7 folgt morgen.] 

 

 

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