ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [Teil 3/7]

[Artikelfoto: Warten auf Frieden. Warten auf Freiheit. In der Trostlosigkeit des Hochtals des Sinjar Mountain harren 17’700 Yezidinnen und Yeziden aus und hoffen, dass Krieg, Verfolgung und Unterdrückung endlich ein Ende finden.]

 

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Dschabal Sinjar – Berg der Zuflucht, Berg der Begierde

Nach der US-Invasion 2003 im Irak wurden die Yeziden regelrecht von fundamentalistischen Muslimen gejagt, unter ihnen auch al-Qaida. Einmal mehr standen sie vor der Wahl: entweder Anpassung durch Unterwerfung und Konvertierung oder es blieb nur der Tod. Diese Form von Freiheitsberaubung und Unterdrückung war es und es bis heute geblieben, dass die Yeziden seit Jahrhunderten wiederholt die Flucht ergriffen. So ist auch die vielfältige Diaspora im Südkaukasus, in Russland, Europa, USA und Kanada zu erklären. Und die nicht abreissende Geschichte des Verfolgtseins, die quasi permanente Unsicherheit und Angst liessen nur wenige jemals wieder heimkehren.

Dies untermalen wiederholt die letzten drei Jahre: Der IS nahm im Januar 2014 die nordsyrische Stadt Ar-Raqqa ein und machte sie zur inoffiziellen Hauptstadt jenes „Kalifats“, das der IS-Anführer Ibrahim Abu Bakr al-Baghdadi im darauffolgenden Juni ausrief. – Jener al-Baghdadi, von dem es aktuell aus dem russischen Verteidigungsministerium heisst, er sei möglicherweise bei einem Luftangriff am 28.5.2017 ums Leben gekommen. Was nun diese Tage geprüft wird. – Des selbsternannten „Kalifen“ seine Mörderbanden stiessen am 9. Juni 2014 von Syrien kommend in den Nordirak vor. Die irakische Armee war zahlenmässig und von der militärischen Ausrüstung gesehen überlegen. Modernste amerikanische Waffen standen ihnen zur Verfügung. Doch die Art der Kriegsführung des IS waren neu. Ungeheuerlich.

Ein Vize-General der Kurdenarmee Peschmerga, den wir im Kommandoposten im Dorf Badnaya im Mai 2017 sprachen, erzählt es so: „Wir haben in unserer Geschichte viele kriegerische Auseinandersetzungen erlebt, aber nie so etwas wie mit dem IS.“ Diese seien jederzeit bereit, Suizid zu begehen. Das habe die Kriegsführung völlig verändert.

Die irakische Armee, die nach Saddam Husseins Tod neu aufgebaut wurde, war 2014 mit dieser radikalen Form von Krieg überfordert. Der IS versetzte nicht nur die Zivilbevölkerung, nein auch die Armee in Panik. Mit ihren übers Internet verbreiteten Bildern maximaler Brutalität, mit ihrer Bereitschaft, jederzeit aufs Ganze – den Tod – zu gehen. Michel Reimon schreibt in der ZEIT Online vom 21.8.2014: „Panik ist für sie so wichtig wie Panzer.“ Sie führt zu Kontrollverlust. So hatte der IS mit lediglich 15’000 Kriegsbesessenen leichtes Spiel. Die Iraker flüchteten und liessen modernste (amerikanische) Waffen zurück. – So kämpfen heute in Mosul und Ar-Raqqa amerikanische Waffen gegen amerikanische Waffen. – Im Juni 2014 brachte der IS im Nu die Millionenstadt Mosul in seine Gewalt.

Dann war die muslimisch-yezidisch-christliche Stadt Sinjar – auf kurdisch Şingal – an der Reihe. Sie wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. August 2014 heimgesucht. Ein für alle Mal sollten die Yeziden, diese aus ihrer Sicht „heidnische Religion“ aus vorislamischer Zeit ausgelöscht werden. Männer wurden in Massen exekutiert. Frauen und Mädchen wie Vieh zusammengetrieben, auf Pick-ups verlanden, verschleppt, daraufhin misshandelt, vergewaltigt, als Sklavinnen gehalten und an IS-Getreue weiterverkauft.

