ZU DEN WURZELN … BIS DAS HERZ BRICHT. [Teil 6/7]

[Artikel-Foto: Tausende Frauen, teils noch Kinder, vom Volk der Yeziden wurden seit August 2014 von den IS-Schwarzgestalten verschleppt, versklavt, missbraucht. Noch immer befinden sich um die 3’000 Frauen und Kinder in der IS-Foltergewalt. Ein Treffen mit achtzehn befreiten Frauen im Camp „Bajet Kandala“, Provinz Dohuk, Autonome Region Kurdistan, Irak.]

 

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Blick in den Abgrund – Wenn aus der Versklavung befreite Frauen einem in die Augen schauen

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„Die Sache ist erledigt. Deine Schwester ist jetzt bei uns.“
Mit diesen sarkastischen Worten antwortete ein IS-Terrorist auf einen Anruf aus Deutschland aufs beschlagnahmte Handy einer Yezidin (ZEIT Online vom 9.8.2014).

***

Auf der Fahrt zurück nach Erbil – Mosul umfahrend – war mir bewusst, es kommt noch ein weiterer Stopp. Wir sahen das Schicksal vertriebener Yezidinnen und Yeziden auf Sinjar Mountain. Wir erlebten die zermalmte Stadt Şingal. Wir erfuhren die Gefühle, die einen erfassen, wenn man an einem Massengrab steht. Alles an einem Tag, und jetzt sollten wir noch Yezidinnen treffen, die aus der Gewalt des IS befreit wurden.

Es war bereits eingedunkelt. Die Hoffnung hing in der Luft, dass wir vielleicht doch schnurstracks nach Erbil ins Hotel fuhren. Es war genug. So das Gefühl. Doch da dreht das Auto nach rechts ab, hinein in ein Camp: „Bajet Kandala“, wo 11’000 Yezidinnen und Yeziden auf eine neue Zukunft warten. Also doch: Es geht weiter.

Wir steigen aus. Im Nu blicken uns neugierige Augen an. Vor allem von Kindern. Wir müssen etwas warten. Allein, dass man sich den Kindern zuwendet, führt dazu, dass sofort dreissig, vierzig, fünfzig Kinder sich um einen scharen. Frohe Stimmung kommt auf. Balsam für den Schweremut und die Leere, die im Auto gerade auch noch mitfuhren.

Die Kinder feiern sich, und uns.

 

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Kinder im Camp „Bajet Kandala“

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Da fährt ein Auto vor. Schnell stehen mehrere Menschen darum herum. STEFAN Staub vernimmt, was vorgeht. Auf dem Rücksitz des Autos ist eine junge Frau mit einem Kind, zweieinhalbjährig. Die Frau habe in wimmernden Ton erzählt, dass sie vor drei Tagen erst aus der Gewalt der IS-Schwarzgestalten befreit worden sei. Freigekauft. Das Kind auf ihrem Schoss stammt von einem ihrer Schänder. Es ist ihr Kind. Nun soll sie selbst jedoch nicht mehr Kind ihrer eigenen Familie sein. Diese hat sie nach ihrer Rückkehr verstossen. Sie ist untröstlich. Ihr junger Ehemann, der dem IS lebend entkam, sei bereits während ihrer Gefangen- und Knechtschaft verrückt geworden. Aufgrund der Vorstellungen, was seiner Frau widerfahren sein könnte, sei er völlig durchgedreht.

Im Hintergrund das Freudengejohle der Kinder. Vor uns dieses Schicksal am Abgrund. Und ich stelle fest, ich kann mich zwar schon ein wenig mit den Kindern ablenken. Aber das verd… Thema will seine Aufmerksamkeit!

So kommt es: Wir werden zuerst in den abgezäunten Managementbereich des Camps geführt, dann in einen hell beleuchteten Container. Am langen Tisch sitzt eine Gruppe Leute, an den Wänden mehrere Frauen. Die am Tisch Sitzenden müssen nun den Raum verlassen, die Frauen setzen sich dran. Ich zähle zuerst vierzehn Frauen, stelle dann fest, die Jugendlichen dazwischen – vier sind’s – zählen auch zu jenen Frauen, die den Mut aufbrachten, die Delegation aus der Schweiz, begleitet durch die lokale Barzani Charity Foundation, zu treffen. Hier in diesem ungemütlichen Container. Noch viel ungemütlicher, das Thema.

