ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [Teil 4/7]

[Artikel-Foto: Şingal / Sinjar City. Ehemals eine Stadt vom 300’000 Einwohnern: Zerschossen. Zerbombt. Zerstört. Menschenleer. Entseelt.]

 

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Şingal / Sinjar-City – Apokalyptisch

 

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Fahrt vom Sinjar Mountain Richtung Süden nach Sinjar City. Auf einem der Rücken zwischen den tiefen Erosionsrinnen, die die Nordflanke des Berges prägen. Über eine Serpentinenstrasse von mehr als siebzig Kehren. Im Hintergrund wiederum die Rauchschwaden der letzten mit dem IS in dieser Region umkämpften Spots.

Einiges ist in den vorangegangenen Teilen bereits über den Angriff des IS im August 2014 auf Sinjar City und die Dörfer am Sinjar Mountain gesagt worden. Es war ein Angriff mit einem Ziel: Unterwerfung der Zivilbevölkerung – insbesonders der Yeziden – unter ihre abstrus radikale Ideologie oder Mord.

Die Stadt wurde überrannt. Wer nicht umgebracht oder verschleppt wurde, wer nicht fliehen konnte, wurde von den IS-Banden festgehalten und als Sklaven gehalten. Als sich die kurdische Peschmerga nach dem Überraschungsangriff gesammelt hatte und unterstützt durch die Anti-IS-Koalition zum Gegenangriff überging, mussten die Gefangenen Tunnels graben. In diesen Löchern – ein regelrechtes unterirdisches Netz – verkrochen sich die IS-Schwarzgestalten.

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Unterirdische Tunnel unter der Stadt Şingal.
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Im Hintergrund noch Spuren des Grabens durch gefangen gehaltene Zivilisten der Stadt.

 

Die Peschmerga eroberte vorerst jedoch die Regionen um Sinjar Mountain zurück. Immer mehr rückte man Şingal – Sinjar City – näher. Dörfer wurden befreit. Heute sind diese Dörfer menschenleer. Ohne Seele.

In diese zerschossenen, wenn auch zur teilweise bis auf die Grundmauern zerstörten Dörfer zurückzukehren, wäre jedoch zu unsicher: Niemand traut auch heute im Sommer 2017 der gespenstigen Ruhe am Fusse des Sinjar Mountain. Wenn Mosul ganz befreit würde, könnten sich verbliebene IS-Banden wiederum über den Süden von Sinjar Mountain zurückziehen. Zudem ist es auch deshalb zu gefährlich, weil der IS nach dem Überfall und der Vertreibung Sprengfallen in den Haustrümmern und Gassen installiert hat. Es geht wie geschrieben um Unterwerfung oder Mord: Wer sich ihnen zu entziehen versucht, soll keine Überlebensperspektive haben. Wer ins verlassene Heim zurückkehrt, den soll der Tod ereilen.

So fährt man an den Geisterdörfern vorbei. Der Anblick ist absurd: Dörfer wie Trümmer-Mahnmale in einer öden, aber doch so schönen Landschaft.

Şingal – die strategisch wichtige Stadt an der Achse von Ar-Raqqa nach Mosul – blieb lange umkämpft. Auch ein Jahr nach dem Überfall war sie noch in IS-Hand. Im Herbst 2015 begann man die Grossoffensive „Operation Free Şingal“. Am Boden die Peschmerga-Armee zusammen mit der yezidischen Bürgerwehr HPŞ, der syrischen Kurdenarmee YPG und auch der türkischen PKK, aus der Luft die Anti-IS-Koalition unter Führung der US Army. Am 13. November 2015 vermeldete die Regierung der „Autonomen Region Kurdistan“: „Wir sind einmaschiert.“

Die IS-Mörder, die nicht fliehen konnten, wurden getötet und ihre Leichen lange Zeit offen in den Strassen der Stadt zur Schau gestellt. Die gefangen gehaltenen Zivilisten brachte man in Camps für Binnenflüchtende.

Heute ist die Stadt Şingal, ehemals das Heim von 300’000 Einwohnern – von Yeziden, Christen und Muslimen – zerschossen. Zerbombt. Zerstört. Menschenleer. Entseelt.

 

Der Versuch, in Worte zu fassen, wie ich es persönlich erlebte, durch die Strassen von Sinjar City zu gehen:

Im Hintergrund donnert es, von ­– vielleicht – letzten Kämpfen in der Umgebung von Şingal. Sonst herrscht gespenstische Stille.

Mir fallen die Vögel auf. Verloren wirkend fliegen sie über die Trümmer. Wie wenn noch die Seelen der hier ermordeten Menschen kreisen würden, keine Ruhe findend.

Beim Gang durch die Stadt, kaum Gefühle. Ich fühle mich total leer.
Es ist heiss, und doch schaudert es mich Mal für Mal.

Was für ein Wahnsinn!
Zu was Menschen fähig sind.

Überall nur das Grau des Grauens.

Ich wandle durch diesen Wahnsinn. Fotografiere wie besessen.
Bis ich feststelle, dass ich fast wie in Trance durch das Nicht Fassbare trete.
Das Einzige, woran ich mich klammern kann, ist die Kamera.

Unfassbar ist es.
Apokalyptisch.

 

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