2016 wurde dieser Angriff auf Şingal und weiterer yesidischer Dörfer im August 2014 von der zuständigen UN-Kommission als Völkermord anerkannt. Nach yezidischen Angaben soll es der 74. Genozid (!) in der leidvollen Geschichte ihres Volks gewesen sein.

Zwischen 50’000 bis 100’000 Menschen flohen aus Şingal mit Fahrzeugen oder zu Fuss, viele ohne Nahrung und Wasser, hinauf auf den Sinjar Mountain. – Dieser Berg ist faszinierend. Auf dem Satellitenbild sieht der sechzig Kilometer von Ost nach West sich erstreckende Berg aus wie ein Einzeller, der aus dem flachen, semiariden Terrain der Ninive-Ebene herausragt: bis über 1’400 Meter über Meer. Die Nordflanke steil, die Südflanke mit unzähligen, tief sich eingefressenen Erosionsrinnen. Sein Scheitel ist abgetragen. Mehrere Schichtkämme treten an die Oberfläche, und dazu ein langgezogenes Hochtal. Was für ein Anblick! In seiner Kargheit ein schöner Berg. Und für die Yeziden ein heiliger dazu.

Auf diesen heute fast baumfreien Berg flüchteten also die Menschen aus Şingal und den umliegenden Dörfern. Tagelang waren sie ohne Hilfe. Nicht wenige Kinder verdursteten. Und ihren Eltern blieb nichts anderes übrig, als sie auf der Flucht zurückzulassen. Die Panik trieb sie voran. Die Schlächter in Schwarz mit ihren schwarzen Fahnen hatten von ihren Köpfen Besitz genommen. Yeziden selber berichteten, dass die Menschen komplett durchgedreht seien (ZEIT Online vom 8.8.2014). Solange ihre Handys noch Strom hatten, riefen sie ihre Verwandten beispielsweise in Deutschland an: „Helft uns. Wir sterben!“

Der heilige Berg wurde zur Todeszone. Tagelang ohne Verpflegung und ohne Schutz vor der fünfundvierzig Grad heissen Sonne. Und dann schoss der IS auch noch wahllos mit erbeuteter Artillerie auf den Berg. Eingekesselt und allein gelassen – anhaltend der Hysterie und Todesangst ausgesetzt – drohte die totale Vernichtung an heiliger Stätte.

Dies war auch die Botschaft, die Vian Dakhil, Abgeordnete des irakischen Parlaments, am 7.8.2017 in die Welt hinausschrie, in herzergreifenden, verzweifelten Worten. – Wer sich diese einmal angehört hat, wird sie nicht mehr vergessen. – Und Vian Dakhil wurde erhört, von den USA, Deutschland, Grossbrittanien. > Zum Video: Der Hilferuf von Vian Dakhil und Barack Obamas Antwort. Dschabal Sinjar war nun für ein paar Tage im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Mit F/A-18-Kampfjets und Drohnen der US Army wurden Stellungen des IS beschossen, aus Fliegern wurden Lebensmittel und Wasser abgeworfen und mit Helikoptern wurden Hilfsgüter noch mit mehr Präzision auf den Berg geflogen. Auf dem Rückflug wurden jeweils einige der Schutzbedürftigsten per Luftbrücke hinausgeflogen. Michel Reimon, Journalist und Abgeordneter der Grünen Österreichs, wagte sich in diesen ersten Tagen dorthin, flog mit und filmte einen solchen dramatischen Hilfseinsatz. Der Video zeigt das Chaos, die ins Gesicht der Menschen geschriebene Panik, die dadurch kaum mögliche geordnete Evakuierung der Verletzlichsten. Es zeigt das Klatschen der Erleichterung nach der Landung, und auch das Schicksal, dass Kinder ohne ihre Eltern geborgen wurden. > Zum Video von Michel Reimon vom 10.8.2014.