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Einige der aus dem IS-Terroir befreiten Frauen. Zum Schutz ihrer Identität nur von Hinten fotografiert.

 

Wiederum ergreift unser Delegationsleiter, der Diakon STEFAN Staub, das Wort, bedankt sich herzlich, sucht nach passenden Worten, die er an die anwesenden Frauen richten kann, um ihnen Zuwendung zu zeigen, um ihnen unseren Respekt zu bekunden, um sie vor allem spüren zu lassen, dass sie nicht alleine sind, dass wir an sie denken. Zuerst eine Brücke der Mitmenschlichkeit aufrichten. „Wir sind ohnmächtig, sprachlos, aber wir sind in Gedanken und im Gespräch mit Ihnen.“

Ein leeres Versprechen für weitere Unterstützung abzugeben, das man dann vielleicht nicht einlösen kann, weil man nicht weiss wie, vermeidet er. – Wie soll hier in dieser Camp-Einöde, wo es an vielem fehlt, schwersttraumatisierten Menschen geholfen werden? Ohne ausreichend professionelle Unterstützung, ohne ausreichend Mittel? Wieviele Traumaspezialistinnen gibt es im Irak? – Wieviel betroffene yezidische Frauen es gibt, die vom IS verschleppt, versklavt, missbraucht wurden, dazu gibt es wenigstens Schätzungen: 2’915 Yezidinnen, darunter fast die Hälfte Kinder oder Jugendliche, seien der Gefangenschaft entkommen, berichtet im April 2017 IRAQINEWS. 3’500 seien noch in Gefangenschaft. 6’000, 7’000 Einzelfälle, gar mehr?

Eine Frau ergreift das Wort und erzählt: Sie sei für 20’000 US-Dollars freigekauft worden. Bei zahlreichen Stellen wurde das Geld dafür gesammelt. Sie sagt nicht, ob sie von Schleppern für Geld rausgeholt wurde. – Eines wird jedoch deutlich, auch das Ende der Versklavung ist nochmals ein Geschäft. – Der Frau ist es primär ein Anliegen klarzumachen, dass sich noch weitere einundzwanzig Angehörige in der IS-Gewalt befinden. Ihre Befreiung scheint ihr auch eine Last zu sein.

Nun sind auch zwei weitere Frauen ermutigt, etwas zu sagen. Sie lassen uns wissen, sie hätten alles verloren: Ihre Männer – diese wurden alle hingerichtet (siehe Teil 5/7) –, ihre formale Identität, die an diese Männer verknüpft war. Sie hätten zahlreiche andere Angehörige verloren. Sie hätten kein Geld, keine Perspektive. Was sie nicht sagen, aber sich vielleicht erhoffen: Sie haben keine Betreuung. Nichts ist ihnen geblieben als das Leben. Was können sie von diesem in ihrer Situation noch erwarten?

Was die Frauen nicht erzählen wollen, ist das, was ihnen erfahren ist. Es ist wohl allen im Raum recht, nichts Genaueres zu erfahren. Auch so ist die Beklemmung gross.

Spricht der Diakon – später wird er sagen, er hätte sich kaum je so übel gefühlt und in seiner Unbeholfenheit so einen Stuss gesagt, was natürlich nicht zutraf –, werden seine Worte vom  Chief Operator der Teufener Hilfsinitiative, UELI Schleuniger, ins Englische übersetzt, und von Eskandar „ALEXANDER“ Salih von der Barzani Stiftung weiter ins Kurdische und umgekehrt. ALEXANDER und UELI, die ja schon vieles in Kurdistan oder Griechenland erlebt hatten, fällt es schwer, beim Übersetzen der Worte noch ausreichend Contenance zu bewahren. Ihre Stimmen werden immer brüchiger. Zu belastend ist die Situation hier drin in diesem Container, zu belastend die Worte, die Schicksale. Viele kämpfen damit, nicht loszuheulen.

