ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [TEIL 2/7]

[Artikelfoto: Die schwarze Schlange – eine heilige Kreatur der Yeziden – schützt Orte und Häuser, wie hier den Eingang zum Schrein von Schaich Adi ibn Musafir, dem allerheiligsten Ort der Yeziden in Lalish. Wer schützt die Yeziden als bedrohte Minorität?]

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Lalish – Die geistige Heimat der Yeziden oder wie Menschen, die die Idee eines Teufels nicht kennen, zu verfolgten Teufelsanbetern wurden

Fahrt von Erbil – Mosul nördlich umfahrend – nach Dohuk im Nordwesten von Irakisch-Kurdistan, einer Stadt, die der türkischen Grenze im Norden beziehungsweise der syrischen im Westen bereits fünfzig Kilometer nahe kommt.

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Strasse nach Dohuk.
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Soweit das Auge reicht: Trockenfeldanbau, denn Kurdistan ist eine Kornkammer.

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Zwischenhalt in LALISH.

Ein Gott, eine Perle, sieben Engel und eine schwarze Schlange zeichnen die Geschichte und die Religion der Yeziden vor. Es ist eine Religion, die nur auf mündlicher Überlieferung, mit Liedern und Bräuchen, beruht. Eine monotheistische Religion mit einem allwissenden Gott, der die Erde aus einer Perle erschuf und ihr Wohl in die Hände von sieben Engeln legte, auch die sieben Mysterien genannt. Auf der Erde hatte Gott ebenfalls sieben Statthalter: Scheiche, die alle Reinkarnationen der heiligen Engel Pfau, Dardail, Israfail, Mikail, Gibrail, Shamnail und Turail waren.

Melek Taus, der Engel Pfau, ist der bedeutsamste. Seine Darstellung als pfauenähnlicher Engel wurde der yezidischen Gemeinschaft, ihrer Religion und Kultur zum tödlichen Verhängnis. Im Christentum und im Islam gilt dieser als gefallener Engel oder gar als Teufel, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Doch das yezidische Original besagt es anders: Da der Engel Pfau sich zu einer gottähnlichen Figur ‚aufplusterte‘, fiel er in Ungnade und wurde von Gott verbannt. Als Prüfung, damit er seinen echten Glauben zu Gott finden konnte. Als Melek Taus diese Demut fand, machte ihn dies dann zum wichtigsten irdischen Vertreter: „Gottes Engel“.

Doch das Bild des „gefallenen Engels“ blieb in zu vielen Köpfen erhalten, erst recht, weil der Engel Pfau auch noch Ähnlichkeiten zu Iblis, dem Teufelsbild der Muslime hatte. So war es zuerst ein Missverständnis, dass die Yeziden als „Teufelsanbeter“ angesehen und verunglimpft wurden. Der Machtanspruch des expandierenden Islams führte dann dazu, dass die Yeziden als Angehörige einer viel älteren Glaubensrichtung – dank der Möglichkeit bösartiger Unterstellung – über Jahrhunderte verfolgt, getötet oder gezwungen wurden, zu konvertieren. Was für eine Tragik, als Teufelsanbeter verfolgt zu werden, wenn man doch im Yezidentum das Konzept des Teufels, das Böse als Gegenbild zu Gott, gar nicht kennt. Nur der Mensch, kein höheres Wesen würde Böses tun. Und genau so kam es.

Das Yezidentum, das nach neueren Erkenntnissen bis ins dritte, oder gar vierte Jahrtausend vor Christus zurückreicht, somit vorchristlich und vorislamisch ist und die eigentliche Ursprungsreligion der Kurden darstellt – welch Erkenntnis! –, wurde immer mehr dezimiert: Das Wirken der Assyrer, Alexanders des Grossen, der Römer, Araber, der Mongolen, Turkmenen, Osmanen und die wachsende Arabisierung Iraks seit 1965 durch die Baath-Partei machte die Yeziden zu einer winzigen ethnisch-religiösen Minderheit. Die Schätzungen gehen weit auseinander: Man schwankt zwischen 300’000 und 800’000 Yeziden weltweit. Die grösste Diaspora der Yeziden lebt in Deutschland, je nach Schätzung sind es 35’000 bis 100’000. Kernland ist jedoch der nördliche Irak, zudem das nördliche Syrien und der Südosten der Türkei.

Im Irak selber sind beziehungsweise waren es zwei Hauptgebiete: Zum ersten ist es die Region Schaichan nordöstlich von Mosul und östlich von Dohuk mit dem religiösen Zentrum in Lalisch, mit dem Dorf Ba’ahdra, wo das geistliche und weltliche Oberhaupt Mîr – „Prinz“ – residiert, und Ba’schiqa und Bahzane, den Zentren der Gelehrten. Zum andern waren es weiter im Süden der Dschabal Sinjar – Sinjar Mountain –  mit den umliegenden Dörfern (siehe Teil 3/7) und Sinjar City (Teil 4/7). Die Dörfer und die Stadt sind heute von den Menschen vollständig verlassen: Wer den Genozid, begonnen im August 2014, überlebte, ist in Camps in Kurdistan, in der Türkei oder nach Europa geflüchtet, wo viele immer noch in Griechenland festgehalten werden.