Danach ging das Kerosin aus. Reimon konnte nicht mehr weiter dokumentieren und fuhr mit einem Taxi in sieben Stunden nach Erbil zurück, entlang Tausender zu Fuss Flüchtender. Der Helikopter jedoch, sobald am nächsten Tag wieder Treibstoff da war, flog wieder los. Der Druck der ins Fluggerät Drängenden und Rettung Suchenden war so gross, dass man schliesslich mit Überlast losflog …und abstürzte.

Der Berg war nicht sicher. – Das zeigt auch, dass das zweitwichtigste Yezidenmonument, das Heiligengrab Scharaf ad-Dins auf dem Sinjar Mountain, im Oktober 2014 nochmals vom IS angegriffen wurde. Die im Juli 2014 gebildete yezidische Bürgerwehr Hêza Parastina Şingal (HPS) vermochte das Monument nur knapp verteidigen. Die Rufe nach Hilfe waren wieder dramatisch – wieder musste zuerst ein Aufmerksamkeitsfenster in der Öffentlichkeit aufgestossen werden – und diese Unterstützung kam erst in letzter Minute.

Sobald die auf den Berg geflohenen Menschen dank der Hilfsgüter etwas zu Kräften kamen, auch wenn es nicht reichte, musste die Flucht weitergehen. Der Weg war abenteuerlich und sehr gefährlich. Wer blieb, war eingekesselt, und wer floh, wurde auf der Flucht gejagt. Wahllos sei auf sie geschossen worden. Das einzige Ziel war Mord. Je nach Quelle flüchteten 30’000 bis 50’000 Yeziden dank eines Fluchtkorridors, der von der eigenen Bürgerwehr HPS und syrisch-kurdischen Kämpfern der YPG freigekämpft wurde, nach Westen über die syrische Grenze. Einige flohen weiter über die türkische Grenze, blieben dort: Ihre Anzahl ist unbekannt. Ein kleiner Teil davon floh weiter nach Europa: Griechenland.

In Idomeni waren’s 1’500-1’800 Yeziden. Dort, auf sicherem europäischen Boden, blieben sie stecken. Im Dreck, im Schlamm. Wieder hatten sie das Gefühl, allein gelassen zu werden. Was auch zutraf: Sie wurden mit den anderen mehr als 12’000 Menschen an der mazedonischen Grenze zum europapolitischen Pfand umfunktioniert: Vom schutzbedürftigen Menschen zum Mittel der Abschreckung. [Fotos vom März 2016 in Idomeni, Griechenland.]

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Der grössere Teil der in den Augusttagen 2014 über Syrien geflohenen Yeziden wurden jedoch von der YPG über den Nordosten Syriens wieder in den Irak eskortiert. Sie fanden dann den Weg nach Dohuk im Nordwesten Kurdistans und in die Regionalhauptstadt Erbil, später in neu errichtete Camps für Binnenvertriebene: „Internally displaced persons (IDP)“. Der Grossteil der 300’000-500’000 Yeziden Iraks leben nun dort oder haben sich sonst wo in Kurdistan versteckt. Etwas mehr als 1’000 der Verletzlichsten wurden im Rahmen einer Sonderregelung nach Deutschland gebracht.

In den kurdischen Camps wurden und werden sie bewacht von der irakisch-kurdischen Armee Peschmerga. Jene Truppen, die wie die irakische Armee um Mosul beim Vorstoss des IS vorerst auch Angst bekamen und „kopflos davonrannten“ (ZEIT Online 4.5.2015). Vorwürfe von Yeziden, dass sie in den ersten Tagen nach dem Überfall auch von der Peschmerga im Stich gelassen wurden, hörte ich selbst in Griechenland, und man vernahm es immer wieder über die Medien. Dies erklärt auch, dass die Yeziden weder zu Präsident Barzani noch zu seinen Peschmerga-Truppen Vertrauen haben. Jene, die nach Europa flohen, wollen deshalb auch nicht mehr zurück. Die Angst und das Misstrauen sind zu gross.