Umso wichtiger sind deshalb diese tapferen Frauen hier, die sich nicht verstecken. Umso wichtiger sind Frauen wie Nadia Murad Basee Taha. Richtig bewusst wurde mir persönlich diese heute vierundzwanzigjährige Frau vor einem Jahr im Camp „Petra“ in Griechenland: im Yeziden-Camp mit gut 1’500 nach Europa geflüchteten Yezidinnen und Yeziden. Nadia Murad ist ihre grosse Heldin. Am 15.8.2014 erlebte sie das „Massaker von Kocho“, einem ländlichen Dorf nahe Şingal, wo sie sechs Brüder und ihre Mutter verlor. Diese wurde als zu alt befunden, um als Sklavin zu dienen. 700 weitere wurden hingerichtet. Nadia selbst und ihre zwei Schwestern wurden verschleppt. Nach drei Monaten Gefangenschaft konnte sie sich jedoch aus eigener Kraft befreien.

In einem Sonderprogramm des Landes Baden-Württemberg durfte sie später mit einer ihrer Schwestern und weiteren 1’100 Frauen nach Deutschland ausreisen. – Erst dank dieses Sonderprogramms bekam sie in Sicherheit die Möglichkeit, für sich und ihr Volk das zu tun, was so wichtig wurde. – Sie fand die Kraft, zu erzählen, was ihr, ihrer Familie und ihrem Volk widerfahren war. Die Deutsche Welle (DW) zitiert Nadia Murad: „Über sexuellen Missbrauch zu sprechen, sei in östlichen Kulturen zwar schwierig. ‚Aber vor mir haben schon andere Frauen ihre Stimmen erhoben. Nur haben viele das Gefühl, dass es nichts nützt, weil ihnen sowieso niemand zuhört.‘ Aber sie könne alle Yezidinnen nur ermutigen, von ihren Erlebnissen zu erzählen, damit die Welt von diesen Verbrechen erfahre.“ Nadia Murad traut sich öffentlich darüber zu sprechen, wie sie nach der Gefangenschaft einem IS-Terroristen „geschenkt“ wurde, wie sie gefoltert wurde, wie sie Opfer von täglichen Vergewaltigungen wurde, auch von Massenvergewaltigungen. Sie erzählt von anderen Frauen, die wie auf Viehmärkten von einem Schänder zum nächsten verkauft wurden.

Ein anderes Schicksal der Gefangenschaft, der Trennung von Familien und der Wiedervereinigung lässt sich bei der Amerikanerin Emily Feldman auf DAILY BEAST eindrücklich nachlesen: „Separated as Slaves by ISIS. Reunited as Refugees.“ – Als Übersetzer fungierte der Yezide Waleed „SAM“ Salih, der seit dreieinhalb Jahren in Hannover lebt und als Freiwilliger in Griechenland für „schwizerchrüz.ch“ und im Irak hilft.

Der Mut von Nadia Murad, mit ihrem Schicksal und demjenigen ihres Volkes an die Öffentlichkeit zu gehen, machte die zierliche Frau zur vielbeachteten Freiheitskämpferin. Dabei wird sie von wichtigen Leuten unterstützt. So von der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney – Der Nachname ist bekannt: Sie ist George Clooneys Ehefrau. – So auch von „YAZDA“, einer Organisation, die sich der Yeziden annehmen. So entstand auch „Nadia’s Initiative“, unter deren Zielen eines zentral ist: Dem Schicksal der Yezidinnen und Yeziden und anderen verfolgten Minderheiten auf globaler Ebene nicht nur Gehör zu verschaffen, sondern zu deren Gunsten auch social and political impact einzufordern. Denn etwas treibt sie voran: Allein vom Volk der Yeziden befinden sich immer noch Tausende in den brutalen Fängen des IS.

Ihr Engagement zeigt Wirkung: Im Oktober 2016 wird Nadia Murad als erste Betroffene überhaupt UN-Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel – offiziell: „UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel“. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte anlässlich der Verleihung, er sei „zu Tränen gerührt“ vom Schicksal der jungen Frau, aber auch von „ihrer Kraft, ihrem Mut und ihrer Würde“.

Viele reissen sich nun um sie. Sie und ihre Unterstützer nutzen diese Öffentlichkeit für ihre politischen Forderungen gegenüber den Mächtigen dieser Welt, ob nun im Irak, in Griechenland, in Ägypten, in der Europäischen Gemeinschaft. So wird ihr 2016 denn auch der Menschenrechtspreis des Europarates – der „Vaclav-Havel-Preis“ – verliehen. Im Dezember 2016 folgte der „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“: Zusammen mit der 18-jährigen Lamiya Aji Bashar, die nach mehr als eineinhalb Jahren erst im Frühjahr 2016 entkam, mit einer Freundin, die auf der Flucht aber starb, weil sie auf eine Mine trat. Lamiya Aji Bashar erlitt schwere Verletzungen.

