ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [Teil 5/7]

[Artikelfoto: Wie unheimlich ein am Boden liegendes Hemd sein kann. Wie beklemmend ein Ort sein kann, der den schönen Namen „Ztteli“ trägt.]

 

5/7_
 Ztteli – Wo das Gebet auch dem Agnostiker wichtig wurde

Die Fahrt hinaus aus Şingal führt vorbei an den einzigen nicht zerstörten Gebäuden: der Moschee und dem Minarett.

Weiter geht’s nach Osten, in Richtung Tal Afar und Mosul. Doch nicht weit, nur zum nächsten Posten der Peschmerga.

Peschmerga_Nahe-der-Front_web
Peschmerga-Posten ausserhalb von Şingal.

Einer der Soldaten dort begleitet uns. Er führt uns eine kleine Anhöhe hoch, wo etwas von dem stattfand, von dem man viel gelesen und gehört hat. Beim Angriff auf Şingal im August 2014 wurden Tausende Menschen, vor allem Männer zusammengetrieben und an Orte in der Nähe gebracht, wo sie alle innert Kürze umgebracht wurden. Bis heute sind über vierzig (!) Massenhinrichtungsorte und Massengräber gefunden worden. Man schätzt, dass etwa 5’000 Männer, heranwachsende Männer und ältere Frauen – in der IS-Perversion zu alt, um versklavt zu werden  – dort umgebracht wurden.

Ein Massengrab ist nicht gerade das, was man wirklich sehen will. Ein mulmiges Gefühl befällt mehrere von uns. Was erwartet uns? Wie geh ich damit um?

Der Soldat führt uns zu einer Art landschaftlichen Arena. Der Ort trägt einen schönen Namen: „Ztteli“. Wir stolpern über einen Draht, gehen an einer belanglos am Boden liegenden Tafel vorbei. Darauf ist ein UN-Logo erkennbar. Dann werden die Schritte des Soldaten langsamer, er bleibt stehen, signalisiert: Acht geben! Vorerst ist nichts zu sehen. Erst beim langsam Voranschreiten und genauer Hinschauen erkennt man erste Überreste. Vorerst nur Textilien. – Die UN-Kommission war da. Das, was man als „Grab“ bezeichnet, wurde offenbar mehrheitlich geräumt. – Umso prägender wirken die verbliebenen Überreste. Sie machen das Ganze noch unheimlicher.

 

Grab_1_web

Grab_1_freigestellt_web

 

Der Soldat, die drei Fahrer, unser Begleiter, sieben Reiseteilnehmer – alle schweigen. Behutsam schreiten wir voran. Jede und jeder ist auf sich alleine fokussiert, und auf das, was sie/er erblickt. Es ist beklemmend. Sehr beklemmend. Die Augen füllen sich mit Tränen. Es scheint allen so zu ergehen. Fassungslos stehen wir herum, gehen wieder ein paar Schritte. Innehaltend. Nach Fassung ringend.

 

Grab_2_web
Das Shirt eines noch Jugendlichen. – Bei näherem Blick: Jedem Fussballfan stockt der Atem.

Grab_4_web

 

STEFAN Staub, nicht nur der ‚Chef‘ der Truppe, er ist auch Diakon der katholischen Kirche Teufen und Seelsorger in der Schweizer Armee, ergreift das Wort und sagt, er würde gerne ein Gebet halten. Er hebt die Arme und macht das, was er kann: zu den Menschen und zu Gott sprechen. Es sind ’schöne‘ Worte, gute Worte. Einordnend. Erklärend. Aber auch unversöhnlich. Anklagend. Später erzählt er: Bizarr sei es gewesen. – Das sagt einer, der schon mehrmals im bosnischen Srebrenica war. Dort, wo 1995 mehr als 8’000 Bosniaken nach Plan umgebracht und verscharrt wurden. Es war das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. – Nicht einmal die Knochenresten seien das Schlimmste gewesen, erzählt STEFAN. Vielmehr der ganze Ort in dieser landschaftlichen Vertiefung. – Ich seh vor mir, biblisch gesprochen, so etwas wie eine Vertiefung hin zur Hölle. Eine Vertiefung, in der das abgrundtief Böse des Menschen geschützt vor der Umgebung wüten konnte. – Der Diakon erzählt im Nachhinein weiter: Sich versöhnen oder verzeihen hätte er nicht können. Das stünde ihm auch gar nicht zu. Er hätte vor allem eines verspürt: Ohnmacht und Wut. Diese Wut sprach er auch vor Ort an, legte sie in improvisierte und doch sehr gepflegte Worte. Auch wie unverständlich dieser Hass sei, den Menschen entwickeln können.

Der Soldat erzählt: Innert einer guten Stunde sollen hier mehr etwa 1’200 Menschen ermordet worden sein – in einem Rausch aus ideologisch getriebenen Hass.

Alle hören dem betenden Geistlichen zu, auch die Kurden, die nicht verstehen, was er sagt, aber allein wie er es sagt, gibt ihnen zu spüren, dass es wichtig ist. Und richtig. So ergeht es auch mir als Agnostiker. Wie froh bin ich in diesem Moment um STEFANS Worte. Wie dankbar. Es hilft, eine innere Ruhe zu entwickeln, um angemessen fokussiert die Aufmerksamheit auf das zu richten, was sich meinen Augen offenbart.

 

Grab_3_web

Grab_5_web

Grab_6_web

Grab_7_web

 

Jede(r) zieht sich dann für sich alleine zurück. Von diesem Ort grösstmöglicher menschlicher Verderbnis. Meist schweigend ziehen wir von dannen. Fahren los.
Mit gequollenem Herzen.
Gedankenverloren.
Leer.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s