Auf diesen Vorwurf angesprochen, reagieren die irakischen Kurden empfindlich. Doch besonnenere Peschmerga-Veteranen wie Minister Sayid Qadir Mustafa sehen es nüchterner und ehrlicher. Zur ZEIT Online vom 4.5.2015 meinte er, sie die alten Peschmerga-Veteranen hätten noch ein Leben lang in den Bergen gelebt und gekämpft. „Der heutige Nachwuchs in Uniform hat sich an das Post-Saddam-Wohlleben gewöhnt, ist schlechter trainiert und bestenfalls noch eine Truppe von Grenzsoldaten. Militärische Offensivmanöver beherrschen die Teilzeit-Soldaten nicht, die endlose Ninive-Ebene ist ihnen unheimlich.“

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Das Bild zum Zitat: Die Unheimlichkeit der endlosen Ninive-Ebene.
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Noch heute unheimlich. Die in den Boden gerammten Pflöcke markieren noch nicht geräumte Minen, die die IS-Mörderbanden beim Rückzug platzierten. Im Hintergrund sind Rauchschwaden brennender Ölfelder sind sehen. Sinnbild für die Strategie der verbrannten Erde.

Der ehemalige CIA-Analytiker Kenneth M. Pollack sagte dem TIME-Magazin bereits früher Ähnliches. Die Stadt-Kurden hätten mit den furchtlosen Bergburschen von früher wenig gemeinsam. „Was ihnen fehlt, ist die bedingungslose Hingabe, die die Peschmerga früher auszeichnete.“ (ZEIT Online 10.8.2014). – „Peschmerga“ heisst übersetzt: „Die dem Tod ins Auge schauen.“ – Wenn auch die Motivation den urbanen Kämpfern nicht fehlte: Es haben sich nach dem IS-Vorstoss zahlreiche unausgebildete Freiwillige den Truppen angeschlossen. Es sollen solche – mit einer gerade gekauften Kalaschnikov bewaffnet – gar mit dem Taxi an die Front gefahren sein. Es waren chaotische Tage, im August 2014.

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Kalashnikov

Doch schon im Juni 2015 fügte Mustafa hinzu: „Dieser Krieg kam für uns wie aus heiterem Himmel, inzwischen haben wir uns auf den Gegner besser eingestellt.“

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Zur wiedererlangten Wehrhaftigkeit der Peschmerga tragen auch heute noch ihre Veteranen bei. Wir haben solche auf der Kuppe des Mount Sinjar angetroffen. Ex-Offizier der Schweizer Armee UELI Schleuniger meint: „Unterschätze nur diese alten Kämpfer nicht.“

Von den inzwischen kriegserprobteren Peschmerga hört man auch, dass erst mit der leichten Milan-Panzerabwehrrakete, die Deutschland ihnen zur Selbstverteidigung aushändigte, der Umschwung realistisch wurde.

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Ein Offizier der Peschmerga zeigt uns den Verteidigungsbereich bei Badnaya / Teleskuf. Vor Monaten war hier noch die Frontlinie hin zur Stadt Mosul im Süden, gut ein Dutzend Kilometer von der Stadt entfernt. Auch wenn man heute weiter vorgestossen ist, hält man diese Linie aufrecht: Ein zweites Mal will man sich nicht mehr überraschen lassen.
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Über hunderte Kilometer ist die Autonome Region Kurdistan auf diese oder ähnliche Weise bewehrt: Ein tiefer, Fahrzeuge verschluckender Graben und vierzig bis fünfzig Meter dahinter wird der Grabenaushub zu einem Wehrdamm aufgeschüttet. Auf diesem werden dann periodisch Grenzposten mit Schiesscharten angebracht. Mangels Nachtsichtgeräten wurde diese Zone zwischen Damm und Graben bei Feindkontakt nachts taghell beleuchtet.

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Im Sommer 2017 steht der IS nun davor, aus Mosul vertrieben zu werden. Die kurdisch-irakisch-internationale Militärkoalition schlägt zurück. Wenn auch so verheerend, dass manchenorts an ein Wiederaufbau kaum zu denken ist (siehe Teil 1/7).

Und es macht den Anschein, dass die 2.5 Millionen Flüchtenden, unabhängig ob als „IDP“ oder „Refugees“, unabhängig ob Araber oder Kurden, unabhängig, ob Muslime, Yeziden oder Christen innerhalb der UNHCR-Infrastruktur hauptsächlich von Kurden selbst so professionell wie möglich betreut und durch die Peschmerga geschützt werden. Panik wurde längst durch Wehrhaftigkeit, Organisiertheit und Fürsorge abgelöst.