> Die 23-jährige Nadia Murad und die 18-jährige Lamiya Aji Bashar in einem Interview des ZDF vom 17.12.2016.

> Und ihre Reden vor dem Europäischen Parlament anlässlich der Preisverleihung: Die zwei Frauen kommen ab Minute 12:10 zu Wort.

So ist Nadia Murad zur mächtigsten Stimme des Volkes der Yeziden geworden. Und Amal Clooney will den Fall Nadia Murad vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bringen und erreichen, dass die Verbrechen an den Yezidinnen als Völkermord eingestuft und die Täter verurteilt werden. – Wegen ihres furchtlosen Engagements wird Nadia Murad noch heute vom IS verfolgt und mit dem Tode bedroht. Doch der Tod habe seinen Schrecken verloren, sagt Nadia. „Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten.“ (DW, 7.10.2016)

Von ihren Mit-Yezidinnen und -Yeziden wird sie geliebt. Ich erinnere mich an das Leuchten in den Augen, als nicht nur Frauen, auch Männer mir im griechischen Flüchtendencamp „Petra“ bei Katerini von ihrer Nadia berichteten, während sie sich Ende Juli 2016 für das zweijährige Gedenken des Genozids an ihrem Volk vorbereiteten. Plakate wurden gemalt, auch ab Vorbildern auf dem Handy, im Zentrum: Ihre Nadia. Und ihre Forderungen.

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> Link zur damaligen Reportage aus dem Camp „Petra“ bei Katerini, Griechenland

Wohl alle von uns hörten bereits von solchen Geschichten der Verschleppung, Folter, Ausbeutung, vom Austragen und Annehmen von Kindern, die von ihren Schändern stammen: Wir kennen’s vom Balkan-Krieg, wir vernehmen’s von den Verbrechen der Terroristen von Boko-Haram in Nigeria. Das Beispiel des IS ist so unfassbar pervers, weil die Unterdrückung auch noch durch und durch systematisch erfolgt. Man fühlt sich an die Systematik des Nationalsozialismus im Dritten Reiche erinnert.

Als wir mit den Yezidinnen in diesem Container sitzen, steckt mir dieser Hintergedanke im Nacken. Ich sehe die jungen Frauen. Teils sind sie noch Teenager-Frauen. Ich seh ihre starren, leeren, auf den Tisch gerichteten Blicke. Ihnen dann, wenn auch nur kurz, in die Augen zu sehen: Es ist … unerträglich. Es ist nicht auszuhalten. Es bricht uns allen das Herz.

Herzzerreissend gar war der kalte, regungslose Blick jenes vielleicht elfjährigen Mädchens, das mit ihrem Vater im Container anwesend war. Auch sie war gefangen, auch sie wurde missbraucht. Lamiya Aji Bashar erzählte vor dem Europäischen Parlament ebenfalls von neun bis zehnjährigen Mädchen, die noch immer gefangen gehalten werden. Der Blick des Mädchens im Container ist … Es fehlen die Worte.

Was für eine Prüfung! Ich seh’s UELI an, ich spür’s an den Worten von STEFAN, ich erkenn’s in den Blicken der anderen. Unerträgliche Momente … und doch spüre ich selbst schon im Container, es ist richtig. Erst recht, als INGE Schmid und MARIANNE Krummenacher den Frauen ein eigens für sie zusammengestelltes Beauty Case überreichen. Ein Nichts, gemessen am erlittenen Leid und dem so belasteten Schicksal. Doch das kurze Aufflackern eines Lächelns beim Überreichen und Umarmen zeigt: Es ist richtig. Hingehen, zuhören, Anteil nehmen ist ein Anfang. Und gut, dass es da ja noch bereits Murads, Clooneys, Yazda und andere gibt. Darauf lässt sich aufbauen. … Die Auffangnetze können ja noch engmaschiger werden.

An jenem Abend jedoch – dem Abschluss dieses Tages voller Begegnungen mit dem menschlichen Wahnsinn – ist die Stimmung noch einseitiger. Ausweglos erscheinend.

Wir verabschieden uns, nicht ohne nochmals weitere herzliche Blicke und Worte auszutauschen. Dann steigen wir wortlos in die Autos und fahren gebrochenen Herzens durch die dunkle Nacht Richtung Erbil.

 

 

 

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