In Griechenland ist auch meine persönliche Beziehung zu den „Êzîdîs“ entstanden: Dort traf ich Tahssin, seine Frau Zina, ihre Kinder Mària, Lara, Ramì und Amìr, meinen kleinen Freund DLOVAN, seine Schwester DILVI und seinen Bruder DIRHAM, den lernbegierigen AIMEN, den Tänzer SAMI und seine Schülerinnen SOLEAN, NAHNAM, HELEAN und YAZMIN wie auch den grossartigen Knaben GHAZIE oder etwa die siebenjährige Herzensbrecherin namens DERIN.

 

Viele andere Yeziden, die etwas Sicherheit in gegenseitiger Nähe zueinander suchten, lernte ich kennen. – Ihnen, die in den „Zwischenablagen“ der europäischen Asylpolitik lange, teils unter unmenschlichen Bedingungen ausharren mussten und es teils immer noch müssen, ist dieser Kurdistanbeitrag gewidmet.

Was für eine Freude und Privileg – aber auch was für ein Schrecken! –, ihre Heimat und ihre Heiligtümer besucht zu haben. Vorerst war es Lalish. Dorthin kam im 12. Jahrhundert der Scheich Adi ibn Musafir, die Reinkarnation von Melek Taus, dem Pfauenengel, in einer Zeit, wo es den Yeziden bereits nicht so gut erging, und es eine Belebung bedurfte. Seitdem ist Lalish der wichtigste Pilgerort der Yeziden. Alle Yeziden sollten einmal im Leben dort gewesen sein, am Besten anlässlich des „Festes des Zusammenkommens – Jezhna Jemaiye“, wo nach ihrem Glauben auch alle „sieben Mysterien“ zusammentreffen und wichtige Entscheidungen fürs kommende Jahr beschliessen würden.

So versammeln sich die Yeziden – wenn es ihnen die Lebenssituation und Sicherheitslage überhaupt erlaubt – an der Grabstätte von Scheich Adi, auf dem Platz davor, der den vielversprechenden Namen „Markt der Erkenntnis“ trägt. – Hätte die Erkenntnis der Mitmenschlichkeit nur all ihre Verfolger eingeholt, bevor jene Erkenntnis zur bitteren Wahrheit wurde, dass das Böse nur aus dem Menschlichen kommt.

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„Markt der Erkenntnis“

Mit dem Bild der „Schwarzen Schlange“, die als heilige Kreatur verehrt wird, treten wir hinein in den Schrein von Scheich Adi ibn Musafir. Die schwarze Schlange soll das Haus schützen: So wie es im sogenannten „Schwarzen Buch“ die Geschichte der Arche Noah erzählt, wie sich die Schlange um die Arche wand, um sie vor dem Untergang zu bewahren. – Eine umarmende, die Yeziden schützende Schlange bräuchte es heute dringender denn je. Ihre Kultur in ihrer Heimat ist von Grund auf bedroht. Sosehr, dass die meisten, die den Genozid des IS an ihnen überlebt haben, vor allem jene, die in den Westen geflohen sind, Angst haben, jemals zurückzukehren.

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Die heilige Kreatur der Schlange. Ein wichtiges Symbol der Yeziden. Wie hier beim Eingang zum Schrein von Scheich Adi ibn Musafir in Lalish, den sie beschützt. Sie wird geküsst, genauso die Türschwelle. Darum darf diese auch nicht betreten, sondern muss überstiegen werden.

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Dem Volk der Kurden – auch Yeziden sind Kurden – wurde und wird die Eigenstaatlichkeit verwehrt. Und für die Yeziden alleine gedacht: Wird es für sie noch eine Heimat der Zukunft geben? Kann auf der Grundlage elementar gewordener Angst Heimat entstehen?

Zumindest ein Ort bleibt, wie es scheint, erhalten: die „Urzelle“ Lalish.

 

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Glücklicher Zufall. ADIL Shamo, vor dreissig Jahren nach Deutschland geflüchtet und in Hannover lebend, ist es als Deutscher vergönnt, periodisch nach Lalish zurückkehren zu können. Unser Glück: Wir haben einen deutschsprachigen Führer.

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Ein Tuch oder ein Kleidungsstück wird über die Figur geworfen: Bleibt es hängen, darf man sich etwas im Geheimen wünschen.
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Amphoren für jenes Öl, das Pilgerer für jene 231 Lichter der Vorfahren mitbringen, die ein unverheirateter Jugendlicher aus dem Hause des „Feqir“ allabendlich anzündet und bis zum Morgengrauen brennen lässt.
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Der Sarkophag von Schaich Adi ibn Musafir aus dem 12. Jahrhundert, der Reinkarnation des Engels Pfau: Malek Taus.
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Eine Wallfahrerin wollte unbedingt, dass ihre Kinder in den heiligen Katakomben von Lalish fotografiert werden.
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Einer jener, die den heiligen Bereich von Lalish umsorgen und bewachen. Er sei Jahrgang 1960 und immer hier gewesen. Er trägt dazu auch den passenden Nachnamen: SEIDO Lalish. – SEIDO wirft sich in jene stolze Pose, die ER für angemessen hält.
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Und so wollte ICH ihn auf dem Bild haben.
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Kein Petersdom, keine Kaaba – doch nicht minder schön in ihrer Einfachheit: die Qubbas von Lalish, die die heiligen Schreine überdecken.

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[Ende von Teil 2/7. – Teil 3/7 folgt morgen.]

 

 

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