Europäische Hilfe ist dabei relativ bescheiden geblieben oder die Hilfsprogramme laufen mangels Geldnachschub aus. UELI Schleuniger spitzt die aktuelle Situation vor dem Hintergrund von Wassermangel zu: „Kein Schwein interessiert sich für die Kurden.“

Die Kurden harren aus. Erstaunlicherweise auch wieder auf dem Sinjar Mountain. Einige Flüchtende sind dort geblieben oder dorthin zurückgekehrt in ein offenes Camp, in diffus in das Hochtal auf dem Dschabal Sinjar verteilte Zelte. Auf mehr als 1’100 Metern über Meer. Einige, das heisst die ‚Kleinigkeit‘ von 17’700 Menschenseelen. – Überlebende Yeziden, verlorene Yeziden?

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Blick ins Hochtal des Sinjar Mountain, wo 17’700 Yeziden in Tausenden von im Tal versprengten Zelten und Notbehausungen auf mehr als 1’100 Meter über Meter zu überleben versuchen.

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Auf dem Weg zum Scheitel des Sinjar Mountain entlang einiger der Zelte im Hochtal.
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Einige der Vertriebenen konnten sich als eigenständigere Überlebensstrategie Schafe und Ziegen zulegen.
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Seit Oktober 2015 gilt Sinjar City und Sinjar Mountain befreit. Nichtsdestotrotz sind weiterhin noch irakische Dörfer entlang der Achse von Ar-Racca (Syrien) über Sinjar City nach Tal Affar bzw. Mosul umkämpft. Mit Ausnahme von Sinjar City sind diese Städte weiterhin in einen Befreiungskrieg verwickelt. Die Feuer und der Rauch im Hintergrund sind Zeugen dieser Auseinandersetzungen im dörflichen Niemandsland  …und Mahnung für die Yeziden, dass sie sich nicht wirklich sicher fühlen können.

Der Dschabal Sinjar war schon früher von strategischer Bedeutung: Die Römer kämpften hier mit dem Partherreich um das antike Singara und diesen Berg. Später kam es hier zum Kampf zwischen Byzanz und den Sassaniden. Und heute bewacht diesen Berg nicht nur die irakisch-kurdische Peschmerga. Auch die türkisch-kurdische PKK hat hier Position bezogen. Eine von der Peschmerga ungeliebte PKK, von der man weiss, dass sie auch vom Iran unterstützt wird. Und …vom Dschabal Sinjar ist es nur noch wenige Kilometer nach Syrien, und nicht mehr soviele, dass Israel nicht auch mit Raketen erreichbar wäre.

Dass dieser Gedanke nicht soweit hergeholt ist, zeigen jüngste Ereignisse. Am 18.6.2017 feuerten die iranischen Revolutionsgarden von zwei Basen im Westiran aus – über irakisches Hoheitsgebiet hinweg! – mehrere Mittelstreckenraketen vom Typ Zolfaghar auf IS-Stellungen in der ostsyrischen Provinz Deir al-Sur (NZZ vom 20.6.2017). Dorthin, wo die IS beim Fall von Mosul, Tal Affar und Ar-Raqqa noch stärker abzutauchen scheint: in ihr Kerngebiet entlang des Euphrats. Dorthin, wohin sich auch bereits die Amerikaner und lokale Rebellen bewegt haben. Es geht auch hier um Vormacht. Konkret darum, einen Korridor vom Mittelmehr bis zur Grenze Iraks, südlich des kurdisch beherrschten Norden von Syrien zu installieren. Amerikaner und „Rebellen“ gegen Assad, Russland und den Iran.

Die Kurden schauen zu, machen soweit mit, dass ihre Territorien in Nordsyrien – durch die „Syrian Democratic Forces“ unter Anführerschaft der Kurdeneinheit der YPG – und im Nordirak – durch die Peschmerga-Armee – auch weiterhin unter ihrer Kontrolle bleiben. Im Kommandoposten der Peschmerga in Badnaya antwortete der Vize-General auf die Frage, wieviele Soldaten sie dafür zur Verfügung hätten, strategisch einsilbig: „Enough.“ Dieses im Krieg Erstarken der Kurden macht jedoch wiederum den nun als Diktator herrschenden türkischen Präsident Erdogan fuchsteufelswild. Er demonstriert militärische Potenz an der Grenze und mit Grenzverletzungen. So sind die Kurden einmal mehr im Sandwich. Noch haben sie die Oberhand in ihren Gebieten im Norden Syriens und des Iraks. Noch sind sie bestrebt, die Gelegenheit für sich zu nutzen.

Der Blick auf die Karte zeigt: Sinjar Mountain an der südwestlichen Ecke des Peschmergagebiets liegt an einer Schnittstelle geopolitischer – und damit für die Zivilbevölkerung blutiger – Machtkämpfe. Spätestens jetzt wird spürbar: Der Berg ist nicht nur der Berg der Zuflucht, sondern auch der Berg der Begierden.

Erdogan ist sich dies ebenfalls bewusst: Anfangs Mai 2017 liess er mehrere PKK-Aussenposten mit Kampfdrohnen beschiessen: so auch jenen auf dem Scheitel des Dschabal Sindjar, also auf irakischem Territorium. Dieser liegt in direkter Nachbarschaft zu einer Krankenstation, wo auch die junge Krankenschwester ANJA Schönenberger aus der Ostschweiz bis diese Tage arbeitete und wohin die Hilfsgruppe aus Teufen zwei Koffer voll Medikamenten lieferte. Während die türkischen PKK-Truppen rechtzeitig vom Angriff Wind bekamen und sich verzogen, starb ein irakischer Peschmerga-Soldat. ANJA und die Ärztin Dr. Chansar haben den Angriff der Türken nur knapp überlebt. Seitdem ist die Peschmerga-Präsenz um die Krankenstation erhöht. Kein Meter ohne Begleitung mit Feuerwaffen. Auch so fühlt sich Helfen in Kurdistan an.

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Vor der Krankenstation unter dem Scheitel des Sinjar Mountain: Die Krankenschwester ANJA Schönenberger aus der Ostschweiz, umrahmt von zwei Peschmerga-Soldaten, der Militärärztin Dr. Chansar. Dritter von rechts ist der Ambulanzfahrer ARSHAD, der des Schweizerdeutschs mächtig ist. Er kehrte 2016 nach Kurdistan zurück und ist nun in Diensten der Peschmerga.
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Vereint: Der Peschmerga-Soldat rechts und SHORESH links, einer unserer Fahrer aus des Präsidenten Barzanis Staff. SHORESHS Vater wurde vor dreissig Jahren von der damaligen Peschmerga getötet, als dieser in der Armee von Saddam Hussein diente. Heute eint die beiden jungen Männer der Traum eines eigenständigen Kurdistans.
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Schleichenden Schritts, bewacht durch „unseren“ Peschmerga-Soldaten, entlang dem Posten der PKK auf Sinjar Mountain, auf irakischem Boden. Jenen Posten, der fünfundzwanzig Tage zuvor „Präsident“ Erdogan mit einer Kampfdrohne beschiessen liess.
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Peschmerga-Ausrüstung aus den 1970er Jahren: Grosskalibriges Maschinengewehr auf der Ladefläche eines Pick-ups angebracht.
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Viel Welt nah beieinander: Im Hintergrund der von Erdogans Truppen zerstörte Kommunikationsmast der PKK, die vom Iran unterstützt wird, und im Vordergrund der Peschmerga-Kämpfer, der die Krankenstation der „Autonomen Region Kurdistan“, die sich auch diesen Sinjar Mountain für ihre Unabhängigkeit vom Irak sichern will. 200-300 Höhenmeter weiter unten lebt ein Teil der yezidischen Zivilbevölkerung, die nur eines im Sinn hat: Frieden.

 

Dieser Berg macht es nochmals deutlich: Kurdistan war, ist und bleibt ein strategisch heisses Pflaster.

 

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Yezidische Kinder auf Sinjar Mountain.

 

 

 

 

 

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